The Jezabels – „Synthia“


Künstler The Jezabels

Cover des Albums Synthia von Jezabels Kritik Rezension

Das Frausein ist auch auf dem dritten Album der Jezabels das wichtigste Thema.

Album Synthia
Label Caroline
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Kurz vor der Veröffentlichung ihres am Freitag erscheinenden dritten Albums mussten The Jezabels ihre Welttournee absagen, die im März auch vier Termine in Deutschland umfasst hätte. Der Grund ist mehr als verständlich: Keyboarderin Heather Shannon leidet seit drei Jahren an Eierstockkrebs und muss sich nun dringend zuhause in Sydney in Behandlung begeben. “Up until now, I have preferred to not let this diagnosis get in the way of getting on with life. I feel a deep frustration at this new roadblock, as I now have to take a step back and undergo treatment. The band means so much to me, and cancelling the tour has been a very sad decision. I am hopeful that in the near future we will be back on the road again playing music we love“, schreibt sie auf der Website der Band, zugleich betont sie, wie gerne sie die neuen Songs live gespielt hätte.

Diese traurigen Neuigkeiten lassen Synthia in einem besonders tragischen Licht erscheinen. Zum einen ist der Anteil von Heather Shannon auf dem dritten Album der Jezabels äußerst ausgeprägt: Der Albumtitel geht zum Teil darauf zurück, dass sie sich neue Synthies angeschafft hat, was einen wahren Inspirationsschub auslöste. „A lot of ideas were coming from her and then we’d build the songs around them“, erklärt Sängerin Haley Mary. „We just got together to rehearse and we wrote about four songs in a week.“

Zum anderen erscheinen etliche dieser Lieder nun unter anderen Vorzeichen. Songtitel wie My Love Is My Disease (darin klingt das von Schlagzeug von Nik Kaloper nach Prog-Metal, trotzdem ist der Sound insgesamt eher ein Schwamm als ein Brett) oder Come Alive (ein typisches Beispiel dafür, wie die Jezabels mit elektronischen Mitteln Spannung aufbauen, die sich dann mit Rock-Mitteln entlädt) muss man fast zwangsläufig mit der Krebs-Erkrankung in Verbindung bringen.

Auch jenseits solcher (vielleicht nur herbeifantasierter) Parallelen ist Synthia, das ebenso wie das 2011er Jezabels-Debüt Prisoner von Lachlan Mitchell produziert wurde, durchweg packend, aufwühlend und voller faszinierender Details.

A Message From My Mother’s Past könnte man sich gut von Austra vorstellen. If Ya Want Me wird gerade deshalb so attraktiv, weil es so stolz und entschlossen ist. In Stamina wirkt Hayley Mary wie eine Herrscherin oder eine gute Fee, von der man das Geheimnis der Welt in Erfahrung bringen könnte – und das verrät sie dann auch. In Flowers In The Attic hingegen schafft sie es allein mit der Zeile „Go ahead and leave me now“, Fatalismus leidenschaftlich klingen zu lassen.

Emanzipation, das Dasein als Frau in der (Musik-)Welt und die möglichen und unmöglichen Blickweisen auf Gender sind auch auf Synthia die wichtigsten Themen der Jezabels. „Previously I’ve shrouded myself a lot in mystery and the language of romanticism; played roles and stuff — which reflected some kind of truth about how I felt as a woman. Now I feel like I can be much more upfront about all that“, sagt Hayley Mary. „The truth about how it feels to be a woman has become a much more prominent part of the general conversation in the last couple of years. These are exciting times. I think we’ve made an album that celebrates that.”

Das kann verstörende Effekte haben wie im siebeneinhalbminütigen Opener Stand And Deliver und seiner Bitte: „Oh, Daddy please / You’re so busy all your life / Let’s go back to the island / You can marry me / Let me be your wife.“ Smile hingegen atmet ein wenig die Luft von Sophie B. Hawkins‘ Damn, I Wish I Was Your Lover, auch Pleasure Drive ist verführerisch auf eine erwachsene, keineswegs mädchenhafte Weise. Mehr noch: Hayley Mary, deren Stimme in den intensivsten Momenten von Synthia eine Kraft entfaltet, die an Florence Welsh erinnert, zeigt darin, dass sie auch manipulativ sein kann. Unnatural beweist schließlich am deutlichsten, dass diese Band unverkennbar Musik macht, die kalkuliert und konstruiert ist, trotzdem eindeutig getragen von Erlebnissen, die wirklich gefühlt wurden, und Gedanken, die unbedingt mit der Welt geteilt werden wollen. Es geht bei den Jezabels um Effekt, aber viel mehr noch um Emotion.

Gespenstisch: der Clip zu Come Alive.

Website der Jezabels.

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