Highfield-Festival, Großpösna, Tag 2


Genetikk Highfield Festival 2016

Peinlich: Genetikk bieten nur Attitüde. Foto: Highfield/Robin Schmiedebach

Tag 2 beim Highfield 2016, und es ist ganz und gar klar: Heute geht es um Rammstein. Sie sind nicht nur ein einfacher Headliner. Sie sind ohne Zweifel die mit Abstand größte Attraktion dieses Festivals. Ihr Name steht ganz oben auf den Plakaten, sie kassieren mit Sicherheit die größte Gage und sind wahrscheinlich der entscheidende Grund dafür, dass in diesem Jahr nicht 25.000 Fans gekommen sind, sondern 35.000 – und das, obwohl es diesmal keine Tageskarten gibt.

Wie sehnsüchtig Rammstein hier erwartet werden, zeigen ein paar weitere Kleinigkeiten: Am Ufer des Störmthaler Sees haben gleich mehrere Gruppen einen kleinen Pavillon aufgebaut, um bei Bier und Grillgut die Show zu verfolgen – zwar aus rund einem Kilometer Entfernung, aber dafür ohne Eintritt. Tags zuvor hatten beispielsweise Limp Bizkit mit einem kurzen Rammstein-Zitat den Teutonen-Rockern ihre Aufwartung gemacht. Und während es die T-Shirts von den Eagles Of Death Metal, den Emil Bulls und zig anderen Acts in einem Zelt gibt, auf dem „Band Merchandise“ steht, haben Rammstein gleich ihren eigenen Merchandise-Container auf dem Zeltplatz aufgebaut, in dem am Samstag reichlich Fanartikel über den Tresen gehen. Sogar das Wetter hat sich dem Headliner angepasst: Rammstein sind eindeutig keine Band für Sonnenschein, und so gibt es ab Nachmittag ein paar Wolken und am Abend dann Dauerregen.

Bevor die größten Stars des Wochenendes die Bühne betreten, gibt es allerdings durchaus andere Attraktionen. „We are not just another band. We are Royal Republic from Sweden“, lassen die Jungs um Sänger Adam Grahn kurz vor Ende ihres Auftritts auf der Blue Stage wissen. Was das bedeutet? Noch immer ein sehr unterhaltsames Rock’N’Roll-Theater. Airbourne zeigen, dass es gar nicht so schlimm ist, dass AC/DC nicht mehr in Originalbesetzung existieren, denn mit ihnen hat man einen formidablen Ersatz. NOFX verweisen darauf, halb stolz, halb trotzig, dass sie die älteste Band beim Highfield sind, von einer sehr energischen Show hält sie das aber dennoch nicht ab. Am anderen Ende des Altersspektrums zeigen die Milchbubis von Annenmaykantereit zum Abschluss des Abends auf der Blue Stage, wie schnell sie gelernt haben, große Festivalbühnen zu meistern. Von ihrer Show, die mit Pocahontas endet, können sich beispielsweise Wanda noch eine Scheibe in puncto Stimmung und Wärme abschneiden.

Zwei entgegengesetzte Pole kann man auch in der Deutschrap-Fraktion erkennen, die in diesem Jahr erneut sehr prominent beim Highfield vertreten ist. Wie man tolle Wortspiele macht, gute Laune verbreitet und das Publikum mitnimmt, beweisen Blumentopf. Sie stehen für die gute Seite des HipHop aus unseren Landen, mit Selbstironie, Musikalität und sozialem Gewissen. Auf der anderen Seite (man erkennt deren Vertreter meist schon daran, dass sie „isch“ statt „ich“ sagen, und dass sie sehr oft „isch“ sagen, weil die eigene Großartigkeit in ihren Tracks das wichtigste Thema ist) stehen Leute wie Genetikk. Beim Duo aus Saarbrücken geht es leider nicht um Wortkunst („Isch hab‘ AIDS und bin Analphabet“, bekennen sie schließlich in König der Lügner), sondern bloß um Attitüde. Genetikk wollen ihr Publikum nicht in erster Linie unterhalten, sondern von ihrem Publikum in erster Linie für derb befunden werden. Das wirkt beim Highfield nicht nur einmal peinlich. Merke: Wenn man die Musik runterpegelt, damit man die Fans mitsingen hören kann, sollte man vorher sicherstellen, dass überhaupt jemand mitsingt. Dass am Ende der Show ein Mädchen direkt neben der Bühne in eine Mülltonne kotzt, ist vielleicht nicht nur dieser Musik geschuldet. Aber es passt.

Und dann schließlich: Rammstein. Ihr Auftritt beim Highfield ist das erwartete Spektakel: Es gibt viele große Augen im Publikum, es wird viel mitgesungen, auch von Leuten, die kein bisschen wie Rammstein-Fans aussehen, sogar vom Personal an der Theke. Es gibt Explosionen, die laut genug sind, um bei den Zaungästen im Pavillon am anderen Ufer des Sees tatsächlich als Terroranschlag durchzugehen. Und es gibt genau das, was die Fans erwarten: die ultimative Härte. „Ich nehme eure Siebensachen / werde sie zunichte machen / zersägen, zerlegen / nicht fragen, zerschlagen“, singt Till Lindemann in Zerstören, gekleidet in einen hellen Stahlarbeiter-Anzug und mit ölschwarz geschminktem Gesicht. Diese Zeilen bringen nicht nur das gesamte Konzert auf den Punkt, sondern auch die Faszination Rammstein.

Das Gefühl, das dabei aufkommt, ist nicht so sehr Euphorie wie beim Freitags-Headliner Scooter, sondern Ehrfurcht. Die Fans beim Highfield sind ganz offensichtlich glückselig, ihre Helden in Fleisch und Blut auf der Bühne zu sehen. Ob die Show herausragend ist oder bloß solide, spielt dabei gar keine so entscheidende Rolle. So sehr Rammstein die Vorfreude auf dieses Festivalwochenende bei vielen Besuchern geprägt haben, so wenig besonders scheint der Abend für die Band selbst zu sein. Dass sie vor mehr als zwanzig Jahren im wenige Kilometer entfernten Leipzig ihr erstes Konzert gespielt haben und nun erstmals überhaupt beim größten Rockfestival in Ostdeutschland zu sehen sind – das spielt während des Auftritts keine Rolle. Ein Manko ist das allerdings nicht: Die Fans lieben diese Band nicht nur, weil da „welche von uns“ ganz oben stehen, die es geschafft haben. Sie lieben Rammstein vor allem, weil es Kunstfiguren sind, eine Gruppe von Terminatoren, die auf Perversion, Tabubruch und Zerstörung programmiert sind. Es wäre wahrscheinlich eher seltsam als bewegend, wenn diese Typen plötzlich menscheln würden.

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