Hingehört: Liquido – “Zoomcraft”

Mai 26, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Liquido sind auch noch da. Und "Zoomcraft" ist mehr als okay.

Künstler Liquido
Album Zoomcraft
Label Nuclear Blast
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***

An ihrem Image als A One Song Band, wie ein Titel auf Zoomcraft selbstironisch heißt, wird auch das fünfte Album von Liquido nichts ändern. Doch Zoomcraft zeigt erstaunliche Parallelen etwa zu den Killers (2 Square Meters), Rakes (On A Mission) oder Franz Ferdinand (Drop Your Pants).

Auch tolle Refrains bekommen die Heidelberger noch immer hin, und im rockenden Schlussdrittel der Platte brechen schließlich ihre Indierock-Wurzeln noch einmal durch (Best Strategy könnte von Jimmy Eat World sein). Wegen ihrer Pullunder steckte man die Jungs damals in eine Ecke mit Weezer. Zoomcraft zeigt, das ihnen auch schicke Hemden gut stehen.

Daft Punk, Kraftwerk, Blue Man Group: Das Video zur Single Gameboy wimmelt vor Zitaten:

Liquido bei MySpace.

Hingehört: Jamaram – “Shout It From The Rooftops”

Mai 24, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Jamaram versuchen, Kingston nach Bayern zu bringen.

Künstler Jamaram
Album Shout It From The Rooftops
Label GLM Music
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung **

“Wir klingen wie ein 5-Gänge-Menü auf einer Gabel”, verspricht Jamaram-Sänger Tom Lugo. In der Tat: Die acht Münchner liefern auf ihrer dritten Platte Shout It From The Rooftops alles von Latin bis Swing, von Ska bis Hip Hop.

Verbindendes Element ist der Geist des Reggae, und deshalb können sie auch Strandpop wie Jack Johnson (Coming To Get You) und Red-Hot-Chili-Peppers-Funkrock wie beim Titelsong Shout It From The Rooftops. Das ist ein bisschen beliebig (und wirft die Frage auf, warum Männer aus München so tun müssen, als seien sie Jungs aus Jamaika), wird aber zusammengehalten von einer letztlich gewinnenden Leichtigkeit und Heiterkeit.

Ein bisschen sieht das aus wie beim Schuhplattler: Der Clip zu Shout It From The Rooftops:

Jamaram bei MySpace.

Hingehört: Gisbert zu Knyphausen – “Gisbert zu Knyphausen”

Mai 16, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Gisbert zu Knyphausen: Schon auf dem Debüt schlicht perfekt.

Künstler Gisbert zu Knyphausen
Album Gisbert zu Knyphausen
Label Omaha
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung *****

So etwas nennt man wohl eine Entdeckung. Diese Stimme, diese Zeilen, diese Lieder. Man möchte allen davon erzählen, wie großartig sie sind. Man möchte den Künstler treffen, um Rat fragen, ihm noch ein Bier aufdrängen, wenn es längst schon zu spät ist. Denn Gisbert zu Knyphausen ist ein Mann, der das Leben kennt und das Leiden – und der doch Hoffnungen weckt.

Die Hoffnung, dass aller Schmerz letztlich vielleicht doch zu etwas gut ist, dass er die Leidenschaft nährt, mit der sich das Leben leben und lieben lässt. Vielleicht sogar die Hoffnung, dass das altbackene Wort „Liedermacher“ bald wieder sexy klingt.

Einen besseren Begriff gibt es nicht für das, was Gisbert zu Knyphausen macht. Er singt gegen vieles an, doch er wird niemals resigniert. Und zerstören will er nur, um etwas Besseres aufbauen zu können. „Ich gebe zu: Ich bin ziemlich kriegsgeil / Ich will dabei sein, wenn das alles explodiert / und dann tot sein oder aufstehen aus Asche und Trümmern / und zusehen, dass der Laden wieder funktioniert“, heißt es im programmatischen Der Blick in Deinen Augen. Knyphausen singt diese Zeilen nicht, er speit sie heraus – ganz wie Conor Oberst, den er neben Bob Dylan und Element Of Crime zu seinen Einflüssen zählt.

Wegen seiner rauen Stimme, der wilden Romantik und der aufrichtigen, lebensweisen und humorvollen Poesie seiner Texte („anstatt Haare wachsen mir wundervolle Flausen aus dem Kopf“, ist nur eine der grandiosen Zeilen im spannenden Flugangst) muss diese Reihe unbedingt um den Namen Rio Reiser ergänzt werden.

Und natürlich zählt auch die aktuelle deutsche Songwriter-Riege wie Peter Licht oder Niels Frevert zu den Menschen, die sich bei MySpace zu den Freunden des 28-Jährigen zählt. Dort begann die Karriere des Mannes, der stets erschöpft und übernächtigt aussieht, den man aber mit etwas Schminke leicht zum charaktervollen Beau à la Ethan Hawke machen könnte. Seine Internet-Seite hat mittlerweile fast so viele Besucher wie seine Heimatstadt Wiesbaden Einwohner zählt. Spiegel Online entdeckte in ihm den „interessantesten ungesignten Songwriter der Nation“, und nun dürfte die Aufmerksamkeit noch größer werden, denn das selbstbetitelte Debütalbum liegt vor – und es ist ein Triumph.

Neues Jahr erzählt zum Auftakt die Geschichte einer Silvesternacht in Berlin, wohin es Gisbert zu Knyphausen nach seiner Kindheit im Rheingau verschlagen hatte (und von wo er inzwischen über Holland nach Hamburg geflohen ist). Irgendwo zwischen Liebe und Abenteuer steht diese brüchige Begegnung. Das Jahr, die Zeit und die beiden alten Damen, die in der U-Bahn blöd glotzen, spielen keine Rolle. Es zählen nur der Moment und das Gegenüber.

Diese bedingungslose Hingabe zieht sich durch alle Lieder und paart sich mit der bestechenden Eleganz des abgebrochenen Musikwissenschaftlers. Wenn er mit seiner Band laut rockend loslegt wie in Erwischt, das in jeder gerechten Welt ein Hit werden müsste, oder im sogar noch besseren Sommertag.

Und fast noch mehr, wenn er leise sinniert, etwa über die Cowboy-Pose des Single-Daseins im unfassbar tollen Wer kann sich schon entscheiden? Oder über sich selbst als ewig Pubertierendem in Spieglein, Spieglein. Oder wenn er in So seltsam durch die Nacht den Famous Blue Raincoat von Leonard Cohen noch einmal neu aufträgt.

Der Abschluss ist ein Manifest. „Das Leben ist ein Kopfschmerz / und es wird Zeit, dass Du ihn spürst / keine Angst, er ist sehr schnell wieder vorbei“, heißt die Erkenntnis in Verschwende Deine Zeit, und die letzte Strophe wird zum Credo: „Ich singe meine Lieder / wohin es führt, wir werden sehen / es ist meine Art, sich vor dem Leben zu verneigen / ich verrenk mir mein Gehirn, um das zu sagen, was ich will / es ist nicht viel, aber auf jeden Fall besser als Schweigen“.

Keine Frage: Gisbert zu Knyphausen (der wirklich so heißt und dessen Familienstammbaum sich bis ins Jahr 1350 zurückverfolgen lässt) ist ein Kämpfer. Einer, der sich als erster aus dem Schützengraben wagt, der sich mit den großen Jungs anlegt, der nicht die kleinste Ungerechtigkeit ertragen kann. Wie hat schon Shakespeare gesagt: „Der echte Adel weiß von keiner Furcht.“

Gisbert zu Knyphausen spielt Sommertag live bei MTV Home:

Gisbert zu Knyphausen bei MySpace.

Hingehört: Astrids Farm – “Cyclist”

Mai 14, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Cyclist" klingt wie der Inbegriff von Indie.

Künstler Astrid’s Farm
Album Cyclist
Label Pop Up
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***

Thomas Lebioda ist angeblich ein ehemaliger Radprofi. Er ist außerdem der Ex-Bassist von Ich Jetzt Täglich. Und nun hat der Hamburger mit Astrid’s Farm seine eigene Band. Und die klingt wie der Inbegriff von Indie.

Cyclist, das Debüt das Quartetts, wird allen Freude machen, die Nada Surf oder Pavement zu ihren Favoriten zählen. Die Kompositionen sind in den Sixties verwurzelt – dieser Ansatz erinnert ebenso wie Lebiodas Stimme enorm an die tollen Electric Soft Parade. So gelingen niedliche Balladen wie About A Band, es gibt Byrds-Jangle wie Universal Accident und mit dem Titelsong auch ein Instrumentalstück.

Auf Lies singt sogar die Legende Walter Thielsch (ehemals Palais Schaumbaurg) mit. Das ganze Album ist enorm ausgereift, ohne deshalb seine Neugier verloren zu haben. Nur ein etwas besseres Mastering hätte Cyclist gebrauchen können. Oder etwas Doping.

Auch so kann live aussehen: Eine Performance in der Einkaufsmeile:

Astrids Farm bei MySpace.