Durchgelesen: E.L. Doctorow – „Alle Zeit der Welt“


Sechs neue und sechs alte Erzählungen vereint "Alle Zeit der Welt".

Sechs neue und sechs alte Erzählungen vereint „Alle Zeit der Welt“.

Autor E.L. Doctorow
Titel Alle Zeit der Welt
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Als “master of the contemporary short story” ist Alice Munro in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden. Wie E.L. Doctorow darauf reagiert hat, ist nicht überliefert. Vielleicht kann er der Kollegin aus Kanada den Preis gönnen, schließlich hat er selbst mehr als genug Auszeichnungen eingeheimst (unter anderem den PEN/Faulkner-Award, und zwar gleich zweimal). Dennoch: Es ist ein Titel, der definitiv auch ihm gebühren würde.

„Jede fiktionale Form bringt ihre eigene Erfüllung mit sich – bei der Erzählung ist es das Gewicht der Sätze, da es nicht viele davon gibt, und der schnelle Ertrag einer ästhetischen Investition“, schreibt er im Vorwort seines aktuellen Buchs Alle Zeit der Welt über dieses Metier. Das Buch zeigt ihn als Autor mit einem scharfen Blick für moralische Grauzonen. Alle Zeit der Welt vereint dabei sechs Glanzstücke aus Doctorows bisheriger Karriere und sechs neue Erzählungen.

Die Orte seiner Geschichten sind manchmal überall, manchmal in seiner Heimatstadt New York und manchmal nicht genau bestimmbar, die erzählte Zeit ist manchmal Ende des 19. Jahrhunderts und einmal, ganz am Ende des Buchs, sogar in der Zukunft – so lässt Alle Zeit der Welt gut verstehen, warum die New York Times den 82-Jährigen als den „literarischsten Historiker Amerikas“ feiert.

Ganz oft baut Doctorow ein Idyll auf, das er dann zerstört, auch durch seine immer wieder durchscheinende Lust auf vulgäre Sprache. Und durchweg erweist er sich als Meister der feinen Ironie mit schlauen Gedanken („Die Welt machte einfach weiter, als wären Menschen das Letzte, was sie brauchte oder wollte.“) und reichlich Bonmots („Das ist doch die Grundlage der Eifersucht, oder nicht? Das Gefühl, man könnte die eigene angeborene Unaufrichtigkeit verallgemeinern.“)

Die Handlungen der einzelnen Erzählungen sind ebenso vielfältig wie einfallsreich und spannend: Ein Ehepaar lebt in einer Sekte, in der der Sektenführer mit allen Frauen des Dorfes schlafen darf. Earl zieht mit seiner Mutter aus Chicago auf eine Farm, wo sie ein einträgliches Einkommen als Heiratsschwindlerin findet. Ein älterer Mann will das Haus noch einmal besuchen, das einst ihm gehört hat. Ein Tellerwäscher träumt von einer Karriere als Regisseur und wird von einem beträchtlichen Betrag in Versuchung geführt, wenn er sich auf eine Scheinehe mit einer Osteuropäerin einlässt. Eine junge Lehrerin wird förmlich erdrückt vom Mief der Kleinstadt. Jack stirbt, nicht ganz überraschend und nicht ganz jung, aber für seine greise Mutter wäre die Nachricht dennoch ein womöglich tödlicher Schock, deshalb denkt Jacks Sohn sich ein schönes neues Leben für ihn aus, über das er in Briefen an die Oma berichtet.

Was die Figuren eint, ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Typisch sind die Gedanken von Howard Wakefield, einem der Protagonisten. „Wieso ist eine Familie so sakrosankt, dachte ich, dass man sein ganzes Leben darin zubringen muss, auch wenn dieses Leben noch so unerfüllt ist?“, fragt er sich. Er verlässt seine Frau und zwei Töchter, lebt als Obdachloser und vergisst schnell, was ihn an seinem früheren Dasein gereizt hat. Solche Figuren stehen immer wieder im Zentrum, nicht nur in Alle Zeit der Welt, sondern im gesamten Werk Doctorows. Es sind Menschen, die das Leben suchen, und das bedeutet: die Freiheit.

Bestes Zitat: „Wenn du einem Menschen die Empfindungen nimmst, schafft er sich selbst welche: Nimm ihm das Sehen und Hören und lass ihn nichts riechen und lass ihn nichts berühren, dann sieht und hört und riecht und fühlt er, was sein Geist ihm erschafft. Und das beweist nur, in welche Einsamkeit wir hineingeboren werden, dass wir mit einem Hunger nach der Welt geboren werden und einsam sind in diesem Hunger, und dass das Herz über die Ufer seiner Einsamkeit quillt und sich über die Erde ergießt und fortgesaugt wird, bis es kein Blut aus der Quelle des einsamen Herzens mehr gibt und unser Fluss vertrocknet.“

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