Sad Girl – „Water“


Künstler Sad Girl

Sad Girl Water Review Kritik

Zwei Jahre lang haben Sad Girl an „Water“ gearbeitet.

Album Water
Label Suicide Squeeze
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Seien wir ehrlich: Wenn hinter Sad Girl wirklich ein trauriges Mädchen stecken würde, wäre dieser Künstlername sagenhaft dämlich und langweilig. Glücklicherweise ist das nicht der Fall. Stattdessen haben sich Gitarrist/Sänger Misha Lindes, Drummer David Ruiz und Bassist Dakota Peterson diesen Namen für ihre Band ausgesucht. Zumindest beim Titel ihres Debütalbums bekommt man von dem Trio aus Los Angeles aber das, was draufsteht: Water handelt vom Wasser.

Den Anstoß zu diesem Thema gab Toningenieur Max Garland mit dem Bonmot: „If you want to learn about water, go to the desert.” Das führte dazu, dass sich die Band immer intensiver mit der Position ihrer Heimatstadt zwischen Ozean und Wüste, Bergen und Küste, Erdbebenrisiko und Traumfabrik auseinandersetzte. „Los Angeles ist im Prinzip eine Wüste, die ständig zwischen Dürre und El Niño schwankt. Mit dieser Platte versuche ich, einen ganz kleinen Teil der Erfahrungen zu teilen, die ich beim Aufwachsen und Leben in dieser Stadt gemacht habe. Es geht um das Fließende im Wasser, um seine Macht und Notwendigkeit“, sagt Misha Lindes über das im Verlauf von zwei Jahren aufgenommene Album.

„I feel like the ocean“, heißt dann bezeichnenderweise die erste Zeile, die er auf dieser Platte singt. Das noch größere Bekenntnis in Ocean lautet freilich wenig später: „I cannot live with myself.“ Die Musik dazu setzt unter anderem auf eine Slide-Gitarre, ein sehr behutsames Tempo und eine tragisch-romantische Retro-Ästhetik – schon nach ein paar Sekunden glaubt man, gleich könne Roy Orbison zu singen anfangen.

Die Single Chlorine setzt das Album fort und würde ebenfalls zu diesem Gedanken passen. Auf das gleichnamige Halogen wird zwar angespielt („I can’t taste the air I breathe“), schnell wird aber klar, dass es hier nicht um Chlorgas geht, sondern um ein Mädchen. Zu Klavier und sehr schicken Bläsern entspinnt sich eine Gangster-Geschichte à la Bonnie & Clyde. „Chlorine ist eine melancholische Ballade über die Situation, in der man jemandem liebt, dabei genau weiß, dass es einen zerstört, es aber trotzdem tut. Es ist auch eine etwas ironische Variation klassischer Liebeslieder, die eine Femme Fatale besingen“, sagt Misha Lindes. Auch Breakfast For 2 passt in diese Kategorie: Es könnte von den Everly Brothers sein oder von Elvis oder von jedem, der in den letzten 60 Jahren ein Liebeskummer-Lied geschrieben hat.

Sad Girl erweitern ihr Spektrum dann um geschmackvolle Instrumentalstücke (Hazelnut Coffee), schicke Streicher-Arrangements (Little Queenie) oder weitere herrlich romantische Momente wie Miss Me mit den wundervollen Zeilen: „Kiss me with those same lips / and I’ll never be the same.“ In Strange Love hat das Schlagzeug offensichtlich große Lust, sein Können zu zeigen, das Ergebnis würde wunderbar zu den Last Shadow Puppets passen. Mit Muholland (der Bass übernimmt darin den Gesangspart, sodass der Sound so abgründig wird, wie man es bei diesem Titel erwarten durfte) und Avalon (auch ganz ohne Text schaffen es Sad Girl, ganz viel Sehnsucht in diesen Song zu packen) gibt es noch zwei weitere Instrumentals.

Abgeschlossen wird die Platte vom Titeltrack. Die Position des Sängers in Water lässt sich so beschreiben: Irgendetwas stimmt nicht, da ist ein Stachel im Fleisch, den er nicht identifizieren kann, aber er reagiert nicht empört oder wütend wegen dieses Schmerzes, sondern betrübt, fast resigniert – vielleicht auch, weil er ahnt, dass er sich diesen Stachel selbst eingerammt hat. „Es geht darum, die eigene Sterblichkeit und den ständigen Wandel der Natur anzuerkennen. Es soll melancholisch sein, aber im Prozess dieser Erkenntnis immer noch schön“, erklärt Misha Lindes. Und dann, ganz am Ende von Water, rauscht bloß noch das Meer.

Zwei Ausreißer sind die Helden im Video zu Chlorine.

Sad Girl bei Bandcamp.

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