Vincent Gross – „Möwengold“


Künstler Vincent Gross

Vincent Gross Möwengold Kritik Review

Erinnerungen an Besuche bei seinen Großeltern haben Vincent Gross inspiriert.

Album Möwengold
Label Ariola
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Vielleicht fangen wir sicherheitshalber mit den Eckdaten an. Vincent Gross ist ein 21-jähriger Schweizer, der mit Möwengold sein zweites Album vorlegt. Seine ersten musikalischen Gehversuche stießen bei YouTube auf einige Resonanz, 2016 belegte er beim schweizerischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest Platz 3, im Jahr darauf kam sein Debütalbum Rückenwind heraus. Die Plattenfirma bezeichnet seine Musik als „modernen Schlager“, und welche Zielgruppe damit angesprochen werden soll, verrät vielleicht die Tatsache, dass Vincent Gross zuletzt mit Maite Kelly auf Tour war, an die im Booklet der CD auch ein großes Dankeschön geht.

Was mit „modern“ gemeint ist, offenbart Möwengold dann aber auch schnell im Sound. Die üblich Heile-Welt-Thematik wird hier zugeschüttet mit einem fast permanenten Mallorca-Schlagerbums. Dazu kann auch mal ein Gitarrensolo aus dem Schweinerock kommen (Nordlichter), reichlich Eurodance (Dieser Beat) oder Auto-Tune (Herz aus Glas). Um ein Folk-Fundament mit Simpelbeat à la Milky Chance ist Ich schwöre aufgebaut, eine akustische Gitarre bildet die Basis von Wer schläft schon gern allein, das später noch ein paar Coldplay-Ohoho-Chöre auffährt. Du bist wunderbar wurde von Stefan Zauner (Münchner Freiheit) mitgeschrieben, würde aber auch perfekt ins Repertoire von PUR passen. Spätestens bei Supersommer bleibt nur die Erkenntnis: Noch plumper kann man Musik nicht machen.

Das alles wäre schon schlimm genug, richtig fies wird Möwengold aber durch seine Texte. Laut.de hat diesem Album „totale hirnzerstörende Wirkung“ attestiert, und diesem Urteil kann man sich (falls das Hirn noch nicht zerstört ist) nur anschließen. Für die 14 Lieder auf dieser Platte braucht Vincent Gross sagenhafte 20 (Co-)Autoren, darunter ist schockierenderweise auch Tobias Jundt alias Bonaparte, der mit Teddybear zumindest ein Lied beisteuert, das von anderen Interpreten in anderem Kontext wohl erträglich wäre. Das Ergebnis ist trotz dieser Vielzahl an Beteiligten sehr einheitlich in seiner Schwachsinnigkeit, und zwar vom ersten Lied an.

Nordlichter eröffnet das Album mit einer ekelhaften Beschwörung des vermeintlich einfachen Lebens und vermeintlich wahren Glücks („Endlich Zeit für mich / und alle Freunde / weil unser Leuchten aus dem Herzen kommt“), bevor es die komplett bescheuerte Erklärung dafür gibt, warum ein Schweizer hier vom Leben an der Küste singt: „Wir sind die Nordlichter / weil irgendwo irgendwas weiter im Süden ist.“ Dass Vincent Gross als Kind oft zu Besuch bei seinen Großeltern an der Nordsee war, könnte man vielleicht als mildernden Umstand ins Feld führen, aber bei genauerer Betrachtung erweist sich das keineswegs als Pluspunkt, im Gegenteil: Gerade, weil man diesem jungen Mann glaubt, dass er hinter seinen Liedern steht und womöglich wirklich so nett und bodenständig ist, wie er sich hier verkaufen will, entwickelt Möwengold seine toxische Wirkung. Denn dieses Gefühl von Heimeligkeit und Authentizität ist es wohl, dass die meisten seiner Hörer nicht bemerken lässt, wie sinnbefreit seine Lieder sind.

Ein paar Beispiele? „Hör auf deinen Herzschlag / tu, was dein Herz dir sagt“, singt Vincent Gross in Wer schläft schon gern allein. Befolgt man seinen Rat, würde man also Folgendes tun: bum, bum, bum, bum. „Ich habe das Gefühl, mich zu verlieben“, teilt er uns in Dieser Beat mit, und man möchte ihn fast beglückwünschen für die Erkenntnis, dass Verliebtsein ein Gefühl ist. Sarah erweist sich als Pianoballade, und passend dazu wird dann gereimt: „Ich sitze alleine hier / und spiele für dich Klavier.“ Wenn der Schweizer in Unfassbar gut küssen singt, er „will Liebe verschwenden / mit Lippen und Händen“, dann muss man an eine sexuell übertragbare Krankheit denken. Auch Du hast Schluss gemacht wirft ein schlimmes Kopfkino an mit der Zeile „Ich tanz‘ wie Michael Jackson / die Lady eskalieren.“ Unabhängig vom Frauenbild, das darin steckt, will man gar nicht wissen, wie das aussieht.

Es geht freilich noch schlimmer. Eine noch misslungenere Metapher als „Gänsehaut auf meiner Seele“ (Ich schwöre) muss man auch im deutschen Schlager wohl lange suchen. „High von Gefühlen / und dann stürzen wir ab / in einen Rausch Unendlichkeit“, schwadroniert Gross in Mein Lied für dich, und nicht nur da hat Semantik längst aufgehört, eine gültige Kategorie in seiner Musik zu sein. Das zeigt auch Phantomschmerz mit der Refrainzeile: „Phantomschmerz / tief in meinem Herz.“ Es sei noch einmal daran erinnert: Phantomschmerzen beschreiben Schmerzen in Körperteilen, die man gar nicht mehr hat, etwa nach einer Amputation. Folgt man dieser Logik, dann singt Vincent Gross hier darüber, dass er kein Herz mehr hat, drückt also genau das Gegenteil dessen aus, was er wohl eigentlich im Sinn hat.

Den Vogel hinsichtlich kruder Lyrik schießt allerdings der Titelsong ab. Er handelt tatsächlich davon, dass ein Vogel dem Künstler auf den Kopf gekackt hat. „Möwengold / alles Gute kommt von oben / es ist Möwengold / vom Himmel angeflogen“, heißt das dann in Liedform. Auch hier betont Vincent Gross noch einmal, dass er das sehr ernst meint, weil es unmittelbar aus seinem Leben kommt: „Hier spielen meine persönlichen Glücksgefühle, die mich stets mit der Nordsee verbinden, eine Rolle. Ich liebe Möwen und bin ein absolut positiv denkender Mensch. Ich denke, dass es diese beiden Faktoren waren, die den Geistesblitz zum Albumtitel auslösten. Und das geschah mitten in der Nacht!“ Bei all diesem inhaltlichen Stuss und all dieser musikalischen Gräuel kann nur zu dem Schluss kommen: Da wurde jemandem nicht nur auf den Kopf, sondern ins Hirn geschissen.

Das Video zu Dieser Beat hat wohl ca. 20 Euro und ca. 20 Minuten für die Konzeptentwicklung gekostet.

Website von Vincent Gross.

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