Futter für die Ohren mit Japanese Breakfast, The Vaccines, Jade Bird, Citizen und Róisín Murphy


Japanese Breakfast Jubilee

Abgründe und Rokoko gibt es bei Japanese Breakfast. Foto: Pete Ash Lee / Cargo Records

Vor ein paar Tagen hat Michelle Zauner ihr Jubilee gefeiert, genauer gesagt die Veröffentlichung ihres gleichnamigen dritten Albums als Japanese Breakfast. Laut Musikexpress zelebriert sie darin „das Leben mit gold-gelbem Indie-Pop voller Synthies und Saxofon“, also noch ein bisschen strahlender und schillernder, als man das ohnehin schon von ihr kennt und schätzt. Mit Savage Good Boy (***1/2) gibt es jetzt den dritten Vorab-Track, der zwar kein Saxofon zu bieten hat, aber einen guten Drive, eine sehr reizvolle Cardigans-Atmosphäre und ihre wie immer strahlende und zugleich melancholische Stimme. Als Special Guest im Video ist Michael Imperioli (The Sopranos) dabei. Die Sängerin hat beim Clip selbst Regie geführt. „Der Titel Savage Good Boy ist einer Schlagzeile entlehnt, die ich über Milliardäre las, die Bunker kaufen. Ich wollte diese spezielle Art von Schurkerei untersuchen, und ich ertappte mich dabei, die Perspektive eines reichen Mannes einzunehmen, der eine junge Frau überredet, mit ihm unter der Erde zu leben, und versucht, seine fast unmögliche Neigung zu Gier und Geiz zu rationalisieren. Ich wusste, dass das Musikvideo eine ziemlich wörtliche Interpretation dieser Idee sein sollte. Ich wollte Bilder dieses post-apokalyptischen, industriellen Bunkers der Leichtigkeit und Extravaganz der Rokoko-Mode gegenüberstellen.“ Für das Album verspricht sie nichts weniger als ein neues Level in ihrer Kunst, unter anderem hat sie vor den Aufnahmen zu Jubilee noch Klavierstunden genommen, um so ihre Bandbreite als Songwriterin zu verbessern: „Ich wollte mich nie auf meinen Lorbeeren ausruhen. Ich will mich immer weiter entwickeln, ein neues Publikum erschließen und meine Grenzen als Komponistin, Produzentin und Arrangeurin verschieben.“

Schon beim fünften Album sind The Vaccines angekommen und nachdem die vier bisherigen Platten von Justin Hayward-Young (Gesang, Gitarre), Freddie Cowan (Gitarre, Gesang), Árni Árnason (Bass, Gesang), Tim Lanham (Keyboards) und Yoann Intoni (Schlagzeug) alle die Top 5 im UK erreicht haben (zuletzt Combat Sports 2018) und insgesamt mehr als zwei Millionen Mal verkauft wurden, ist so eine Nachricht natürlich mittlerweile ein Ereignis. Im September kommt das neue Werk namens Back In Love City heraus, die Wartezeit kann man sich prima mit der Single Headphones Baby (***) verkürzen. „Manchmal kann das Leben einen wie betäubt zurücklassen und man sehnt sich danach, etwas zu fühlen. In Headphones Baby geht es darum, dem entfliehen zu können – sich auszuklinken von der Realität der Außenwelt, und sich stattdessen in die warme Umarmung des Geistes eines anderen zu hüllen. Der Song soll wie ein Feuerwerk klingen – ein Ruf zu den Waffen“, sagt Justin Hayward-Young über die Single. Der Clip macht daraus einen Cartoon-Trip, der Sound lässt die Synthies im Zweifel (leider) lieber über die Gitarren obsiegen und stellt die eingänge Melodie maximal plakativ heraus, sodass man an die Entwicklung von Coldplay denken kann. Die Verweise auf Americana und Hollywood im Text sind übrigens kein Zufall: Die Band aus London hat das Album in El Paso mit Produzent Daniel Ledinsky (Rihanna, TV On The Radio) aufgenommen.

Auch Jade Bird hat den Sprung über den großen Teich gemacht. Für ihr zweites Album Different Kinds Of Light (erscheint am 13. August) ist die 23-jährige Britin nach Nashville gegangen, um dort mit Produzent Dave Cobb (John Prine, Lady Gaga) zu arbeiten. Den Titelsong (***1/2) veröffentlicht sie jetzt als vierten Vorab-Track der Platte. „In seiner einfachsten Form handelt Different Kinds Of Light vom Verlieben und in seiner komplexesten Form vom Chaos des Versuchs, seiner Vergangenheit zu entkommen. Ich habe über fiktive Charaktere geschrieben, über mich selbst und Menschen, die nicht existieren oder zumindest nur in meinem Kopf, meiner Erinnerung und meiner Vorstellung“, sagt sie über die Platte, die über verschiedene Etappen und durch einen intensiven Prozess seit dem selbstbetitelten Debüt 2019 „verschiedene Arten von Klarheit“ in ihr Leben gebracht habe. „Wenn man jung ist, erlebt man ein Gefühlschaos und versucht verzweifelt, das zu Papier zu bringen. Aber wenn man älter ist, arbeitet man klarer heraus, was einen bewegt hat und warum. Es ist erstaunlich, was zwei Jahre bewirken können: Es ist, als würde man schreiben, während man sieht, anstatt zu schreiben, um zu sehen.“ Das Video scheint eine recht explizite Entsprechung dieser Klarheit anzustreben, denn Jade Bird steht hier einfach vor einer Leinwand und wird mit unterschiedlichen Arten von Licht angeleuchtet, während zugleich der Songtext auf sie projiziert wird. Das Lied klingt in der Tat tiefer und erwachsener, aber nicht satt oder geruhsam – in der Stimme ist da ebenso ein Hauch von Tumult wie im Arrangement.

Für Roisin Machine, ihr gemeinsames Album mit Crooked Man alias DJ Parrot, hat Róisín Murphy im vergangenen Jahr viel Lob bekommen. Der NME wählte die Platte ebenso unter die 20 besten Alben des Jahres 2020 wie der Guardian, Pitchfork oder The Independet. Jetzt legen die beiden mit einer weiteren Zusammenarbeit nach. Mit Crooked Machine liefern sie eine Neuinterpretation des gesamten Albums, jeder der zehn darauf enthaltenen Songs wurde dafür neu bearbeitet. Im Fall von Assimilation (***1/2) klingt das nun erst wie aus einer anderen Welt, dann wie aus einer sehr eleganten Disco, dann ein wenig nach Chillout, schließlich nach einer Alien-Orgie. „Parrot versucht nicht, ‚cool‘ zu sein, ich denke, das ist das Letzte, woran er denkt. Er macht Musik mit einem echten Verantwortungsgefühl für sein Handwerk. Er kann einfach keine minderwertige Musik machen, er würde sich zu sehr schämen. Also steckt er alles, was er ist und was er gelernt hat, in alles, was er tut. Ich denke, Crooked Machine ist eine seiner größten Errungenschaften bis jetzt“, sagt Róisín Murphy über die Zusammenarbeit, bei der schon in den ersten Session jeweils mehrere Versionen der Songs entstanden waren. „Ich habe ihn und Fat Dave bei diesem Album sich selbst überlassen, und sie haben sich selbst übertroffen! Ich liebe es absolut!! Ich glaube, ich mag es lieber als das Originalalbum. Es enthält etwas weniger von mir und ist dafür umso cooler!“ Im Herbst wird Róisín Murphy – wenn es dann noch erlaubt ist – im Rahmen ihrer Europatournee auch in Köln (24. September, Live Music Hall), Berlin (2. Oktober, Astra), Hamburg (4. Oktober, Docks), Stuttgart (7. Oktober, Im Wizemann) und München (8. Oktober, Muffathalle) spielen.

Citizen promoten zwar eigentlich gerade ihr viertes Album Life In Your Glass World, das schon seit März draußen ist. Parallel scheint das Trio aus Toledo, Ohio aber heimlich eine Weiterbildung zu machen, wie das wunderbare Video zu Black And Red (****) zeigt: Mat Kerekes, Nick Hamm und Eric Hamm schlüpfen da in die Rolle als Drill Instructors. Das ist genauso kurzweilig, bedrohlich und doppelbödig wie der Song. Falls noch eine Tour zum Album möglich werden sollte, darf sich demnach niemand wundern, wenn im Publikum plötzlich Stepptanz statt Pogo angesagt ist.

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