Auletta – „Auletta“


Künstler Auletta

Auletta Review Kritik

Mit Crowdfunding haben Auletta ihr drittes Album finanziert.

Album Auletta
Label Auletta
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Acht Jahre sind viel Zeit für eine Band. Es ist fast so viel Zeit, wie die gesamte Plattenkarriere der Beatles überhaupt dauerte. Und es wird noch mehr, wenn die Mitglieder der Band währenddessen – ohne einen einzigen neuen Song vorzulegen – in das Alter kommen, in dem man sich die Frage stellen muss, ob man sich nicht vielleicht lieber doch einen „richtigen“ Beruf suchen sollte, weil diese Sache mit der Musik so notorisch unberechenbar ist.

Auletta dürften sich dieser Zeitrechnung sehr bewusst sein. Alex, Martin, Dan, Jusch lernten sich Ende der 1990er Jahre kennen, noch als Schüler in Mainz. Seit 2005 spielen sie als Auletta zusammen. Es ging gut los: Erste Aufmerksamkeit, Plattenvertrag bei EMI, Tourneen und Festivals. Doch weil keines der beiden Alben so richtig einschlug, war dann Schluss mit dem Aufstieg. 2011 erschien das letzte Album, 2012 gab es das letzte Konzert. Seit gestern gibt es nun eine neue Platte von Auletta. Dass sie so heißt wie die Band, soll wohl auch betonen: Wir haben jetzt zu uns selbst gefunden. Statt von einem Major-Label wurde sie per Crowdfunding finanziert.

Um es vorweg zu nehmen: Auletta haben ihr Metier nicht verlernt. Der Auftakt Du bist wie Berlin zeigt, dass sie bei ihrem Neustart gerne den Rhythmus etwas mehr betonen als früher. Treu wie Plastik hat eine sehr schöne Melodie im Refrain, das Ergebnis könnte Morrissey gefallen, auch hinsichtlich der Atmosphäre. Weißt du was du willst ist ein Lied an die Femme Fatale, die längst als solche entlarvt ist. „Alles was ich will ist / mit dir vor die Hunde gehen“, heißt eine der Zeilen, die das verdeutlichen, und mit Bass und Bläsern verweisen Auletta hier ein wenig auf Motown. Auch im üppig arrangierten Ich trink auf kann man dessen Einflüsse erkennen, rund um die ebenfalls sehr Soul-kompatible Zeile „Wenn dich niemand hasst, hast du niemals geliebt.“ Hotel Paradies erweist sich als stimmungsvoller Abschluss für diese Platte, etwa im Stile der Last Shadow Puppets.

Das Problem an dieser Platte ist eindeutig nicht die Musik, in die das Quartett zwei Jahre Studioarbeit gesteckt hat. Es sind auch nicht die Texte, denn wie beispielsweise in der Liebeskummer-Ballade So wie ich gibt es hier immer wieder den einen oder anderen guten lyrischen Einfall. Das Problem von Auletta ist die Attitüde. Alles, was hier unkonventionell klingen soll, wirkt geschauspielert. Egal was alle sagen ist der erste eklatante Fall davon: Das Lied will cool und durchaus auch edgy sein, macht aber eher einen verkrampften und bemühten Eindruck. Pass auf zeigt besonders gut, welche Themen Auletta hier gerne nutzen, um vermeintlich provokant zu klingen: Sex, Suff und Politik.

In vielen Passagen hat man den Eindruck: Auletta haben durch die Crowdfunding-Kampagne zwar finanzielle Unabhängigkeit erreicht, sie nutzen diese aber nicht für echte künstlerische Autonomie, sondern haben oft noch die Fragen im Hinterkopf: Wie können wir gefallen? Wie wird das ankommen? Was wird verlässlich gut funktionieren? Butterbrot und Peitsche findet deshalb mit einem streunenden Hund eine viel zu naheliegende Metapher für die Behauptung, heimatlos und draufgängerisch zu sein. Wenn Sänger Alexander Zweck in Ghetto die Zeile „Mein Kopf is’n Ghetto“ (statt „Mein Kopf ist ein Ghetto“) singt, klingt aufgesetzt, weil sein Gesang sonst an allen Stellen, auch in diesem Lied, maximal artikuliert ist. Für den Rest des Songs, etwa das Pfeifen, den Beat oder die Edwyn-Collins-Gitarre gilt: Alles ist extrem plakativ.

Am deutlichsten zeigt Winter in Berlin die Schwäche des Albums. Die Komposition ist schick und lässt erkennen, dass auch Suede als wichtiger Bezugspunkt für diese Platte gelten können. Es geht auch hier um Freigeist, Hedonismus und Abenteuer. Wer glaubhaft dafür stehen will, muss allerdings auch das Risiko eingehen, sich zu zerstören oder zumindest zu blamieren. Genau dieser Mut fehlt Auletta leider. Pose und Coolness dürfen bei ihnen niemals beschädigt werden, und deshalb wirkt der Gestus von Sex & Drugs & Rock’N‘Roll hier so halbherzig und aufgesetzt.

Ein bisschen arg offensichtlich ist auch die Idee im Video zu Ghetto.

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