Der RB-Faktor in der Bundesliga


RB Leipzig Red Bull Kommerz

Raebiger trägt die RB-DNA nun nach Fürth, Nkunku und Olmo (von links) sind noch in Leipzig. Foto: Veganz Group AG

RB Leipzig und der gesamte von Red Bull im Profifußball aufgebaute Kosmos gelten bei sehr vielen Sportfans weiterhin als No Go. So beeindruckend die Entwicklung des Clubs ist und so sichtbar auch die Effekte von Gewöhnung, Akzeptanz und zunehmender Sympathie sind, so gerne zelebrieren die vermeintlichen Gralshüter der Fußballkultur ihre Abneigung. Beim Pokalfinale im Mai gab es einen Buttersäure-Angriff auf das Fanfest von RB Leipzig in Berlin. In Kaiserslautern wünschte man Willi Orban schon 2016 den Tod an den Hals, als er als Spieler im Kader von RB Leipzig in seine Heimatstadt zurückkehrte, für die er 18 Jahre lang aktiv gewesen war. Etliche Fangruppen boykottieren weiterhin die Reise zum Auswärtsspiel ihres Vereins in der Red Bull Arena. Wenn sie dann doch kommen, glänzen sie gerne mit Inszenierungen, die in der Regel vor Ignoranz im Hinblick auf die Verfehlungen des eigenen Clubs nur so strotzen.

„Gegründet von Kumpeln und Malochern“, war auf dem Transparent zu lesen, das die Schalke-Anhänger im Dezember 2016 hissten – das ist schon eine schöne Verklärung der ethischen Prinzipien eines Clubs, der zu diesem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren von Gazprom gesponsert wurde und seit rund 15 Jahren Clemens Tönnies an der Spitze seines Aufsichtsrats hatte. „Traditionsverein seit 1900“, war die Botschaft der Gäste aus Mönchengladbach im September 2017, wobei man als RB-Supporter dann doch die Frage stellen wollte, ob der VfL somit bereits 1908 ein Traditionsverein war und ob dieser vermeintliche Ehrentitel dann nicht auch dem Rasenballsport schon acht Jahre nach seiner Gründung gebührte. „In Leipzig stirbt der Fußball“, meinten die Fans von Union Berlin bei einem Trauermarsch durch die Innenstadt im Januar 2020. Dabei vergaßen sie offensichtlich nicht nur, dass in Leipzig der DFB gegründet wurde und aus dieser Stadt der erste deutsche Fußballmeister kam. Sie dürften sich in ihrer Selbstgerechtigkeit auch in keinem Moment die Frage gestellt haben, mit wie viel Toleranz die Anhänger von RB bei so einer Aktion in Köpenick hätten rechnen dürfen.

Populismus und Doppelmoral

Dass Fußballfans nicht immer sonderlich reflektiert sind, dass man den eigenen Herzensverein gerne durch die rosarote Brille betrachtet und dass es natürlich legitim ist, die Rolle von Rasenballsport im deutschen Fußball kritisch zu betrachten – geschenkt. Wirklich ärgerlich werden solche Aktionen aber, weil sie von den populistisch agierenden Verantwortlichen vieler anderer Proficlubs toleriert oder gar klammheimlich angestachelt werden. Wenn in Augsburg (Stichwort: Parkbank), Freiburg (Stichwort: Begegnungsschal) oder St. Pauli (Stichwort: Ottensen) mit Seitenhieben gegen RB die vermeintlich wahren Werte des Fußballs wie Fairplay, Respekt und familiäres Vereinsumfeld beschworen werden, dann fühlen sich deren Fans in ihrer Abneigung bestätigt, und dann werden indirekt auch Aktionen stimuliert (siehe die Attacken in Dortmund, der blutige Bullenkopf beim Pokalspiel in Dresden oder die Buttersäure in Berlin), die nichts mit Fairplay und Respekt zu tun haben und bis hin zu Angriffen gegen Frauen und Kinder reichen.

Dahinter steckt bei genauer Betrachtung nichts anderes als Doppelmoral, wie ein Blick auf die aktuellen Kader der deutschen Profiligen zeigt. Wenn der Rest der Fußballwelt das mit Energy-Drink-Millionen aufgepäppelte „Konstrukt“ aus Sachsen wirklich so sehr verachtet, wäre es nur konsequent, jeden Spieler und jeden Trainer aus diesem Umfeld als persona non grata zu betrachten. Doch davon kann keine Rede sein. Red-Bull-DNA hat längst den gesamten deutschen Profifußball infiltriert. Vereine, die aus Angst vor dem Shitstorm der eigenen Fans noch immer Testspiele gegen RB Leipzig vermeiden, nehmen liebend gerne Profis und Coaches mit Red-Bull-Vergangenheit unter Vertrag. Fans, die – Dortmund ist sicher das Paradebeispiel für diese Idiotie – im Stadion mit Transparenten wie „Bullen schlachten“, „Keine Toleranz für RB“ oder „Bullshit“ ihren Unmut äußern, haben ein Jahr später kein Problem damit, einen Coach aus Salzburg zu begrüßen und einen Torjäger mit RB-Meriten zu vergöttern.

Nur zwei Erstligisten ohne Akteure mit RB-Vergangenheit

Solche Beispiele zeigen, wie verlogen ein großer Teil des Protests gegen RB ist, und wie gerne ihn andere Clubs instrumentalisieren, um von der eigenen Kommerzialisierung, Erfolglosigkeit oder fehlenden Identität abzulenken. Neben Leipzigs sportlichem Erfolg und dem vorbildlichen Verhalten der RB-Fans, die in der Red-Bull-Arena tatsächlich auch gegenüber Gästen mit Respekt und Fairplay glänzen, kann die Allgegenwärtigkeit dieses RB-Faktors vielleicht als stärkstes Indiz dafür gewertet werden, dass mit dem Red-Bull-Investment in der Tat die deutsche Fußballlandschaft bereichert wurde – und dass fast alle anderen Clubs mittlerweile davon profitieren, so gerne sie auch gegen RB wettern.

Shitesite hat den RB-Faktor aller deutschen Erst- und Zweitligaclubs berechnet und dabei herausgefunden: Von den 17 Teams in der Bundesliga (ohne RB Leipzig selbst) gibt es nur 2, die aktuell weder Spieler im Profikader noch Cheftrainer mit RB-Vergangenheit unter Vertrag haben, nämlich Freiburg (nach dem Abgang von Demirovic) und Bochum. In der Zweiten Liga sind es nur 5 von 18 Teams, nämlich Karlsruhe, Sandhausen, Regensburg und die beiden Hamburger Clubs. Den größten RB-Faktor aller Erstligisten hat ausgerechnet der „Mia san mia“-Rekordmeister (RB-Faktor 79), auch die stolzen Traditionsvereine Mönchengladbach (73) und Schalke (55) sowie in der Zweiten Liga beispielsweise Nürnberg (115) und Bielefeld (87) bedienen sich gerne an Know-how aus der RB-Schule. Unten gibt es die Auswertung Club für Club zum Durchklicken.

Der gesamte Profifußball vom Red-Bull-Netzwerk

Allein fünf Erstliga-Coaches haben einen Teil ihrer Laufbahn bei Red-Bull-Vereinen absolviert, die in der Vorsaison noch aktiven Adi Hütter, Sebastian Hoeneß und Marco Rose hätten diesen Wert noch nach oben schrauben können. Insgesamt stehen in der Bundesliga momentan 23 Profis mit RB-Stationen bei Nicht-RB-Vereinen unter Vertrag, das ergibt alleine einen ordentlichen Bundesliga-Kader. Sie kommen in Summe auf 52 Jahre Vereinszugehörigkeit in Leipzig, 56 Jahre in Salzburg und 2 Jahre in New York. Der höhere Wert für Salzburg statt Leipzig bedeutet auch: Statt des angeblichen Automatismus, dass talentierte Spieler von RBS automatisch zu RBL delegiert werden, profitieren mittlerweile in erheblichem Maße auch andere Bundesligavereine vom exzellenten Scouting und der vorbildlichen Ausbildungsarbeit von Österreichs Serienmeister und dem gesamten Red-Bull-Netzwerk. Gut ein Drittel der Profikicker mit RB-Historie, die aktuell außerhalb von Leipzig in der Bundesliga aktiv sind, stand nie in Leipzig unter Vertrag.

In der Zweiten Liga sind es 30 Spieler (von denen 11 nie in Leipzig aktiv waren) und 2 Trainer mit RB-Vergangenheit. Besonders ausgeprägt ist hier der Anteil der Torhüter: Gleich acht Keeper waren vor ihrer aktuellen Station schon einmal für einen Red-Bull-Club im Einsatz, das sind 30 Prozent aller Ex-RB-Profis in der Zweiten Liga und 15,5 Prozent aller Zweitliga-Torhüter, die im aktuellen Kicker-Sonderheft insgesamt aufgeführt werden. Leipzigs Torwarttrainer Frederik Gößling, sein Team und seine Vorgänger scheinen also ein paar Dinge richtig zu machen. In Summe kommen die Zweitliga-Profis mit vorangegangenen RB-Stationen auf 77 Jahre bei RB Leipzig, 49 Jahre in Salzburg und 2 Jahre in New York.

Datenbasis der Auswertung waren die Kaderlisten im aktuellen Kicker-Sonderheft zur Saison 2022/23. Änderungen seit Redaktionsschluss des Hefts wurden nicht berücksichtigt. Der RB-Faktor wurde so berechnet:

  • Pro Jahr Vereinszugehörigkeit im RB-Kosmos (RB Leipzig, RB Salzburg, New York Red Bulls, FC Liefering): 1 Punkt (Jugend- und Seniorenbereich wurden dabei gleich behandelt)
  • aktueller Cheftrainer (in der Vereinsübersicht mit Sternchen gekennzeichnet): Faktor 10
  • aktueller Stammspieler laut im Kicker-Sonderheft prognostizierter Startelf: Faktor 5
  • aktueller Ergänzungsspieler laut im Kicker-Sonderheft prognostizierter Startelf: Faktor 3
  • sonstiger Spieler im Profikader: Faktor 1

Hat ein Verein also einen Profi unter Vertrag, der zwei Jahre für RB Leipzig gespielt hat (2 Jahre = Punkte) und Stammspieler seines neuen Vereins ist (Faktor 5), gibt das 10 Punkte. Hat der Cheftrainer (Faktor 10) zuvor drei Jahre im RB-Kosmos gearbeitet (3 Jahre = 3 Punkte), gibt das 30 weitere Punkte. Die Werte wurden so gewählt, weil davon auszugehen ist, dass bei längerer Vereinszugehörigkeit im RB-Kosmos entsprechend mehr „RB-Fußball-DNA“ verinnerlicht wurde, und dass ein Cheftrainer ein Team mehr prägt als ein Stammspieler, dieser wiederum mehr als ein Ergänzungsspieler oder ein sonstiger Profi.

Das Gesamtranking – diese Clubs haben im aktuellen Kader den größten RB-Faktor (die Details zur Punktberechnung sind unter dieser Tabelle zu finden):

Verein Liga Anzahl Trainer mit RB-Historie Anzahl Spieler mit RB-Historie RB-Faktor
Nürnberg 2 1 1 115
Bielefeld 2 0 4 87
Bayern München 1 1 4 79
Mönchengladbach 1 0 2 73
Kiel 2 0 2 61
Schalke 1 1 1 55
Kaiserslautern 2 0 3 36
Frankfurt 1 1 1 35
Wolfsburg 1 1 1 33
Köln 1 0 3 31
Hoffenheim 1 0 2 29
Darmstadt 2 0 3 28
Rostock 2 1 3 27
Hannover 2 0 3 23
Braunschweig 2 0 3 23
Mainz 1 1 1 21
Dortmund 1 0 1 20
Düsseldorf 2 0 1 18
Bremen 1 0 2 18
Greuther Fürth 2 0 2 18
Augsburg 1 0 1 15
Union Berlin 1 0 1 15
Paderborn 2 0 2 12
Heidenheim 2 0 2 11
Hertha BSC Berlin 1 0 1 10
Stuttgart 1 0 1 9
Magdeburg 2 0 1 6
Leverkusen 1 0 1 5

Wer trägt wie viel zum RB-Faktor seines neuen Vereins bei? Hier gibt es die Aufschlüsselung für alle Erst- und Zweitligisten, in denen zur Saison 2022/23 Spieler oder Trainer mit RB-Vergangenheit unter Vertrag stehen.

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