Gogol Bordello – „Pura Vida Conspiracy“


Künstler Gogol Bordello

Gogol Bordello Pura Vida Conspiracy Review Kritik

Gogol Bordello feiern auf ihrem sechsten Album die Idee eines weltweiten Bewusstseins.

Album Pura Vida Conspiracy
Label ATO
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wer Gogol Bordello schon einmal live gesehen hat, wird ziemlich wahrscheinlich zu zwei Erkenntnissen kommen. Erstens: Diese Band ist auf der Bühne ein famoser Spaß. Der Rolling Stone hat sie einmal als „the world’s most riotous live band“ gepriesen, und an guten Tagen wird es niemanden geben, der da zu widersprechen wagt. Zweitens: Diese Band ist ein ziemlich chaotischer Haufen. Acht Leute, unterschiedliche Sprachen, wild zusammengewürfelte Outfits, dazu gerne auch noch Bier und Wodka auf der Bühne.

Die Idee, dass bei Gogol Bordello so etwas wie eine Mission jenseits von Party zu finden sein könnte, wird sich kaum aufdrängen. Und doch gibt es die, und das sechste Album der Truppe um Frontmann Eugene Hütz, produziert von Andrew Sheps und aufgenommen in El Paso, Texas, macht das so deutlich wie nie. Schon der Albumtitel Pura Vida Conspiracy deutet in diese Richtung. Darin steckt nicht nur eine Feier des puren Lebens. Es gibt auch eine Verschwörung, die sich diesem Ziel verschrieben hat. Gogol Bordello werden in diesem Sinne zu Guerilla-Kämpfern für maximale Intensität aller Erfahrungen, und ihre schlagkräftigste Waffe dabei ist ihr Gypsy Punkrock.

Am deutlichsten macht das My Gypsy Auto Pilot, zugleich das beste Lied dieses Albums. Es steckt voller Übermut und Ungestüm, es geht darum, die Regeln des Lebens herauszufinden, nur um sie dann möglichst gekonnt brechen zu können, erklärt Eugene Hütz seinen Ansatz. Dig Deep Enough betont ebenfalls die Zielsetzung, die zunächst das unbedingte Vermeiden von Langeweile umfasst, und stärkt mit dem fast spontan wirkenden Chorgesang im Refrain den Eindruck von Zusammenhalt und Verbrüderung. John The Conqueror (Truth Is Always The Same) zeigt, wie ZZ Top vielleicht geklungen hätten, wenn sie nicht aus Texas kämen, sondern zu 50 Prozent aus dem Ostblock und zu 50 Prozent aus dem Outback. Im Hidden Track lernt Hütz die Eifersucht einer Argentinierin kennen, mit deren Schwester er wohl geflirtet hat, und das Ergebnis wird so heavy wie sonst nichts auf Pura Vida Conspiracy. Auch wenn man sich vor dieser Urgewalt unbedingt in Acht nehmen sollte, ahnt man doch zugleich: Ein bisschen genießt er diesen Wutausbruch auch, denn er bedeutet letztlich Leidenschaft, Gefühl, Leben.

„Musik ist für mich ein Mittel, um das menschliche Potenzial zu erschließen. Und genau das ist es, was mich im Leben am meisten interessiert: das Potenzial von Menschen“, sagt Eugene Hütz. „Jeder weiß, dass es in uns Bereiche gibt, die wir nicht benutzen. Wie erreichen wir sie? Wie setzen wir sie ein? Jeder von uns weiß, dass es so etwas gibt, aber niemand kann benennen, was es ist. Deshalb habe ich eines Tages beschlossen: Ich werde mich auf den Weg machen und es herausfinden.“

Malandrino kann in dieser Hinsicht als Paradebeipiel gelten. Rund um die Zeile „I was born with singing heart“ (die bestimmten und unbestimmten Artikel fallen bei Gogol Bordello oft dem Akzent zum Opfer) macht er daraus ein sehr kurzweiliges Manifest, das problemlos die Brücke von Polka über Reggae bis zu TexMex schlägt. Is This The Way You Name Your Ship wird großartig und weckt den Verdacht, dass da bestimmt auch die Dropkick Murphys gerne an Bord kommen würden. Amen scheint eine verhängnisvolle On-Off-Beziehung zu besingen, das folgende I Just Realized hat das gleiche Thema, trägt es diesmal aber im Chanson-Modus vor. Hieroglyph klingt arabisch statt ägyptisch, ist als Song nicht sonderlich stark, sorgt aber für eine interessante Klangfarbe im Kontext des Albums. Ausgerechnet der vermeintliche Hallodri Hütz will sich in The Other Side Of Rainbow als Ratgeber anbieten, und das ist am Ende dieses Lieds gar nicht mehr so unpassend, wie es zunächst wirken könnte.

Es fällt nicht einmal schwer, auf Pura Vida Conspiracy eine Agenda mit unmittelbarem Bezug zur Tagespolitik zu erkennen. Hinter dem musikalischen Konzept von Gogol Bordello steckt eindeutig die Idee eines weltweiten Bewusstseins, die Betonung der Einheit aller Menschen. „Borders are scars on face of the planet”, heißt es bezeichnenderweise im Refrain des Auftaktsongs We Rise Again, der zwar eher nach Bayou als nach Balkan klingt, aber in jedem Fall einmalig und wirkungsvoll wird. Später ist in Lost Innocent World eine echte, vielleicht sogar soziale Empörung zu erkennen, denn das Lied stellt die Sehnsucht nach einer Heimat in den Mittelpunkt und die Erkenntnis, wie hoch der Preis ist, den man zahlen muss, wenn man sie verlässt. Ganz am Ende, im Bonus Track We Shall Sail, wird Eugene Hütz gar philosophisch, nur mit akustischer Gitarre und Gesang in bester Bob-Dylan-Manier: „Nothing in this life is good or bad / it’s we who dress it up as happy or sad.“

Das Video zu My Gypsy Auto Pilot fängt einen Teil des Livespektakels ein.

Website von Gogol Bordello.

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