Hingehört: H-Blockx – “No Excuses”

Juli 19, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

"No Excuses" zeigt: Die H-Blockx haben den Crossover-Trend überlebt.

Künstler H-Blockx
Album No Excuses
Label X-Cell Records
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Crossover muss irgendwie eine sehr deutsche Musik sein. Denn während man sich hierzulande mit sagen wir mal lässigem Gitarrenpop oder stilvollen Dancehits seit jeher unerhört schwer tut, gibt es schon seit Mitte der 1990er reichlich Bands, die im Genre der hüpfenden Raprocker international konkurrenzfähig sind.

Such A Surge oder Thumb zählten dazu, auch die Guano Apes – und von Anfang an die H-Blockx. Sie haben es damals nicht nur geschafft, mit Time To Move aus dem Nichts ein Hit-Album hinzulegen. Ihnen ist es auch gelungen, den Trend zu überleben und musikalisch zu reifen.

So können es sich die Münsteraner herausnehmen, ihr fünftes Album No Excuses vor allem zu einem Dokument des Selbstvertrauens zu machen. Diese Jungs (am Schlagzeug sitzt inzwischen wieder Steffen Wilmking, auch Ex-Sänger Dave Gappa ist zumindest für zwei Stücke zurückgekehrt) müssen sich nichts mehr beweisen. Sie wissen, was sie können. Und sie haben nun mit No Excuses eine Platte im Gepäck, für die sich auch Incubus, Bush oder Limp Bizkit nicht entschuldigen bräuchten.

I Believe ist eine runde Sache, der Schmachtfetzen Come Along With You ist herrlich entspannt und toll gesungen. Where’s The Message hat den besten Refrain der Band seit Little Girl, Nothing Left At All könnte eine gute Wahl für eine Single sein.

Push Me ist der patentierte Brecher, der bei den immer noch fulminanten Live-Shows sicher einige Dämme brechen und Trommelfelle platzen lassen wird. Rick Springfields Celebrate Youth kriegt in der H-Blockx-Version endlich die Power, die man von so einem Titel erwarten sollte.

Der Titelsong feiert mit famosem Bass und enormem Drive schließlich Unbeirrbarkeit und Individualität. Wer solche Werte hochhält, kann es sich natürlich auch nicht verkneifen, in Richtung all der jungen Casting-Hüpfer zu schießen. “Wannabes and visions / Pop Idol Television / Karaoke losers / microphone abusers” heißt es in der feinen Vorab-Single Leave Me Alone. Im etwas arg selbstgerechten Hollywood wird den Küblböcks und Kesicis dann noch einmal der Kampf angesagt. “It seems to me there ain’t anything / but superstars and angels of Berlin / Win the poll pay no toll / And I’ll be coming back for rock’n'roll”.

Man sieht schon: Große Dichter werden die H-Blockx nicht mehr. Vieles holpert noch ein wenig, auch wenn die Aussage stimmt. Darunter leiden auch die eigentlich gelungenen Liebeslieder Kiss Me und Anything (But Gone), deren Text so infantil ist, dass womöglich sogar Nickelback davor zurückschrecken würden. Aber die Worte sind wirklich die einzige Schwäche auf dieser Platte.

Wie gut ihr Sound live noch funktioniert, bewiesen die H-Blockx auch live bei Rock am Ring 2010, wo es zum Start Leave Me Alone gab:

H-Blockx bei MySpace.

Hingehört: Audioslave – “Audioslave”

Juli 14, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Dekadenz trifft auf Agitation: Audioslave sind eine ungewöhnliche Supergroup.

Künstler Audioslave
Album Audioslave
Label Epic
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ***1/2

“Audioslave, das ist ungefähr so, als würden sich Prince und die Ramones zusammentun”, hat der Rolling Stone behauptet. Das macht vielleicht Sinn, wenn man es im Sinne von “Dekadenz trifft Agitation” interpretiert. Doch musikalisch betrachtet ist es Quatsch.

Natürlich hatten Soundgarden mit Rap nichts am Hut – und im Tourbus wohl auch eher den Playboy als das Kommunistische Manifest unterm Kopfkissen. Natürlich waren Rage Against The Machine weit entfernt von Grunge und großen Gesten. Dennoch gibt es verbindende Elemente. Auf Black Sabbath oder Led Zeppelin konnten sich Chris Cornell (Ex-Sänger von Soundgarden), Tim Commerford, Brad Wilk und Tom Morello (RATM minus Zak) bei ihrem ersten Treffen sicher schnell als gemeinsamen Nenner einigen.

Dieses erste Treffen geht auf eine Idee von Produzent Rick Rubin zurück. In einer knapp dreiwöchigen Jamsession entstanden 21 Songs. Auch wenn es dann noch zwei Jahre dauerte (Streit um Studios, Managment und Labels), bis das selbstbetitelte Debütalbum in den Läden stand, muss man sagen: Rubin hatte einen guten Riecher. Audioslave haben die brachiale Energie von RATM, aber auch die subtile Ausdrucksstärke von Chris Cornells Stimme.

“I’m not a martyr / I’m not a prophet / and I won’t preach to you”, singt der gleich im ersten Song. Und macht dem Hörer damit unmissverständlich klar, was er auch seinen Bandkollegen zur Bedingung machte: keine politischen Texte. Das tut den Songs denkbar gut und führt Audioslave schnurstracks in die Tradition von – eben – Black Sabbath und Led Zeppelin. Wilk und Commerford entwickeln eine Wucht, die ihresgleichen sucht. Morello beweist, dass er seiner Gitarre noch immer die abgefahrensten Töne und eingängigsten Riffs entlocken kann. Und Cornells Melodien und langgezogenen Vokale harmonieren mit diesem Sound besser, als es wohl selbst Rick Rubin zu hoffen gewagt hatte.

Was auf dem Papier nach Supergroup und Kopfgeburt aussieht, wird ein vollkommen schlüssiges Ganzes und entwickelt eine durch und durch organische Dynamik. Dazu kommen vollkommen neue, ebenso ungeahnte Facetten – insbesondere, wenn Tempo und Power zugunsten von leiseren Tönen zurückgenommen werden.

Highlights? Gasoline paart Morellos Experimentierfreude mit dem Drive der Rhythmus-Jungs und Cornells Frontmann-Qualitäten. Set It Off wird es wohl schaffen, auch die skeptischsten Ex-RATM- und Ex-Soundgarden-Fans für Audioslave zu begeistern. I Am The Highway ist – bei Gott! – eine Ballade, und zwar eine schmachtende, zupackende, formidable. Light My Way kracht und groovt, dass es eine Freude ist.

Audioslave ist also etwas anderes als Princeramones. Nämlich: The best of both worlds. Und mehr.

Das majestätische I Am The Highway live bei Rock am Ring:

Audioslave bei MySpace.

Hingehört: Ash – “Meltdown”

Juli 13, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Das Cover täuscht nicht: "Meltdown" klingt nach Motorrad - und hochprozentig.

Künstler Ash
Album Meltdown
Label Infectious Records
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

27. Andere Bands veröffentlichen in dem Alter ihr Debüt. Ash hingegen legen ihr fünftes Studiowerk vor. “The youngest old band on the planet” hat der NME die Nordiren deshalb genannt. Und Drummer Rick McMurray betrachtet die jüngsten paar Kapitel der Ash-Geschichte “like Aerosmith’s entire career condensed into four years – without the heroin”.

In der Tat war eine Menge los mit Ash in den zehn Jahren seit Jack Names The Planets. Sie haben den Rausch und den Kater erlebt, sind mit dem famosen Free All Angels auferstanden und haben es, wie man hört, mittlerweile sogar geschafft, sich ihren Lebenstraum zu erfüllen und in Star Wars mitzuwirken, zumindest in dem Computerspiel. Und sie haben eine neue Platte. Und sie haben einen neuen Sound.

Meltdown ist noch einen Zacken härter als der Vorgänger, Ash klingen noch ein bisschen motorradiger, wilder, hochprozentiger. Die Gründe dafür sind nicht etwa Tim Wheelers neue Gitarreneffekte, der längst fortgejagte DJ, der die Band noch auf Nu-Clear Sounds unterstützte, und auch nicht die ausgetriebenen Dämonen, die Bassist Mark Hamilton jahrelang heimsuchten (nicht fragen, einfach glauben).

Der Schlüssel zur Härte liegt woanders: Zum einen im neuen Produzent Nick Raskulinecz (Queens of the Stone Age, Foo Fighters), zum anderen in den Extremitäten von Drummer Rick McMurray. Insbesondere die der Special-Edition des Albums beiliegende Live-CD offenbart, welchen Punch sich der Trommler inzwischen antrainiert hat. So viel Wucht und Power hatten Ash noch nie.

Stücke wie Clones oder Detonator machen deutlich, dass Metal hier nicht bloß für die T-Shirt-Motive Pate stand. Meltdown ist – natürlich eingedenk der patentiert zuckersüßen Melodien – Rifforama und ein Fest des harten, schnellen Rock.

Schon der Opener Meltdown prescht voran wie von einem Schwarm Hornissen gestochen. Orpheus hat kaum weniger Energie, dazu noch die bessere Melodie. Den NME brachte der Song zur sehr richtigen Erkenntnis: “They’ll always have the skills to whack out a summery indie metal anthem that reminds you of festivals, warm beer and your fifth form crush.”

In der Tat ist es bestechend, mit welcher Konstanz und Leichtigkeit Tim Wheeler all diese Kracher raushaut, die man sofort ins Herz schließt und nie mehr aus dem Ohr bekommt. Auch hier wimmelt es wieder davon: Renegade Cavalcade dürfte bei allen künftigen Ash-Shows zu den Highlights zählen. Evil Eye gehört zum Besten, was die Vier je gemacht haben. Out Of The Blue ist ein verdammt groovender Instant-Hit. Starcrossed entpuppt sich nach wenigen Tönen als ein feuchter Traum von einem Liebeslied, kühn und rein.

Natürlich hat man das alles auf den letzten Platten schon ganz ähnlich gehört. Doch wie hat der große Benjamin von Stuckrad-Barre erkannt: Ash machen “Musik, die sich – und das ist unglaublich romantisch und Pop – nicht eine Sekunde darum schert, ob das nicht schon mal und ob nicht vielleicht besser … Be here now, kann man da nur sagen.”

Das Video zum wunderhübschen Sometimes, ganz offensichtlich in Kuba gedreht:

Ash bei MySpace.

Interview mit Bernhard Langer

Juli 13, 2004 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 

"Den Spaß am Golf werde ich nie verlieren", sagt Bernhard Langer. Foto: obs/Schüco

Bernhard Langer, Deutschlands erfolgreichster und bekanntester Golfer, ist zum zweiten Mal beim großen Turnier des GC Hofgut Praforst um den Executive-Cup dabei. Am Rande der Veranstaltung stand der 46-Jährige Rede und Antwort.

Frage: Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein zweifacher Masters-Sieger bei einem Amateurturnier mitmischt. Wie kam es dazu?

Langer: Ich bin sonst eigentlich wirklich nicht bei Turnieren dieser Art dabei. Aber ich bin gerne nach Hünfeld gekommen, weil ich schon seit Jahren geschäftlich und freundschaftlich mit Dr. Meinhardt verbunden bin. Als er mir von dem Turnier und dem guten Zweck erzählt hat, für den es veranstaltet wird, habe ich zugesagt. Ich habe auch ein paar Dinge mitgebracht, die versteigert werden sollen und hoffe, dass das Turnier dadurch noch ein bisschen aufgewertet wird.

Frage: Überhaupt haben Sie viel für den Golfsport getan und das Spiel in Deutschland erst bekannt gemacht. Befürchten Sie manchmal, dass dieser Stellenwert wieder verloren geht, wenn erst einmal eine Leitfigur wie Bernhard Langer fehlt?

Langer: Man sieht solche Entwicklungen ja im Tennis oder auch beim Boxen. Ich denke aber, dass im Golf einiges nachkommt. Die Frage ist, ob Leute wie Sven Strüver, Marcel Siem oder Alex Cejka es auch in die absolute Weltspitze schaffen. Solche Highlights braucht der Sport, um auch von einer großen Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.

Frage: Wem trauen Sie denn am ehesten zu, in Ihre Fußstapfen zu treten?

Langer: Das ist sicher Alex Cejka. Er ist am nächsten dran. Allerdings geht es im Golfsport immer enger zu. Es wird immer schwerer, sich an der Spitze zu behaupten.

Frage: Wie lange trauen Sie sich dieses Leistungsniveau noch zu? Ihr großes Vorbild Gary Player ist mit 50 in die Senior-Tour gewechselt. Werden Sie ihm auch in diesem Punkt nacheifern?

Langer: Das ist denkbar, aber bis dahin habe ich ja noch ein paar Jahre. Aber natürlich merke ich, dass ich in den 40ern bin und mich schwerer tue als früher. Die meisten wechseln mit 50 zu den Senioren, weil sie dort wieder die jüngsten und die besten sind.

Frage: Sie haben einmal gesagt, dass sie ihre Karriere erst beenden, wenn sie eine lange sportliche Durstsrecke oder keine Lust mehr auf Golf haben. Welche Variante ist denn im Moment wahrscheinlicher?

Langer: Als dritter Grund kämen noch gesundheitliche Probleme dazu. Aber meine Handgelenksverletzung, die mir ein paar Wochen Schwierigkeiten bereitet hat, habe ich auskuriert. Und den Spaß am Golf werde ich wohl nie verlieren. Am ehesten kommt also wohl die sportliche Talfahrt in Frage. Aber die deutet sich im Moment zum Glück auch nicht an. Immerhin bin ich noch einmal zum Ryder-Cup-Kapitän ernannt worden. Das ist eine große Ehre für mich.

Frage: Wenn Sie auf Ihre Jahre als Jungprofi zurückblicken: Gehen Sie heute als Routinier anders in ein Turnier?

Langer: Ich bin immer noch sehr fleißig und bereite mich gut vor. Aber es hat sich vieles verändert, vor allem das Material. Obwohl ich mit 20 viel kräftiger war, schlage ich die Bälle heute weiter, weil die Schläger besser geworden sind. Außerdem sehen heute alle Profis das Golfspielen als ihren Job, sie sind richtige Athleten. Als ich anfing, galt es noch als seltsam, auch Fitness-Training zu machen. Mit so etwas haben sich damals nur 20, 30 Prozent der Spieler beschäftigt. Da war ich meiner Zeit wohl ein bisschen voraus.

Frage: In welchem anderen Profi erkennen Sie sich wieder?

Langer: Jack Nicklaus hatte eine ähnlich Spielweise: sehr konzentriert und lieber etwas langsamer.

Frage: Für diesen eher reservierten Stil sind Sie gelegentlich kritisiert worden. Haben Sie jemals daran gedacht, vielleicht ein wenig spektakulärer aufzutreten?

Langer: Nein, man sollte sich da nicht verbiegen lassen. Man muss man selbst bleiben, jeder hat seinen eigenen Charakter. Außerdem gibt es beim Golf ja recht strenge Regeln, die es gar nicht erlauben, auf dem Platz sonderlich aus sich raus zu gehen. Ich denke, dass ich auch genug Freunde meiner Spielweise gibt. Das sehe ich auch aus vielen Briefen, die ich erhalte. Vielleicht ist es ein bisschen wie damals im Tennis die Konkurrenz zwischen John McEnroe und Björn Borg: McEnroes extrovertierte Art hat vielen gefallen, ich war aber eher ein Freund von Björn Borgs Spielweise.

Homepage von Bernhard Langer.