Hingehört: Hindsights – „Cold Walls/Cloudy Eyes“


Künstler Hindsights

Emo in Reinform bietet das Debütalbum von Hindsights.

Emo in Reinform bietet das Debütalbum von Hindsights.

Album Cold Walls/Cloudy Eyes
Label Beach Community
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

An brauchbaren Definitionen für das seltsame Genre „Emo” haben sich schon einige vergeblich versucht. Ich reihe mich da gerne ein. Während der gemeine Mann, der eine E-Gitarre in die Hand nimmt, damit am liebsten die Botschaft in die Welt posaunt: „Ich will ganz viel Sex mit ganz vielen Frauen“, tendiert der Emo-Rocker eher zu: „Ich bin derart empfindsam, dass ich beim Gedanken an etwas so Aufwühlendes wie Sex vor Angst erstarre und lieber gleich die Flucht ergreife.“

Zumindest könnte man an diese Unterscheidung glauben, wenn man Cold Walls/Cloudy Eyes hört, das Debütalbum von Hindsights. Benio Baumgart (Gitarre & Gesang), Billy Hutton (Gitarre & Gesang), Miles Hay (Bass) und Jack Perry (Drums) sind zwar gerade erst dem Teenager-Alter entwachsen, haben sich diesem Genre, das vor knapp 30 Jahren entstand, aber bereits mit Haut und Haaren verschrieben. In Colour, Blind führen sie die Stärken von Emo am besten zusammen: Wucht, Sensibilität und Pop-Verständnis.

Hindsights klingen ansonsten manchmal wie eine leicht betrübte Version von Weezer (etwa in der Single Cold Walls), gelegentlich auch wie deprimierte Foo Fighters (Cloudy Eyes). Out Of My Skull, das mit einem netten Dinosaur-Jr-Gitarrensolo beginnt und Sänger Benio Baumgart am Ende in die Rolle des Shouters schlüpfen lässt, zeigt die Schnittmengen zu Indie und Hardcore auf.

Cold Walls/Cloudy Eyes ist das Ergebnis aus einem sechsmonatigen Schreibmarathon, gefolgt von etlichen 15-Stunden-Tagen im Studio und dem verzweifelten Versuch, endlich einen Sinn in Angst und Depression zu finden. Diese Songs helfen mir dabei, sich mit dem Ungleichgewicht in meinem Kopf und der Tatsache, dass ich mein ganzes Leben damit leben muss, zu arrangieren“, sagt Frontmann Benio Baumgart.

In der Tat ist es fast rührend, wie schonungslos das Ende 2011 gegründete Quartett aus Maidenhead hier seine Seelen offenlegt. In Pensive, das an Flake Music denken lässt, singt Baumgart tatsächlich Wörter wie „goosebumps“ und „introverted“. In Daze bekennt er: “I’m 21 and I’m filled with hate for everything.” Und im Waiting Room, in dem sich womöglich sogar Fury In The Slaughterhouse wohl fühlen dürften, geht die hemmungslose Introspektion mit „Emptyness fills me“ weiter. See You Soon ist dann zumindest sein Wille anzuhören, glücklich zu sein, und die Erkenntnis, dass die Nicht-Erfüllung dieses Wunsches offensichtlich hinter seinem Schmerz steckt.

Dass eine der beiden bisher erschienenen EPs von Hindsights den Titel The Thoughts That Weigh Me Down trug, passt da ins Bild. Dass die Band als Referenzen beispielsweise Brand New und Title Fight benennt, leuchtet ebenfalls ein. Das Problem von Cold Walls/Cloudy Eyes, das in einer zweiwöchigen Session im Juni 2014 in Manchester zusammen mit Produzent Bob Cooper aufgenommen wurde, ist auch gar nicht der depressive Grundton.

Vielmehr stört zum einen die mangelnde Klasse der Songs: Etliche Melodien bestehen bei Hindsights nur aus einem einzigen Ton, und Lieder wie der Schlusspunkt Sore zeigen, dass die Band gerne hymnisch sein möchte, die Stimme von Benio Baumgart dafür aber ungeeignet ist. Cold Walls/Cloudy Eyes beweist bestens: Gute Gitarrenarbeit macht noch lange kein gutes Songwriting. Zum anderen irritiert dann doch, wie stur die vier Engländer an der tausendfach erprobten Nomenklatur von Emo kleben: Man darf sich ruhig Zuhause in einem Genre fühlen – aber sich so bequem und mutlos darin einzurichten, auch noch auf einem Debütalbum, ist dann doch ein wenig arg unaufregend.

Ob der Typ im Video zu Cold Walls die ganze Wanne mit Tränen gefüllt hat?

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