Body Count – „Carnivore“


Künstler Body Count

Body Count Carnivore Review Kritik

Den Barbaren in uns thematisieren Body Count auf „Carnivore“.

Album Carnivore
Label Century Media
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Das siebte Studioalbum von Body Count kommt mit einer guten und einer schlechten Nachricht daher. Die gute zuerst: Ice-T, Ernie C und Co. sind auf Carnivore immer noch sagenhaft hart, mies gelaunt und äußerst überzeugend dabei. Die schlechte: Sie finden immer noch mühelos genug Anlass dazu und reichlich Gründe, sich aufzuregen. Neben den auch hier sehr präsenten Gang-Rivalitäten in ihrer Heimatstadt Los Angeles sind das vor allem Rassismus und soziale Ungleichheit, und genau das macht die Rap-Metal-Veteranen auch im 30. Jahr ihres Bestehens so bedeutend.

Der Titelsong eröffnet das Album wütend und brachial; spätestens, als nach zwei Minuten zum Gitarrensolo die Double-Bassdrum losmarschiert, ist das tatsächlich furchteinflößend. Carnivore verweist auf das Biest und das Tier in uns allen. „Digest, dispose, kill, repeat“, wird unsere Routine beschrieben, deshalb ist auch unsere Geschichte so barbarisch: „Ever since the birth of man / humans died by human hand / swords, bullets, guns and knives / armies, countries, gangs and tribes.“ Es ist ein cleverer Schachzug, dass sich Body Count dabei einschließen, denn so geraten sie von Beginn an nie in Verdacht, moralisieren oder klugscheißen zu wollen. Für Fans der ersten Stunde dürfte dieser Auftakt auch beweisen, dass die Band auch im fortgeschrittenen Alter noch reichlich Lust auf Hardcore hat (Ex-Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo ist einer der Gäste auf der Platte, die wie die Vorgänger Manslaughter und Bloodlust wieder von Will Putney produziert wurde).

Weitere Nachweise dafür liefern beispielsweise Colors, eine Metal-Version von Ice-Ts gleichnamigem Hit aus dem Jahr 1988. Der Track („My game ain’t knowledge / my game’s fear“) ist auch in dieser Fassung schlicht, aber wirkungsvoll wie der Ein-Wort-Refrain. Das unerbittliche No Remorse zeigt, dass die Brutalität von Body Count weiter schockieren kann, auch im Text: „I refuse to say I’m sorry / I refuse to give a fuck about how you feel“, heißt der erste Vers, später folgt dann: „If you was on fire, I wouldn’t piss on you / if you was starvin’, I wouldn’t fix you a hot bowl of shit.“ Die Warnung „I’m done with the bullshit / I ain’t fuckin’ ‘round no more“ in Thee Critical Beatdown ist beileibe kein Lippenbekenntnis, sondern Ausdruck wilder Entschlossenheit, nachdem irgendeine Aktion eines schon lange nervenden Gegners das Fass zum Überlaufen gebracht hat. The Hate Is Real schließt das Album mit einer halsbrecherischen Lehre ab: „The love is fake / but the hate is real.“

Nicht alles auf Carnivore ist so inspiriert. Dass die beiden am wenigsten überzeugenden Songs der Platte solche mit Gaststars sind, ist aber vielleicht ein Zeichen dafür, dass Body Count aus sich selbst heraus derzeit wohl am stärksten sind. Another Level (mit Jamey Jasta von Hatebreed) wird trotz der Behauptung „Now I’m on another level“ etwas gewöhnlich – auch das Thema, nämlich die Genugtuung gegenüber einem einstigem Widersacher, vielleicht auch Wegbegleiter, ist etwas unter ihrem Niveau. Für When I’m Gone konnten sie Amy Lee (Evanescence) gewinnen, auch hier ist die Ausgangssituation beinahe konträr zur sonst üblichen Attitüde. Der Song nimmt den Mord am Rapper Nipsey Hussle (genauer gesagt: die Reaktion darauf) zum Anlass für die Botschaft: Aufmerksamkeit, Liebe, Zuspruch sollte man lieber jetzt schenken als erst dann, wenn es zu spät ist. Das ist etwas plump, auch der Gesang von Amy Lee wirkt letztlich hineingezwängt.

Auch die beiden Live-Mitschnitte aus Australien von der 2017er Tournee sind nicht wirklich zwingend, schon eher gefällt da ein weiterer Bonustrack: Das bisher unveröffentlichte Demo 6 In Tha Morning enthält viele gute Ideen und wird lediglich etwas zu lang (was aber in erster Linie daran liegt, dass hier tatsächlich eine Geschichte erzählt wird, natürlich wieder über Willkür der Cops). Dieses Thema hat auch Point The Finger feat. Riley Gale (Power Trip). Dass Body Count 28 Jahre nach Cop Killer noch immer eine Abrechnung mit Polizeigewalt („They shoot first and ask questions last“) auf Platte bannen müssen, ist natürlich erschütternd, macht ihr Anliegen aber nur um so dringlicher.

Ein Highlight ist das Cover von Ace Of Spades. In der davor zu hörenden Widmung nennt Ice-T artig Motörhead als eine der Bands „who motivated and inspired our sound“. Ihre ziemlich originalgetreue Version macht den Vorbildern alle Ehre. Noch einen Tick besser wird das geradezu atemlose Bum-Rush. Hier beschränkt sich die Wut nicht auf Cops, Politiker, Bonzen oder Rivalen. Stattdessen erweist sich der Song als Aufruf zu Solidarität und Aufruhr. Der Schlachtruf darin heißt „Body Count“, und er ist nach wie vor verdammt anstachelnd.

Im Video zu Bum-Rush schlagen Body Count zurück, auch medial.

Body Count gibt es im Sommer 2020 live zu sehen:
24.06.2020 Berlin, Tempodrom
27.06.2020 AT.Wien, Arena
29.06.2020 Oberhausen, Turbinenhalle
01.07.2020 München, Tollwood Festival
02.07.2020 AT-Zürich, Komplex 457

Body Count bei Facebook.

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