Durchgelesen: Werner Bartens – „Heillose Zustände“


Im Gesundheitssystem darf es nicht um Wachstum gehen, meint Werner Bartens.

Im Gesundheitssystem darf es nicht um Wachstum gehen, meint Werner Bartens.

Autor Werner Bartens
Titel Heillose Zustände. Warum die Medizin die Menschen krank und das Land arm macht
Verlag Droemer
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

„Wer gesund ist, wurde nur nicht ausreichend untersucht.“ Das ist ein alter Witz unter Ärzten, doch das muss noch längst nicht bedeuten, dass nicht ein wenig Aktualität und Wahrheit darin stecken. Werner Bartens stellt diesen Spruch in den Zentrum seines Buchs Heillose Zustände – Warum die Medizin die Menschen krank und das Land arm macht. Und er zeigt: Es steckt nicht nur ein bisschen Wahrheit in diesem Kalauer, sondern das Grundprinzip des deutschen Gesundheitssystems.

Bartens, selbst Mediziner und durch seine Tätigkeit als Wissenschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor von Bestsellern wie dem Ärztehasser-Buch einer der profiliertesten Experten für das deutsche Gesundheitssystem, macht aus diesem Buch eine gnadenlose Abrechnung. Heillose Zustände ist „eine sehr gut recherchierte Anklageschrift, wie Staatsanwälte sie sich wünschen würden, hätten Sie über den Medizinapparat zu verhandeln“, hat Susanne Nessler das in Deutschlandradio Kultur treffend zusammengefasst.

Es sind knapp 200 Seiten, die wütend machen. Das gilt nicht nur, weil das Buch die Komplexität und Zähigkeit eines dysfunktionalen Systems herausarbeitet, sondern auch, weil all die Interessengruppen und Zielkonflikte benannt werden, die darin eine Rolle spielen. So entsteht letztlich der Eindruck, dass nur einer in diesem System keine Rolle spielt und keine Macht hat: der Patient.

Zu den größten Stärken gehören die Klarheit, in der Bartens die Problematik darlegt, und der Mut, den er beim Formulieren seiner Diagnose findet. Ein paar Beispiele? Die Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre sind für ihn „halbgare Finanzierungsmodelle, um weiterhin die Lobbygruppen in der Medizin bedienen zu können“. Mit Blick auf Prothesen oder Herzschrittmacher stellt er fest: „Sicherheit und Schutz der Patienten sind anscheinend politisch nicht gewollt. Die Zulassung sogenannter Medizinprodukte in Deutschland ist ein Witz, und zwar ein schlechter.“ Und hinsichtlich der Abrechnungssysteme kann er nur feststellen: „Ärzte in Deutschland werden für Quantität bezahlt, nicht für Qualität.“ Zugleich gelte bei Kassenpatienten allerdings: „Kommen Patienten mehrmals im Quartal, wird der Arzt irgendwann gar nicht mehr für seine Arbeit honoriert. Es gilt die zynische Formel: mehr Zuwendung gleich weniger Honorar.“

Das ist starker Tobak, aber die Kritikpunkte werden belegt mit viel Insider-Wissen und umfangreichen Recherchen. Manchmal merkt man Heillose Zustände zwar an, dass hier reichlich Material aus den Süddeutsche-Artikeln verwertet wird, was zu einigen Redundanzen führt und gelegentlich den Wunsch aufkommen lässt, die Inhalte seien etwas sorgfältiger kompiliert worden. Doch gerade durch gelegentliche Wiederholungen tritt der Irrsinn des Gesundheitssystems erst recht vor Augen.

Bartens prangert Pseudo-Innovationen mit nicht nachgewiesenem Nutzen oder sogar eher schädlichen Effekten an. Er hinterfragt, warum einige Therapien im Krankenhaus von den Krankenkassen bezahlt werden, in der Arztpraxis jedoch nicht. Er nennt Pharmafirmen, die mehr für Marketing ausgeben als für Forschung und weist auf die gefährlichen Folgen verzerrter oder zurückgehaltener Studien hin. Er geißelt Überdiagnostik und Übertherapie, erfundene Krankheiten, das mangelnde Augenmerk für Prävention und fragwürdige IGEL-Angebote.

Auch mit seinen eigenen Kollegen geht er hart ins Gericht: Er kritisiert Ärzte, die keine englischsprachigen Fachzeitschriften lesen, obwohl sich nur in denen der neuste Stand der Forschung findet. Psychische Ursachen von Krankheiten würden von Ärzten oft nicht erkannt – selbst dann, wenn Patienten selbst darauf hinweisen. Und ob eine Untersuchung gemacht wird, hänge oft genug nicht vom Zustand des Patienten oder dem Verlauf der Krankheit ab, sondern (vor allem bei der Behandlung von Privatpatienten) von der Frage, ob ein teures Gerät verfügbar ist, das sich womöglich noch amortisieren muss.

Manchmal ist seine Analyse so erschütternd, dass der Autor nur noch in bittere Ironie verfallen kann: „Hat sich schon jemand bei den Privatversicherten bedankt? Nein? Dabei sind sie es, die den medizinischen Fortschritt ermöglichen. Sie lassen unbewiesene Therapien über sich ergehen, schlucken neue Medikamente, machen jeden Test mit und opfern sich für alle anderen auf.“

Großartig wird dieses Buch, weil Bartens nicht bei der Beschreibung solcher Einzelfalls stehen bleibt, sondern die Systematik dahinter ins Visier nimmt. Die wichtigste These von Heillose Zustände lautet: Marktprinzipien und Wachstumsdogma funktionieren nicht, wenn das Ziel die Gesundheit der Patienten, die Versorgung von Kranken und das Retten von Menschenleben sein soll. „Stetiges Wachstum bedeutet in anderen Branchen Prosperität. (…) Ungezügeltes Wachstum in der Medizin ist hingegen ein Zeichen für Krebs“, stellt Bartens fest.

Es mag putzig erscheinen, wenn der Autor den vielen Fakten und Zahlen immer wieder weiche Begriffe wie Fürsorge, Abwarten und Barmherzigkeit gegenüberstellt. Aber sie sind wichtige Gegenpole zur merkantilen Logik, und sie sind zentral für ein gutes Gesundheitssystem, wie er betont: „Vor allem geht in dem ständig steigenden Arbeitsdruck etwas verloren, was wesentlich wäre für eine gute Medizin: Zeit für Zuwendung, Zuhören, Trösten. Der Patient wird zum Störfaktor.“

Erfreulich ist auch, dass es nicht beim Lamentieren bleibt, sondern Konsequenzen gefordert und Lösungsvorschläge unterbreitet werden (zum Abschluss des Buches präsentiert der Autor den sehr eindrucksvollen und einleuchtenden Maßnahmenkatalog „Aufruf für eine bessere Medizin“). Bartens stimmt dabei nicht in den Chor all jener ein, die zunächst einmal mehr Geld fordern. „Jeder, der das Gesundheitswesen kennt, weiß, wie viel Geld im System steckt. Doch die Medizin ließe sich besser und trotzdem billiger machen in Deutschland“, betont er. Stattdessen benötige das System mehr Transparenz, mehr Kontrolle, vor allem aber mehr Wissenschaft (was in erster Linie bedeutet: mehr Evidenzbasierung).

Mit Blick auf den einzelnen Leser und Betroffenen (im Einband finden sich „50 bittere Wahrheiten, die Patienten kennen sollten.“) wird das Buch damit durchaus zu so etwas wie einem Ratgeber. Mit Blick auf das Gesundheitssystem und die Gesellschaft aber ist Heillose Zustände nichts weniger als ein Manifest.

Bestes Zitat: „Das ist der Perfide an der gegenwärtigen Medizin: Viele Ärzte und Pflegekräfte geben ihr Bestes für die Patienten, opfern sich in Klinik oder Praxis auf und tragen dazu bei, dass sich die meisten Menschen bei ihrem Arzt gut aufgehoben fühlen. Doch eine Medizinindustrie, die von ‚Gesundheitspolitikern’ unterstützt wird, trägt leider dazu bei, dass Patienten in Gefahr geraten und zu wenig geprüfte Medikamente, zu viele unnötige Untersuchungen und nicht getestete Implantate bekommen. Ein Konzept, das auf mehr Wachstum setzt, ist im Gesundheitswesen fehl am Platz. In der Medizin bedeuten mehr Leistungen nicht automatisch, dass Kranke besser versorgt werden.“

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