Young Guv – „Guv I“


Künstler Young Guv

Young Guv Guv I Albumcover

Fremde könnten Freunde sein, weiß Young Guv.

Album Guv I
Label Run For Cover
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Das wichtigste Lied auf Guv I ist das zweite. Es heißt Roll Wit Me und es enthält Zeilen wie diese: „I can’t place who you are / so familiar and brand new / what is it that you’ve got / so effortlessly cool / you don’t have to look at all / why would you anyways / all I wanna do is talk / I just don’t know what to say / but I can’t wake up in my bed / alone another day.” Daraus spricht nicht nur Einsamkeit, die sich ja gerne auch ein wenig egozentrisch ausleben kann. Sondern auch die Erkenntnis: Alle Menschen scheinen uns fremd, zugleich aber tragen sie alle das Potenzial in sich, unsere besten Freunde oder unsere große Liebe zu werden.

Ben Cook, der Mann hinter Young Guv, hat diese Erfahrung zuletzt besonders intensiv gemacht, weil der Kanadier im Sommer 2018 nach New York gezogen ist, wo er erst wieder Orientierung und Anschluss finden musste. Dass er daraus so kluge, ehrliche und beinahe allgemeingültige Zeilen machen kann wie in Roll Wit Me (untermalt von einer Musik, die akustisch ist, aber mit viel Power und Tempo daherkommt wie die besten Momente der Lemonheads), spricht für seine Fähigkeiten als Songwriter.

Trotz des Albumtitels, der anderes suggeriert, ist er keineswegs ein Anfänger in diesem Metier, und Guv I ist auch kein Debüt. Ben Cook ist Sänger bei No Warning seit gut 20 Jahren, Gitarrist bei Fucked Up seit 2006. Er ist regelmäßig als Co-Writer (etwa für Yacht Club) und Produzent (er hat beispielsweise parallel zur Arbeit an diesem eigenen Album die neue Platte von Terror produziert) tätig. Als Young Guv oder Young Governor oder Guv veröffentlicht er seit 2008 Singles und EPs, immer dann, wenn er gerade Lust dazu hat. Auch zwei Alben sind dabei bereits entstanden.

Wer diese Inkarnation von ihm noch nicht kennt, wird vor allem überrascht sein, wie weit Guv I von seiner Hardcore-Prägung entfernt ist. Die Platte wird von einer großen Wärme durchströmt, zeigt ein großes Faible für die Sixties und ein noch größeres für Melodieseligkeit. High On My Mind scheint direkt aus dem Jahr 1969 zu kommen, das eher getragene Didn’t Even Cry hat Lust auf etwas Psychedelik, Luv Always lässt sich von reichlich Jangle in einen Sixties-Taumel hineinführen.

Seine Songs sollen sich so anfühlen, als ob man „am frühen Morgen Leute in einem fremden Land beobachtet und versucht, dabei nicht vor dem überwältigenden Gefühl aus Traurigkeit und Glück zu weinen“, sagt Young Guv, und neben einer analogen Ästhetik mit sehr viel Treble tragen dazu natürlich auch seine Kompositionen selbst bei. Every Flower I See kombiniert prominenten Harmoniegesang mit ein paar Garagen-Elementen, sodass man sich an Fountains Of Wayne erinnert fühlt. Der Auftakt Patterns Prevail (hier wird im von Aurora Shields gesungenen Text auf das Verbindende und Ewige verwiesen, das auch in der Fremde erkennbar wird) ist schmissig und zugleich verspielt, wie man das einst bei den Long Winters erleben konnte.

Exceptionally Ordinary ist, nomen est omen, nicht so vollkommen wie der Rest und erlaubt sich selbst ein paar widerborstige und provisorische Elemente. Irgendwo, vielleicht im Tempo des Schlagzeugs, scheint in diesem Lied ein absichtlicher kleiner Makel zu stecken, der für die Gesamtdramaturgie des Albums allerdings sehr wichtig ist. Zum Abschluss der Platte setzt Young Guv in Boring Story beispielsweise auf eine Mundharmonika und verfremdete Streicher. Auch durch wirkungsvolle Kleinigkeiten wie diese Instrumentierung merkt man, wie viel musikalische Intelligenz in diesen Liedern steckt.

Selbst die Blumen im Video zu Every Flower I See scheinen retro zu sein.

Young Guv bei Instagram.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.