Hingehört: A Camp – „A Camp“ 3


Nina Perssons Stimme thront auch bei „A-Camp“ über dem gesamten Album.

Künstler A Camp
Album A Camp
Label Stockholm Records
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

Nina Persson hat ein Problem. Als Sängerin der Cardigans war sie stets zeitgemäß, nie weniger als cool – und doch immer bloß eine Figur. Nun ein erneuter Rollenwechsel. „After stints as impenetrable Ice Maiden, tatted-to-the-max suicidal rock vixen and the uncomfortable woman stood next to Tom Jones, Nina Persson´s mission to stop people thinking of her as a cutesy Swedish pixie out of Cardigans brings us here: to her makeover as the new queen of alternative country“, hat der NME ganz treffend analysiert.

Daraus allerdings zu schließen, ihr Solodebüt sei „a soulless and schizophrenic beast“, greift zu kurz. Denn all ihre Images waren für Nina Persson zwar auch Koketterie und Verkleidung, in erster Linie aber ernst gemeinte Sinn- und Selbstsuche.

Dass sie sich immer noch nicht gefunden hat, beweist auch diese Platte. Die Künstlerin traut sich nicht einmal, dem Werk ihren eigenen Namen zu geben. Als „A Camp“ erscheint das Album, denn Persson sieht darin „einen guten Oberbegriff, unter dem man später auch andere Musiker integrieren kann.“

Schon jetzt wurde reichlich zusammengearbeitet. Mit Nathan Larson (Ninas Freund) und Niklas Frisk (Ex-Atomic Swing) in Stockholm, später auch mit Mark Linkous (Sparklehorse) in Woodstock und Virginia entstanden die Tracks, und die Mama ist stolz auf ihr Baby. „In einem Moment will ich, dass die Scheibe noch heute rauskommt, im nächsten Moment denke ich, dass es eher eine Weihnachtsplatte geworden ist“, verriet sie dem „Expressen“ ihre Vorfreude auf die neue Eigenständigkeit: „Das ist wirklich etwas ganz anderes als das, was ich mit den Cardigans mache.“

Ist es natürlich nicht. A Camp ist wohl ein wenig intimer und vielleicht noch etwas abwechslungsreicher, doch über allem thront noch immer Nina Perssons Gesang. Und das schlechteste, was man über diese Stimme sagen kann, ist wohl, dass man sich unglücklich in sie verliebt hat. Vor allem, wenn sie gleich im Opener „Frequent flyer“ Zeilen wie diese singt: Forgiveness if I left you all believing / that I´m the one / cause I feel like none / and I need something to direct me to it / cause I´m a frequent flyer / a notorious liar. Wie gesagt: Sie ist noch immer auf der Suche nach sich selbst. Und nach jemandem, der dabei helfen kann. So lautet die weise Einsicht von „I can buy you“: A life of sanity and dignity / you know it takes two. Dazu locken Streicher, Mundharmonika und Steel Guitar die Sehnsucht herbei, die es sich dann in „Angel of sadness“ richtig gemütlich macht.

Die Hoffnung ist dabei zwar nie abwesend, doch die Befürchtung, dass sie meist nur eine kurze Illusion ist, dominiert sowohl im mit Drogen-Metaphorik spielenden „Such a bad comedown“ als auch im ganz und gar bezaubernden „Song for the leftovers“: You´re not what I was after / but I´m happy with what I found / to dream of new beginnings / when the end is all around.

Auf „Walking the cow“, einem von drei nicht selbst geschriebenen Tracks, wird dann erstmals andeutungsweise gerockt, bevor es auf „Hard as a stone“ vor allem dank eines famos einfachen Schlagzeugs und völlig wahnsinniger Bläser richtig zur Sache geht. Auch „Algebra“ handelt natürlich nicht von Mathematik, auch „Silent night“ ist natürlich kein Weihnachtslied, sondern (wie immer) geht es auch hier um Orientierungslosigkeit, um die Suche nach Verstehen und Verständnis. „The same old song“, wie Nina Persson selbst erkennt. Am assoziativsten – und vielleicht auch deshalb beängstigendsten – geht es darin zu. Here´s my plead, my never-ending repeat / I´m a circular cry-baby with no one to trust / I´m restless and mad / and anciently sad / if someone wants to kill me / go ahead but make it fast.

Es wird noch destruktiver, noch düsterer. Bei „The oddness of the Lord“ wähnt man sich mal wieder in einem Black-Sabbath-Remake, doch es ist eine Eigenkomposition. Gecovert wird erst wieder im etwas belanglosen „Rock ´n roll ghost“ und dem romantisch-simplen „The bluest eyes in Texas“.

Den Schluss macht ein eigenes Stück, und alles ist wieder da. Diese Stimme, die einen ständig seufzen lassen will, diese unwiderstehliche Steel-Guitar, diese trockenen Drums, diese magischen Texte. Auch in „Elephant“ hat sich wieder einmal ein Weg als Sackgasse erwiesen. Fast möchte man Nina Persson wünschen, dass sie immer auf der Suche bleiben wird. Denn man möchte sie gerne noch ein Stück weit begleiten.

Das Video zur famosen Single „I Can Buy You“:

A-Camp bei MySpace.


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