Hingehört: Frank Sinatra – „Duets“


Mit viel Ehrfurcht sind die Duett-Partner von Frank Sinatra am Werk.

Mit viel Ehrfurcht sind die Duett-Partner von Frank Sinatra am Werk.

Künstler Frank Sinatra
Album Duets (20th Anniversary Edition)
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

In gewisser Weise ist die Twentieth Anniversary Edition von Duets gleich in zweifacher Hinsicht eine Mogelpackung. Da ist zum einen die Sache mit dem Jahrestag. Duets erschien 1993, der Nachfolger Duets II dann im Jahr darauf, insofern passt das Timing für die Neuauflage also auf den ersten Blick. Doch die Idee für eine Platte, auf der Frank Sinatra gemeinsam mit jüngeren (und zur jeweiligen Zeit auch erfolgreicheren) Stars singt, ist schon deutlich älter. Ein paar Jahre vor den Duets-Aufnahmen wollte sein Management ihn überreden, eine Platte mit Gästen wie Madonna, Bruce Springsteen oder Whitney Houston zu machen und auf diese Weise neue Generationen von Fans zu erreichen. Doch Sinatra hatte keine Lust dazu.

Erst 1993 war es dann so weit, und Frank Sinatra stand – fast zehn Jahre, nachdem er seine letzte Platte gemacht hatte – wieder im Studio. Die Zielsetzung war dieselbe: Sinatra-Klassiker sollten mit der Unterstützung von aktuellen Stars neu eingespielt und so auch deren Fans das Oeuvre von Ol’ Blues Eyes näher gebracht werden. Produzent Phil Ramone macht keinen Hehl daraus, dass Duets ebenso sehr als künstlerisches Statement wie als Marketing-Maßnahme gedacht war: “In terms of audience, I think we’re gonna cross a lot of lines with this record. And that’s the name of the game. I want this to be a big record, not for the sake of greed but for the sake of information. I want my youngest son und his friends to know what Frank Sinatra means. I want a generation of people to have something in their house that’s not going to come again.”

Der zweite Teil der Mogelpackung ist die Sache mit den Duetten. „Ein Duett (von lat. duo = „zwei“) ist ein musikalisches Werk, das von zwei Musikern (Ensemble) vorgetragen wird oder hierfür komponiert wurde“, heißt es bei Wikipedia. Im strengen Sinne trifft diese Definition auf keines der insgesamt 32 Stücke auf dieser Doppel-CD (Duets und Duets II komplett remastert, mit fünf Bonustracks und zwei bisher unveröffentlichten Aufnahmen) zu: Keines davon ist als Duett konzipiert, und Sinatras Gäste sangen auch nicht mit ihm gemeinsam, sondern fügten ihre Beiträge den Aufnahmen nachträglich zu.

Man merkt das etlichen der Lieder an. „To get to sing with Frank Sinatra is the biggest thrill in the world“, sagt Tony Bennett – ein langjähriger Bewunderer von Sinatra und hier gemeinsam mit ihm auf New York, New York zu hören – über seine Erwartungshaltung. In seinem Fall wird daraus ein Duett, das prächtig funktioniert, sehr lebendig wirkt und klingt, als würden sich die beiden Altstars prächtig amüsieren.

Doch etliche der anderen Gäste klingen entweder vollkommen eingeschüchtert ob der Chance, in einem Atemzug mit einer Legende genannt zu werden, oder sie versuchen auf Teufel komm raus, ihre Ebenbürtigkeit zu beweisen und schießen dabei über das Ziel hinaus.

Zur ersten Kategorie der allzu Respektvollen gehört Bono, auch wenn er in I’ve Got You Under My Skin versucht, das mit betonter Coolness zu überspielen. Willie Nelson wirkt in A Foggy Day erstaunlich fahrig. In You Make Me Feel So Young ist Sinatra so gut und präsent, dass man sich fragt, warum die zweite Stimme von Charles Aznavour überhaupt da ist. I’ve Got A Crush On You mit Barbra Streisand gleicht eher einem Neben- als einem Miteinander. Summer Wind mit Julio Iglesias wird zu einem allenfalls respektvollen Treffen der Grandseigneurs, Natalie Cole ist in You Can’t Take That Away From Me so zurückhaltend, dass nicht der Gesang, sondern das Arrangement zum Star dieser Aufnahme wird.

Auch von den Übermotivierten gibt es etliche: Aretha Franklin ist auf What Now My Love arg selbstverliebt. Gloria Estefan versucht in Come Rain Or Come Shine alles, was sie hat, in vier Minuten zu packen und klingt im Ergebnis wie in einem verzweifelten Bewerbungsgespräch. Auch mit Anita Baker stellt sich in Witchcraft keine Chemie ein, in Bewitched passen die Stimmfarben von Patti LaBelle und Sinatra schlicht nicht zusammen, The House I Live In (That’s America To Me) mit Neil Diamond wird – beinahe schon erwartungsgemäß – im Pathos ertränkt.

“Das Feeling einer tollen All-Star-Aufnahme”, hat die New York Times damals Duets bescheinigt, und das ist hier Fluch und Segen. Es sind viele Egos und reichlich Ehrfurcht im Spiel. Zudem schmerzt der Kontrast zwischen der organischen Spontaneität der Sinatra-Aufnahmen (er war im selben Raum wie das Orchester und gönnte sich für ein Lied maximal zwei, drei Takes) und den mitunter klinischen Ergänzungen, denen man deutlich anmerkt, dass sie im Nachhinein aus der Retorte hinzukamen, nicht während eines inspirierten, kollektiven Arbeitens.

Nicht selten entwickeln diese Duette aber dennoch eine ganz eigene Qualität, vor allem auf Duets II, das zwar das etwas weniger prominente Songmaterial enthält, dafür aber die besseren Performances. Wenn beispielsweise Linda Ronstadt und Sinatra in Moonlight In Vermont klingen, als würden sie einen romantischen Spaziergang machen, dann trifft zu, was Bill Zehme (Esquire) in den Liner Notes zu Duets II diesen Liedern attestiert, nämlich dass man hier “worlds not colliding so much as embracing” hören kann.

Die Stimme von Luther Vandross, wie Samt und Seide, kontrastiert in The Lady Is A Tramp wunderbar mit dem reifen, erdigen Gesang Sinatras. Man merkt: Vandross liebt diesen Sound, dieses Lied – und das ist ihm wichtiger als die Tatsache, dass er mit dem vielleicht ersten Popstar der Welt singt. Carly Simon bekommt in Guess I’ll Hang My Tears Out To Dry / In The Wee Small Hours Of The Morning viel Raum und versteht, ihn überzeugend zu nutzen. I’ve Got The World On A String (mit Liza Minnelli) klingt 40 Jahre nach Sinatras erster Aufnahme des Lieds sogar, als sei es schon immer genau so gedacht gewesen. Auch auf Luck Be A Lady mit Chrissie Hynde trifft das zu.

Jon Secada begegnet Sinatra in The Best Is Yet To Come erstaunlicherweise auf Augenhöhe, in Embraceable You (das es als Bonustrack auch noch einmal in einer wundervollen Version mit Tanya Tucker gibt) neckt sich der Altmeister mit Lena Horne, My Kind Of Town (ein Duett mit Sinatras Sohn) klingt, als würden zwei alte Saufkumpanen bestens gelaunt losziehen.

Auch die Quasi-Duette mit den Saxofonisten Kenny G, der Sinatra auf All The Way / One For My Baby (And One More For The Road) kongenial begleitet, und Tom Scott, der auf dem Bonustrack One For My Baby (And One More For The Road) zu hören ist, gehören zu den Gewinnern. In Letzterem klingt Sinatra sagenhaft wehmütig, gezeichnet und faszinierend – und das führt zur größten Stärke der Twentieth Anniversary Edition von Duets: Die Neuauflage ist nicht nur eine tolle Gelegenheit, wundervolle Lieder wieder zu entdecken (Sinatra selbst preist diese Aufnahmen als „some of the greatest music ever written backed by the best musicians in the business today”), sondern wirft auch ein neues Licht auf Frank Sinatras Stimme.

60 Jahre nach seinen ersten Aufnahmen beweist sein Gesang hier die ultimative Balance aus technischem Können und unnachahmlichem Charakter. Als fast 80-Jähriger klingt er kraftvoll und vital, und er bestätigt mit jeder Note die Einschätzung, die David Wilde vom Rolling Stone in den Liner Notes liefert: „If Frank Sinatra is a saloon singer, as he’s so fond of saying, then the whole world is his saloon.“ Aber dieser Gesang ist nicht mehr makellos, und genau daraus bezieht Duets seinen Reiz. My Way (mit Willie Nelson, der sich allerdings als Fehlbesetzung erweist) auf Duets II ist ein tolles Beispiel dafür: Sinatras Gesang bringt eine ganz neue Facette in diese Interpretation ein, das Lied klingt etwas weniger stolz und etwas mehr nach einer Rechtfertigung, in die sich auch Zweifel, Reue und Schwäche eingeschlichen haben.

Ausgerechnet Duets, das die zeitlose Aktualität und ungebrochene Virilität Sinatras beweisen sollte, unterstreicht damit den Reifeprozess und die Verwundbarkeit des Sängers. Und ausgerechnet Duets, das zudem als Plattform für andere Künstler dienen sollte, beweist damit die Einmaligkeit seiner Stimme und seiner Kunst.

Ein sehr cooler Mann mit toller Stimme. Und Bono:

Homepage von Frank Sinatra.

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