Durchgelesen: Fjodor M. Dostojewski – “Schuld und Sühne”

März 2, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 
Die Welt und das Ego prallen in "Schuld und Sühne" unvereinbar aufeinander.

Die Welt und das Ego prallen in "Schuld und Sühne" unvereinbar aufeinander.

Autor Fjodor M. Dostojewksi
Titel Schuld und Sühne
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1866
Bewertung ***1/2

Die Welt mit all ihren Möglichkeiten und Zwängen prallt auf die Natur des Menschen mit all ihren Schwächen und Sehnsüchten – und irgendwo dazwischen kämpft ein Geist um Reinheit, Größe, Geltung. Schon in seinem ersten großen Roman greift Fjodor Dostojewski die wirklich bedeutenden Themen auf. Er macht daraus eine packende Geschichte, nicht ganz so meisterhaft wie in seinen späteren Werken und mit einem wunderlich esoterischen Ende, aber voll von der Weisheit und Zerrissenheit, die etwa auch Die Brüder Karamasow auszeichnet.

Schuld und Sühne erzählt die Geschichte des verarmten Studenten Raskolnikow. Er fühlt sich zu Höherem berufen, meint aber, sein Talent aufgrund seiner wirtschaftlichen Lage nicht zur Entfaltung bringen zu können. „Das Leben allein war ihm stets wenig gewesen; er wollte immer Größeres haben. Vielleicht hatte er sich auch damals, bloß nach der Kraft seiner Wünsche, für einen Menschen, dem mehr, als einem anderen erlaubt sei, gehalten“, heißt es im Epilog des Romans.

Genau aus diesem Anspruch heraus plant Raskolnikow einen Raubmord an einer Wucherin, um sich aller Geldsorgen zu entledigen und dann die Mittel seines Geistes zum Wohle der Menschheit vervollkommnen zu können. Das ist die Philosophie, die seine Tat rechtfertigen soll. „Hundert, tausend gute Taten und Hilfeleistungen könnte man für das Geld der Alten tun (…). Hundert, vielleicht Tausend Existenzen könnten damit auf den richtigen Weg gebracht werden; Dutzende Familien könnten vor Hunger, Verfall, Untergang und vor venerischen Krankheiten geschützt werden – und all das für ihr Geld. Ermorde sie und nimm ihr Geld, um dich später mit seiner Hilfe der ganzen Menschheit und der gemeinnützigen Sache zu widmen – was meinst du, wird nicht ein einziges, unbedeutendes, winziges Verbrechen durch Tausende guter Taten wettgemacht? Für ein Leben – Tausende von Leben, gerettet vor Fäulnis und Verfall. Ein einziger Tod und Hunderte Leben an seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel. Ja, und was bedeutet auf der allgemeinen Wage das Leben dieser schwindsüchtigen, dummen und bösen Alten. Nicht mehr, als das Leben einer Laus, einer Wanze, und nicht einmal so viel, weil die Alte schädlich ist.“

Obwohl er versucht, den Überfall akribisch zu planen, ist Raskolnikow in Schuld und Sühne von Anfang an wie im Fieber – vor Hunger und Krankheit, vor allem aber vor Verzweiflung und Gewissensbissen. Er führt Selbstgespräche auf offener Straße, er verlässt tagelang nicht seine erbärmliche Kammer, er bricht den Kontakt zu Freunden und Familie ab. Raskolnikow, das wird schnell klar, fühlt sich erdrückt von seiner eigenen Ethik. Ob er den Raubmord nur plant oder bereits begangen hat, spielt dabei gar keine große Rolle.

Denn als er seinen Plan schließlich in die Tat umsetzt, vor lauter Panik kaum Beute macht, noch eine zweite Frau erschlagen muss, um nicht ertappt zu werden, und dann glücklich aus der Wohnung der Wucherin entkommen kann, wird Raskolnikow vollends paranoid. Das Unterbewusstsein übernimmt die Kontrolle über ihn.

War es zuvor die Moral, die ihn beinahe erdrückt hat (Soll ich es tun?), so ist es nun die Angst vor der Strafe (Werden sie mich erwischen?). Raskolnikow will mit dem Mord seinen Mut beweisen und kämpft dann mit der Erkenntnis, dass er zu feige ist, die Konsequenzen für sein Verbrechen zu tragen.

Erneut treibt ihn dabei sein überhöhtes Selbstbild in die tiefste, unentrinnbarste Bredouille. Mal wähnt er sich bereits verurteilt, mal hält er die Ermittlungen der Polizei gegen ihn für einen Affront. „Ich musste damals und schleunigst erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bücken und die Macht aufzuheben oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder haben ich ein Recht…“

Genau diese Frage rückt ins Zentrum von Schuld und Sühne: Was ist Recht? Wer definiert es? Wer ist, verpflichtet, sich ihm zu unterwerfen? Und unter welchen Umständen ist man verpflichtet, sich darüber zu erheben? Raskolnikow droht an dieser Frage zu zerbrechen, bis er sich schließlich einer frommen Prostituierten offenbart, ein Geständnis ablegt und die Strafe im sibirischen Arbeitslager auf sich nimmt.

Ein gutes Stück Dostojewski steckt in dieser Figur, nicht nur wegen der biographischen Parallelen (auch der junge Dostojewski war ein radikaler Freidenker, wurde zum Arbeitslager verurteilt und fand dort zum Glauben). Vor allem der Konflikt zwischen Selbstbild und gesellschaftlicher Stellung, zwischen Ego und Akzeptanz ist es, den auch der Autor von Schuld und Sühne immer wieder ausfechten musste. Raskolnikow wird, zunächst als armer Student, dann als Doppelmörder, erniedrigt von aller Welt – am meisten aber von seinem eigenen Stolz.

Dass er Schwächen hat und Triebe, Pech und schwache Nerven, dass die Widerstände des Lebens ihm eben gelegentlich im Weg stehen – all das kann er nicht akzeptieren, weil es seinem Anspruch widerspricht, unantastbar zu sein, und aus seinem Geist heraus eine bessere, perfekte Welt zu schaffen. „Wirklichkeit und Natur, mein Herr, sind wichtige Dinge und machen zuweilen die allerglänzendste Berechnung zuschanden!“, muss sich Raskolnikow deshalb vom Untersuchungsrichter vorhalten lassen. Das ist die Erkenntnis, die er erst ganz am Ende gewinnen kann, und die zur Botschaft von Schuld und Sühne wird: Gerade die Unvollkommenheit macht die Welt aus.

Bestes Zitat: „Je mehr ich trinke, umso stärker fühle ich. Darum trinke ich auch, weil ich in diesem Tranke Mitleid und Gefühl suche … ich trinke, weil ich doppelt leiden will.“