Joachim Gauck ist kein Mainstream

März 19, 2012 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · 1 Comment 

Was erwarten Sie vom Bundespräsidenten? Noch vor drei Jahren wäre diese Frage leicht zu beantworten gewesen: nicht viel. Das Staatsoberhaupt darf vielleicht mal eine Ruck-Rede halten, die Unterschrift unter ein Gesetz verweigern oder uns zu Weihnachten ins Gewissen reden. Aber ansonsten soll der Bundespräsident das tun, was die Verfassung für ihn vorgesehen hat: nicht groß auffallen.

Diesmal ist alles anders. Nach dem übereilten Rücktritt von Horst Köhler und dem untereilten Abgang von Christian Wulff übernimmt Joachim Gauck ein Amt, das schwer beschädigt ist. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler muss nicht nur das Vertrauen in dieses Amt wieder herstellen. Er muss auch seine Daseinsberechtigung beweisen.

Mehr noch: Hört man all die Lobeshymnen, die gestern vor, während und nach der Wahl für Joachim Gauck gesungen wurden, dann muss man den Eindruck haben: Der Pastor soll all das wieder gutmachen, was die Politik (und das meint bei weitem nicht nur Christian Wulff) in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit verspielt hat.

Das ist eine gewaltige Fallhöhe, und es ist eine gefährliche Ausgangssituation für einen Bundespräsidenten, der sich selber gerne reden hört, der überzeugt eintritt für seine Ansichten und der mehr sein will als ohnmächtiger Mahner. Dass Gauck gestern vor der Bundesversammlung keine Sieges- und keine Kampfes-, sondern eine Dankesrede gehalten hat, ist deshalb ein gutes Zeichen. Er begegnet dem Amt mit Demut und Bescheidenheit. Der 72-Jährige spürt, wie groß die Erwartungen sind. Und er weiß, wie schwer sie zu erfüllen sein werden.

Was also darf man erwarten vom neuen Bundespräsidenten? Integrität? Ja. Mut? Definitiv. Beeindruckende Reden? Auf jeden Fall. Aber Volksnähe, Mainstream, einen Finger am Puls der Zeit? Eher nicht. Gauck hat eine sehr besondere Biographie, die zu sehr besonderen Ansichten geführt hat. Seine «Ecken und Kanten» betonte er gestern beinahe so gebetsmühlenartig wie sein Credo von «Freiheit und Verantwortung». Auch das darf als Fingerzeig verstanden werden: Gauck will und wird ein Querdenker bleiben.

Umso erstaunlicher ist, trotz der teils überzogenen Kritik an Gaucks zweiter Kandidatur und der unerwartet zahlreichen Enthaltungen bei der Wahl, die breite Rückendeckung für Gauck. Bis auf die Linken und die Piraten scheint keiner ein Problem mit ihm zu haben. Aber all jene, die sich von dem Rostocker vor allem erhoffen, dass er das Amt des Bundespräsidenten in ruhigeres Fahrwasser führen möge, werden sich womöglich schon sehr bald wundern müssen. Gauck wird, soweit sich das absehen lässt, ein anständiger Bundespräsident sein. Aber kein Duckmäuser.

Das ist erfreulich. Denn damit würde Gauck vielleicht nicht die Hoffnungen der Fraktionen erfüllen, die ihn unterstützt haben. Aber die Hoffnungen, die die Deutschen jetzt in ihn setzen: Gauck soll ein mutiger, ehrlicher Präsident sein – und ein Korrektiv zum Geschacher der Parteien.

Diesen Kommentar gibt es mit einer Sammlung amüsanter Tweets zu Joachim Gauck auch bei news.de.

Draufgeschaut: Schade um das schöne Geld

März 19, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Busfahrer Bruno (Christian Ulmen) will sich bei Mirabel (Heike Makatsch) beliebt machen.

Busfahrer Bruno (Christian Ulmen) will sich bei Mirabel (Heike Makatsch) beliebt machen.

Film Schade um das schöne Geld
Produktionsland Deutschland
Jahr 2007
Spielzeit 90 Minuten
Regie Lars Becker
Hauptdarsteller Heike Makatsch, Uwe Ochsenknecht, Armin Rohde, Christian Ulmen, Cosma Shiva Hagen, Ingo Naujoks
Bewertung ***

Worum geht’s?

In einem Dorf in Friesland gibt es eine Lotto-Tippgemeinschaft. Mirabel entschließt sich, auszusteigen – ausgerechnet an dem Tag, an dem die Gruppe den Jackpot knackt und 25 Millionen gewinnt. Natürlich will Mirabel trotzdem ihren Anteil daran haben. Es beginnt ein Hauen und Stechen um das Geld. Der Bürgermeister und der Besitzer der örtlichen Fischfabrik stecken unter einer Decke. Doch Mirabel will sich rächen – und setzt dabei auf die Hilfe eines Busfahrers.

Das sagt shitesite:

Originelle Story, tolle Besetzung. Trotzdem will der Funke in Schade um das schöne Geld nicht so recht überspringen. Das Einzige, das über die Kategorie “charmant und solide amüsant” hinausgeht, ist der grandiose Christian Ulmen.

Eine Szene aus dem Film:

Hingehört: Everlast – “Songs Of The Ungrateful Living”

März 19, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Subversiv und konservativ - bei Everlast passt das auch auf "Songs Of The Ungrateful Living" zusammen.

Subversiv und konservativ - bei Everlast passt das auch auf "Songs Of The Ungrateful Living" zusammen.

Künstler Everlast
Album Songs Of The Ungrateful Living
Label Long Branch Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Ein bisschen witzig ist das durchaus: Seinen, trotz insgesamt drei Nominierungen, bisher einzigen Grammy hat Everlast im Jahr 2000 erhalten, in der Kategorie „Best Rock Performance“. Dabei hat seine Musik von jeher wenig mit Rock zu tun. Vielmehr vereint Everlast, auch auf seinem sechsten Album Songs Of The Ungrateful Living, zwei Genres, die auf den ersten Blick keinerlei Berührungspunkte haben: Rap und Country.

Rap, das ist schwarze, urbane, subversive, rebellische Musik. Country hingegen ist weiß und ländlich, wird oft für konservativ und gemütlich gehalten. Everlast führt sie trotzdem zusammen. Er ist der Redneck in Harlem, oder eben der Gangsta in Alabama.

Songs Of The Ungrateful Living ist ein solides Album, das zu einem guten Teil davon lebt, wie treffsicher der Mann, der eigentlich Erik Francis Schrody heißt, die Schnittmengen von HipHop und Country findet.

Beide Genres sind so plakativ wie Little Miss America, in dem die Stimme von Everlast so verbraucht klingt wie die von Tom Waits, die Musik dazu aber so rosarot gerät, dass sie von Pink sein könnte. „She’s gonna write a movie / she’s gonna be a star / Little Miss America / where did you get that scar”, heißt hier der Slogan. Zwei Lieder später kommt in Friday The 13th noch so ein Spruch, der wie eine Boulevard-Schlagzeile klingt: “God is real / but religions are just one big lie”.

In beiden Genres wird gerne geflucht, beide sind ein gutes Vehikel für unterschwellige Aggressivität wie sie in Even God Don’t Know steckt, beide sind schlecht gelaunt und gottesfürchtig wie Final Trumpet und beide haben den Blues als Keimzelle wie der Bonus Track Black Coffee.

Mit dem Sam-Cooke-Cover A Change Is Gonna Come wagt sich Everlast an eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung, auf der anderen Seite eifert er mit dem rabiaten Everyone Respects The Gun dem denkbar europäischen Hardrocksound von Led Zeppelin nach. Manchmal ist Everlast auch so entspannt wie in I’ll Be There For You, dessen coole Atmosphäre an OMC und How Bizarre erinnert, und das kein bisschen Wert darauf legt, subtil zu sein.

The Rain ist satter, von nichts getrübter HipHop, den Everlast auch mit House Of Pain hätte fabrizieren können. Gone For Good ist nahe am Stile seines Welthits What It’s Like, mit einem HipHop-Beat, dem Ethos eines harten Arbeiters und Anspielungen von Neil Young bis Elvis. Deutlich größer ist auf Songs Of The Ungrateful Living aber der Anteil der weißen Elemente: Der Opener Long At All klingt mit Steel Guitar und extrem ruhiger Herangehensweise eher wie ein Raussschmeißer. Long Time ist beinahe klassischer Southern Rock, der auch Kid Rock oder den Eagles gefallen dürfte. An das Riff von Oasis’ Whatever erinnert die Gitarre in Sixty-Five Roses, und die Stimme von Everlast ist in diesem Track mehr als nur ein bisschen Johnny Cash.

“I basically said fuck the rules and took everything I’ve ever liked in my life and threw it all together like one big bowl of soup”, umschrieb Everlast schon 1998 im Rolling Stone seine Arbeitsweise. Seitdem hat sich wenig daran geändert, und das ist nach wie vor ein kurzweiliger, spannender Mix – mittlerweile ergänzt um eine ganze Menge altersweiser Souveränität.

Haha! Das Video zur Single I Get By ist schwarz-weiß:

Everlast bei MySpace.