Futter für die Ohren mit Austra, Julia Stone, C’est Karma, Sophie Hunger und Julia Marcell


Girls Karma Catena C'est Karma Review

C’est Karma singt gegen Sexismus und Ungleichheit. Foto: Radicalis/Martin Goldbergs

Zum internationalen Weltfrauentag ist das „Futter für die Ohren“ heute rein weiblich, und wir beginnen mit einem Song, der nicht besser zu diesem Anlass passen könnte. C’est Karma (hinter diesem Namen verbirgt sich die Luxemburgerin Karma Catena) betrachtet ihre neue Single Girls (***1/2) als Hymne für Female Empowerment. Es geht um Ungleichbehandlung im Allgemeinen und die ungerecht hohen Ansprüche, die an Frauen gestellt werden, im Speziellen. Man kann dem zarten Sound mit dezenter Elektronik die ermüdende Frustration anhören, die alltäglicher Sexismus mit sich bringt, ebenso wie die Größe der Hoffnung auf die Zeit, in der das nicht mehr so sein wird. Das Video unterlegt das mit ein paar Bildern vermeintlicher körperlicher Makel, die Frauen zu schaffen machen sollen, bei Männern hingegen kein Thema sind. „Man hat mir immer gesagt, dass ich alles machen kann was ich mir wünsche. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mir mein Geschlecht dabei im Weg steht, dass ich für Sachen kämpfen muss, weil ich eine Frau bin“, sagt die 18-Jährige, die als Straßenmusikerin begann, 2018 mit dem Luxemburg Music Award als „Best Upcoming Female Artist“ ausgezeichnet wurde und 2019 ihre erste EP veröffentlicht hat. Ihr Engagement ist übrigens bei weitem nicht auf die Musik beschränkt. Karma Catena organisiert in ihrer Heimat auch Klimastreiks mit. Im April und Mai ist sie auch viermal live in Deutschland zu erleben.

Schon den dritten Vorboten auf ihr neues Album Skull Echo (erscheint am 27. März) schickt Julia Marcell mit der Single Nostalgic (***) ins Rennen. Auch hier kann man durchaus die Suche nach Identität als Thema sehen. „Wenn ich über meine eigene Nostalgie nachdenke, frage ich mich, wie sehr ich mich eigentlich nach dem Echten sehne. Wie viel von dem, woran ich mich erinnere, erfinde ich?“, sagt die zwischen Berlin und Warschau pendelnde Sängerin, Songschreiberin, Autorin und Regisseurin. Dass sie sich für das Lied bei den Eighties hat inspirieren lassen („als das Leben wie ein Musikvideo war und alle in New Yorker Lofts lebten“, lautet ihre Vorstellung von dieser Ära), hört man dank der dominanten Synthies und eines Slap-Bass deutlich. Ebenso spürt man ein Gefühl von Verlorensein und Verwirrung, für die sich als Ausweg vielleicht die Zukunft anbietet, wahrscheinlicher aber die Zweisamkeit.

Gleich zwei neue Songs gleichzeitig, die Lust auf ihr siebtes Album (kommt im Sommer) machen sollen, hat Sophie Hunger gerade veröffentlicht. Auch ihr spuken in Security Check (***1/2) ein paar Affen durch den Kopf, die Sehnsucht nach Freiheit ist ebenfalls offenkundig. Das Lied reflektiert „diese Absurdität, eine Sicherheitskontrolle über sich ergehen zu lassen, während man innerlich zerbricht“, sagt die in Berlin lebende Schweizerin. Das alles setzt sie zu einem schwebenden, eleganten Sound um, der gemeinsam mit Produzent Dan Carey entstanden ist, mit dem sie schon beim Vorgänger Molecules (2018) zusammengearbeitet hat. Für das noch namenlose neue Album, das laut Sophie Hunger rund um den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Imagination kreist, wurden alle Stücke live in einem Take aufgenommen, und zwar in den Londoner Abbey Road Studios. Den Schluss des Songs darf man als Fingerzeig sehen: Die neue Platte soll noch etwas elektronischer werden.

Austra sind natürlich eine Band, aber weil Katie Stelmanis erstens das einzig feste Mitglied und zweitens die deutlich dominierende Kraft dabei ist, sind sie im Frauentags-Spezial natürlich trotzdem am richtigen Platz. Bezeichnenderweise geht es auch bei ihr auf dem neuen Werk um Sinnsuche und Emanzipation, getrieben in diesem Fall vor allem von einer ausgewachsenen Beziehungskrise. HiRUDiN, das am 1. Mai als viertes Album von Austra erscheinen wird, dokumentiert die Erkenntnis, in einer toxischen Beziehung zu stecken, den Ausbruch daraus und die Erholung davon. Anywayz (***) ist die zweite Vorab-Single. „Es geht um die Angst, jemanden zu verlassen und die schreckliche Erkenntnis: Wenn diese Person nicht mehr Teil deines Lebens ist, wird sich der Rest der Welt einfach unbekümmert weiterdrehen, als sei nichts geschehen“, erklärt Katie Stelmanis. Das Video macht daraus eine Geschichte von Kerker, Labyrinth und Beklemmung. Das ist natürlich reichlich dramatisch – aber damit schön passend für den Austra-Sound.

Einen weiteren Beweis für die These, dass Frauen die besseren Menschen sind, liefert derweil Julia Stone. Sie hat das Projekt „Songs For Australia“ ins Leben gerufen. Etliche internationale Stars (darunter Martha Wainwright, Damien Rice oder The National covern darauf die Hits von australischen Künstlern (etwa INXS, The Go-Betweens oder Nick Cave), die Erlöse gehen an gemeinnützige Organisationen, die den Wiederaufbau nach den verheerenden Buschfeuern in ihrem Heimatland Australien in die Hand nehmen wollen. Seit zwei Tagen gibt es das Benefiz-Album als Download, im Juni wird ein physischer Tonträger folgen. „Ich konnte nicht glauben, wie groß der Zuspruch war. Ich bekam sehr viele warmherzige Reaktionen von einigen der größten, meistbeschäftigten Künstler der Welt. Viele von ihnen haben hier getourt, haben Freunde oder Familie in Australien oder haben hier eine Weile gelebt. Jeder hat so wundervolle Erinnerungen an dieses Land. Es jetzt in Flammen zu sehen, hat ihnen das Herz gebrochen“, sagt sie. Julia Stone hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, auch musikalisch auf der Platte mitzuwirken. Sie hat Midnight Oils Beds Are Burning (***1/2) aufgenommen, ihre Stimme wird dabei fast nur vom Klavier und einigen Nachrichten-Samples rund um die Umweltkatastrophe begleitet. Das wird ähnlich bedrohlich wie das Original (Midnight-Oil-Sänger Peter Garrett war später übrigens Umweltminister in Australien), wenn auch mit ganz anderen Mitteln. Ehrenwert.

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