Hingehört: Laura Marling – „Once I Was An Eagle“


Künstler Laura Marling

Höchst filigran geht "Once I Was An Eagle" den Dingen auf den Grund.

Höchst filigran geht „Once I Was An Eagle“ den Dingen auf den Grund.

Album Once I Was An Eagle
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wenn man bedenkt, wie inspiriert, tiefgründig und poetisch diese Platte ist, dann erscheint es beinahe als ein Skandal, wie banal die beiden wichtigsten Inspirationsquellen für Once I Was An Eagle anmuten: ein Flachdach und ein alter Plattenspieler. In ihrer Londoner Wohnung entdeckte Laura Marling sowohl ein Flachdach (das die Mieter eigentlich nicht betreten sollten) und einen alten Plattenspieler (der einen großartigen Sound hatte). Wenn das Wetter schön war, verband sie beides und genoss die Musik bei voller Lautstärke, während unter ihr die Stadt dahinrauschte. Die gelegentlichen Ausflüge aufs Dach haben ihr „Momente absoluten Glücks und absoluter Klarheit beschert“, sagt die 23-Jährige.

Das führte dazu, dass sich Laura Marling bei Once I Was An Eagle sehr grundsätzliche Fragen gestellt hat: Warum schreibe ich überhaupt Songs? Warum will ich damit Leute erreichen? Warum habe ich das Bedürfnis, mich selbst auf diese Weise zum Ausdruck zu bringen?

Die 16 Lieder auf Once I Was An Eagle sind die akustische Entsprechung dieser Suche. Vieles klingt schwebend und leicht, die ersten vier Songs gehen nahtlos ineinander über, einige Motive werden in mehreren Stücken der Platte aufgegriffen. Aber eindeutig ist alles auf diesem Album durchdacht – und vor allem durchlebt. Man spürt die Bedeutung, die diese Lieder haben, nicht nur für die Künstlerin selbst, und sogar dann noch, wenn man ihre Texte nicht versteht.

Die sind selbstverständlich wieder einmal meisterhaft. „When we were in love / I was an eagle / and you were a dove“ aus dem Titelsong ist eine von vielen großartigen Zeilen. Verse wie „The truth about desire they say / is a need to breathe for another day / truth I heard about regret / it’s the hardest truth I’ve come to yet“, (aus Where Can I Go, das trotz solcher Relevanz und trotz des großartigen Gesangs und Gitarrespiels eine erstaunliche Beiläufigkeit bewahrt) könnte man sich auch gut aus dem Mund von Leonard Cohen vorstellen. Auch die zentralen Passagen von Once hätten jedes Recht, in einem Lyrik-Band aufgenommen zu werden: „Once / Once is enough to break you / Once / Once is enough to make you think twice.“

Der Opener Take The Night Off ist sanft, zerbrechlich und filigran wie der Sound von Nick Drake, die Stimme ist klar und eindringlich wie bei Joni Mitchell. You Know (mit dem schönen Fluch „Damn all those people / who don’t lose control“ am Beginn) ist schlau und poetisch und engagiert und verletzt. Master Hunter, in dem erstmals ein Schlagzeug zu hören ist, wird so etwas wie ein Antwortsong auf Bob Dylans arrogantes It Ain’t Me, Babe, feurig, selbstbewusst und kampfeslustig. Devil’s Resting Place beginnt wie eine simple englische Folk-Ballade, entwickelt im Sound aber dann eine an Björk gemahnende Komplexität und Kreativität. Love Be Brave ist kurz vor Ende des Albums eines von etlichen Liedern mit ganz viel Klasse und nicht einem Hauch von Modernität.

Geschickt platziert Laura Marling auf Once I Was An Eagle ein paar Widerhaken, die den beschaulichen Gesamtsound bereichern und für den nötigen Spannungsbogen sorgen. Das von Produzent Ethan Jones komponierte Interlude scheint fast nur aus rückwärts laufenden Streichern zu bestehen, Little Love Caster wird mit Cello und spanischer Gitarre zu einem einzigen akustischen Abgrund. Undine kann man durchaus als „Country“ klassifizieren, Pray For Me entwickelt eine tolle Dramatik und Intensität, der Schlusspunkt Save These Words ist beinahe rauschhaft, unfassbar gut.

Wahrscheinlich der Schlüssel zu diesem Album ist When Were You Happy? (And How Long Has That Been). „I look at people here in the city and wonder / whether they’re lonely or like me they’re not content / to live as things are meant to be / when were you happy / and how long has that been / who speaks for them and then again / who speaks for me?”, singt Laura Marling darin. In diesen Zeilen steckt die Suche, auf die sie sich begeben hat, nach dem Wesen der Musik und nach der Frage, warum es überhaupt Kunst und Künstler gibt. Die Antwort hat sie jüngst ebenfalls formuliert, nicht als Lied, sondern als weises Zitat: „Um mit anderen Menschen zu teilen, was wir gelernt haben, und um umgekehrt von anderen zu erfahren, was sie auf ihrem Weg gesehen und gedacht und gelernt haben.“

Laura Marling singt Master Hunter live bei David Letterman:

Homepage von Laura Marling.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.