Durchgelesen: Abilio Estévez – “Ferne Paläste”

November 30, 2005 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Ferne Paläste" lässt ein hoch poetisches Bild von Kuba auferstehen.

Autor Abilio Estévez
Titel Ferne Paläste
Verlag Luchterhand
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ****

Dieses Buch, nach dem ausgezeichneten “Dein ist das Reich” der zweite Roman des Kubaners Abilio Estévez, ist ein Buch über die Sehnsucht. Die Hauptfigur, ein obdachloser Homosexueller namens Victorio, sträunt kurz vor der Jahrtausendwende durch Havanna. Er weiß, dass es die falsche Zeit und der falsche Ort für ihn ist. Aber er weiß nicht, ob er sich lieber in die prunkvolle, koloniale Vergangenheit zurückwünschen soll, oder sich eine angenehme, post-revolutionäre Zukunft erträumen. Soll er fliehen, wie so viele andere, oder eine Heimat erbauen?

Es ist diese Zerrissenheit, die “Ferne Paläste” so erschütternd und bewegend macht. Victorio ist fremd in seiner Stadt, und die Stadt ist fremd in ihm, mit ihrem Zwitterdasein zwischen Pracht und Armut, Prunk und Fäulnis.

“Havanna ist eine Stadt, die am Meer träumt und leidet”, heißt es an einer Stelle – Victorio geht es genauso, und deshalb weiß er natürlich, dass er eigentlich sehr an dieser Stadt hängt, dass sie letztlich sein einziger Mittelpunkt ist. Um dieses Zentrum herum pulsiert in diesem Roman alles, ganz sprunghaft geht es vom Konkreten zum Abstrakten, vom Traum zur Realität, vom Detail zu den ganz großen Themen.

Am Ende ist “Ferne Paläste” nicht nur ein faszinierendes Porträt einer Stadt, sondern eine treffende Studie über die Befindlichkeit eines ganzen Systems. Und einer Generation, die nicht viel mehr hat als ihre Sehnsucht.

An der besten Stelle verbrennt Victorio sein gesamtes Hab und Gut, auch seine Bücher: “Es sind nicht viele, zum Glück. Ein leiser Anfall von Sentimentalität hindert ihn daran, einen letzten Blick auf sie zu werfen, auch wenn es keine Rolle spielt, ob er sie anschaut, denn Victorio kennt sie nur zu gut, er muss sie bloß anfassen und weiß, um welches Buch es sich handelt, um welchen Autor, welche Zeit, welche Gegend der Welt, denn die Bücher sind wie die Menschen, sie haben ihren eigenen Charakter, ihre Würde, ihre Eleganz, ihre Torheiten, ihre Launen. Jedes Buch hat einen Körper und eine Seele. Manchmal, in endlos vielen Fällen, besitzen sie sogar mehr Seele als die Autoren selbst, die sie ins Leben gerufen haben.”

Hingehört: Bloodhound Gang – “Hefty Fine”

November 28, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Für die niederen Instinkte in uns: "Hefty Fine".

Künstler Bloodhound Gang
Album Hefty Fine
Label Geffen
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung **

Man muss sich nicht unbedingt auf Jürgen Drews berufen, um zu wissen: In jedem von uns schlummert noch irgendwo ein Pennäler. Das ist auch gar nicht weiter schlimm. Und es ist die Geschäftsbasis der Bloodhound Gang. “Ihre Musik ist idiotisch, sie spricht die niedersten Instinkte Heranwachsender an”, behauptet der Pressetext zur neuen Platte Hefty Fine ganz richtig. Und so liefern die Mannen um Mastermind Jimmy Pop auch hier wieder Pointen mit der Panzerfaust.

Balls Out ist zum Auftakt schwer verdaulich und ungefähr so einfallslos und altmodisch wie Clawfinger. Doch dann wird schnell deutlich, dass die Bloodhound Gang schon längst nicht mehr versehentlich schlecht ist. Sie ist absichtlich schlecht. Etwa dann, wenn eine bloß halb amüsante Idee für einen ganzen Song reichen muss (No Hard Feelings, Farting With A Walkman On) oder wenn für die Single Uhn Tiss Uhn Tiss Uhn Tiss wieder der patentierte Beat vom 1999er Hit The Bad Touch bemüht wird.

“Ein bisschen Spaß muss sein!”, wendet da jemand ein (wieder nicht Jürgen Drews, ich weiß), und manchmal kann man den mit der Bloodhound Gang auch tatsächlich haben, selbst als Nicht-Pennäler. Das passiert dann, wenn der Witz genau kalkuliert ist und in schmissige Stücke wie Foxtrott Uniform Charlie Kilo oder Pennsylvania verpackt wird. Und vor allem, wenn der fiese Fünfer den Schmonzes von Bands wie Him aufs Korn nimmt (Something Diabolical).

Kurz hält man Jimmy Pop dann für einen, der sich ähnlich wie Eminem in seiner Rolle als Protagonist des White Trash suhlt, oder gar heimlich den Part des gekonnten Parodisten genießt. Ist aber Quatsch. Er ist bloß ein Pennäler. Er hat Hintern im Sinn statt Hintersinn. Exkremente statt Exegese, Perversionen statt Persiflage.

Keine Spur von Geschmack: Der Clip zu Foxtrott Uniform Charlie Kilo:

Die Bloodhound Gang bei MySpace.

Die Hauptstadt der Schwämme

November 25, 2005 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Der Hafen von Tarpon Springs, der Schwammhauptstadt der USA.

Der Hafen von Tarpon Springs, der Schwammhauptstadt der USA.

Konzentriert sitzen die sechs jungen Männer in ihrem Boot. Dunkelhaarig und braungebrannt. Sie alle tragen blaue Jeans und weiße T-Shirts – und darunter ist jeder Muskel ihrer Körper gespannt. Die Augen brennen, die Arme zappeln vor Übereifer nervös umher und lassen das Boot noch etwas heftiger auf den Wellen schaukeln. Kurz feuern sie sich noch einmal gegenseitig an. Dann erfolgt das Zeichen – und sie springen ins Wasser.

Als stünden sie in Flammen, stürzen sie sich in die Fluten und tauchen hinab – Dutzende von ihnen. Aus einer handvoll weißen Booten, die einen Halbkreis bilden, springen sie alle in die Mitte und verschwinden unter der Wasseroberfläche. Einige tauchen kurz wieder auf und holen Luft, andere geben nach einigen Versuchen erschöpft auf – trotz der anfeuernden Rufe der Menschenmenge am Ufer. Dann reckt einer von ihnen triumphierend seinen Arm in die Höhe. Mit der Hand umklammert er ein Kreuz.

Das Kruzifix hatte ein Priester wenige Minuten zuvor ins Hafenbecken von Tarpon Springs geworfen. Der Wettstreit hat Tradition: Die jungen Männer des kleinen Städtchens in Florida tauchen jedes Jahr zu Epiphanias nach dem Kruzifix. Der glückliche Sieger ist zwölf Monate lang der Held seiner Stadt.

Die Einwohner feiern mit dem Wettstreit das Meer, von dem sie leben. Die meisten von ihnen haben griechische Vorfahren. Und die haben ihr Gewerbe aus dem Mittelmeer mitgebracht: Die Männer fahren mit dem Boot raus und kehren mit Fischen, Krebsen oder Muscheln zurück – vor allem aber mit Schwämmen.

“Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich selber nach dem Kreuz getaucht bin”, sagt George Billiris. “Unter Wasser wurde heftig um die beste Position gekämpft. Einmal wurde bei einer Rangelei sogar das wertvolle Kruzifix beschädigt. Seitdem wirft der Priester bloß noch ein Kreuz aus Gips ins Hafenbecken”, erzählt der 78-Jährige. Er hat mit Schwämmen, die er auch nach England und Deutschland verkauft, ein kleines Vermögen gemacht und ist in Tarpon Springs bekannt wie ein bunter Hund.

“Ich vermisse die griechische See ein bisschen”, gesteht er ein. Doch dann huscht sogleich wieder ein Lächeln über sein Gesicht: “Aber hier ist es ja fast wie in Griechenland. Ich kann innerhalb von fünf Minuten in zwei verschiedenen Ländern sein.”

In der Tat wähnt man sich beim Schlendern durch die idyllische Hafenstadt eher an der Ägäis als am Golf von Mexiko. Griechische Musik erklingt, Blau und Weiß sind die dominierenden Farben, und die Souvenirshops an der Hafenpromenade verkaufen Trikots der Helden von der Fußball-Europameisterschaft. Natürlich finden sich auch jede Menge griechische Restaurants. “Es gibt kein schlechtes Essen in Tarpon Springs”, verspricht George.

Eine Million Besucher kommen jährlich hierher, Anfang 2006 werden auch einige besonders prominente darunter sein. Am 6. Januar wird die Epiphanias-Prozession, an deren Ende das Kruzifix aus dem Hafenbecken gefischt wird, zum 100. Mal stattfinden. Der Patriarch von Konstantinopel, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, hat sich ebenso angekündigt wie Floridas Gouverneur Jeb Bush. Auch der Präsident hat eine Einladung in die “Schwammhauptstadt der Welt” erhalten.

Nicht nur wirtschaftlich dreht sich in Tarpon Springs alles um die Zwitter aus der Meerestiefe. “Das Tauchen hält auch die Gemeinschaft zusammen”, weiß Billiris, der selbst im Alter von 14 Jahren seinen ersten Schwamm erntete. Mit dem Geld, das die Einwanderer aus dem Verkauf verdienten, finanzierten sie etwa die 1943 erbaute, wunderschöne orthodoxe Kirche der Stadt und unterhalten noch heute eine Schule, wo den Kindern griechische Sprache und Kultur vermittelt werden.

Mit zentnerschwerer Ausrüstung wurden früher die Schwämme geerntet.

Mit zentnerschwerer Ausrüstung wurden früher die Schwämme geerntet.

Als das Schwamm-Geschäft besonders florierte, gab es 180 Boote in der Stadt, erinnert sich George. Inzwischen ist nur noch ein Zehntel davon in Betrieb. Doch auch wenn Viren unter Wasser Probleme bereiten, macht sich Billiris keine Sorgen um die Zukunft: “Das ist ein 3000 Jahre altes Geschäft. Es gibt da unten noch genug Schwämme.”

Davon kann man sich in Tarpon Springs auch mit eigenen Augen überzeugen, denn einige der Boote bieten Rundfahrten an, auf denen die Schwammernte demonstriert wird. Während der Kapitän die verschiedenen Arten von Schwämmen erklärt und über die Geschichte von Tarpon Springs referiert, steigt ein junger Mann in einen zentnerschweren Anzug. Als der luftdichte Stahlhelm verschraubt ist, springt er ins Wasser und bringt wenig später tatsächlich einen Schwamm an Bord. Am Wettstreit der Jugend aus Tarpon Springs um das Epiphanias-Kreuz wird er allerdings nie teilnehmen – er kommt aus Wisconsin.

Kuba

November 8, 2005 · Posted in Fotos, Ich · Comment 

Tropisch, mysteriös, faszinierend: Kuba ist unglaublich schön, trotz des allgegenwärtigen Verfalls. Kann man auf dem Land vor allem tropische Vegetation und in den Touristenzentren tolle Strände genießen, bringt ein Abstecher nach Havanna noch einen weiteren Aspekt der Exotik hinzu: Kuba ist ein Museum des Sozialismus.

Hingehört: Superpunk – “Können Sie das groß machen bitte?”

November 5, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Superpunk liefern zugleich eine Riesensause und eine Dokumentation.

Künstler Superpunk
Album Können Sie das groß machen bitte
Label L’Age D’Or
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Können sie das groß machen bitte? sollte eigentlich ein Livealbum werden. Nun ist es ein Livealbum mit einer DVD geworden, eine Riesensause und eine unterhaltsame Dokumentation. Vor allem aber: Ein wunderbares Porträt einer wunderbaren Band.

Wer Superpunk schon von einem ihrer drei bisher erschienenen Alben kennt, bekommt hier reichlich Hintergrund und amüsante Einblicke in die Chemie der Band. Wer das Quintett aus Hamburg bisher verpasst hat, bekommt hier ihre besten Lieder auf einen Schlag, sogar noch etwas zackiger und druckvoller als die Original-Aufnahmen.

Wenn man Sänger Carsten Friedrichs glauben darf, machen Superpunk “elegant-feingliedrige Krachmusik. Hemdsärmelig, aber im Frack.” Das ist natürlich ein Scherz und Koketterie, dennoch nicht ganz daneben. Denn neben reichlich Schmackes steckt in diesen Liedern vor allem eines im Überfluss: Spaß an der Musik, am Rock’n'Roll, am Punk, am Soul. Und Leidenschaft. Das liegt an der eigentlich dünnen Stimme von Carsten Friedrichs, der technische Mängel aber mit viel Kampfgeist ausgleicht.

Natürlich sind diese fünf “Möchtegernproleten” (Selbstbezeichnung) auch Fußballfans (ein Song hat den grandiosen Namen Eric Cantona Stomp), und natürlich hängen sie an der Mannschaft, die öfter verliert als gewinnt. Wer Lieder wie Neue Zähne für meinen Bruder und mich, Bleib Deinen Freunden treu oder Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen hört, weiß sofort: Diese Jungs haben das Herz am rechten Fleck.

Dass ihre Texte dabei genau auf den Punkt und mitten aus dem Leben kommen, obwohl sie manchmal klingen, als seien sie etwas holprig aus dem Englischen übersetzt, macht Superpunk noch liebenswerter.

Schließlich macht die lohnenswerte DVD mit ihrer Mod-Ästhetik und viel Liebe zum Detail deutlich, dass Superpunk neben jeder Menge Spaß und einem Sack voll Hits noch etwas haben, was nur sehr wenige deutsche Bands besitzen: Stil und Humor. Diese Welt ist nicht für mich gemacht, heißt ein Song. Vielleicht stimmt das sogar. Denn wenn diese Welt gerecht wäre, dann wären Superpunk so groß wie die Toten Hosen. Mindestens.

So etwas nennt man einen gottverdammten Hit: Das Video zu Neue Zähne für meinen Bruder und mich:

Superpunk bei MySpace.

Hingehört: Sharonas – “Adrenalin Drive”

November 5, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Die Sharonas setzen nicht nur auf Adrenaline, sondern auch auf Schweiß.

Künstler Sharonas
Album Adrenaline Drive
Label Onomato Pop
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***

Der Name ist schon mal klasse. Sharonas, da müssen wohl The Knack Pate gestanden haben. Auch sonst lassen die Referenzen aufhorchen: “Demo des Monats” in der Visions. Viel Konzertspaß in Hamburg. The Clash und The Hives als Bezugspunkte im Pressetext.

Die erste Assoziation beim Hören von Adrenaline Drive sind aber die Pet Shop Boys. “You’ve got the brains, I’ve got the looks / let’s make lots of money”, muss man beim Opener denken. Den Look haben die vier Jungs von den Sharonas definitiv, und irgendjemand dachte wohl, er hätte viel Hirn und verlangte eine eingängige Single von der Band. So klingt So So So: verkrampft und verkopft, mit vorgegaukelter Leidenschaft und gespielter Spontaneität.

Danach wird es aber schnell besser. Schon Whew pulsiert ganz wunderbar, Come On gibt etwas Funk hinzu, Fire Below lodert verdammt gefährlich, Alright und Hello sind schließlich genau die Killer-Nummern, die So So So versuchte zu sein.

Unterm Strich hält sich die Adrenalinausschüttung zwar in Grenzen (dafür ist das Album zu konservativ und bleibt zu nah an den Vorbildern), aber immerhin ist jede Menge Schweiß geflossen, bei der Beinahe-Ballade They Come sogar auch ein paar Tränen. Und alle, die sich das Warten aufs neue Jet-Album verkürzen wollen, sind bei den Sharonas sicher gut aufgehoben.

Noch mehr Strategie: Zu So So So gibt es sogar einen Clip:

Die Sharonas bei MySpace.