Hingehört: Kate Nash – „Girl Talk“


Radikal, mutig, lärmend: Kate Nash erfindet sich mit "Girl Talk" neu.

Radikal, mutig, lärmend: Kate Nash erfindet sich mit „Girl Talk“ neu.

Künstler Kate Nash
Album Girl Talk
Label Fontana
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung ***1/2

Alter bei Erscheinen des Debütalbums: ungefähr 20

Image bei Erscheinen des Debütalbums: niedlich, talentiert

Erfolg des Debütalbums: riesig (Nummer 1 in England)

Einfluss des Debütalbums: riesig (ganz viele Mädchen liebten sie)

Image sechs Jahre nach Erscheinen des Debütalbums: nicht wieder zu erkennen, verwahrlost, völlig durchgeknallt

Natürlich beziehe ich mich mit diesen Fakten auf, tara: die Beatles. Der Vergleich ist wichtig, denn er unterstreicht, wie lächerlich die Debatte darüber ist, ob Kate Nash (auf die all die Punkte oben genauso zutreffen) tatsächlich das Recht hat, sich zu verändern. Und eine Veränderung ist ihr drittes Album Girl Talk auf jeden Fall. Man könnte auch sagen: ein Schock.

Wer sich ein bisschen intensiver mit Kate Nash beschäftigt hat, konnte das freilich längst ahnen. Da waren die jüngsten Konzerte, bei denen sie eher Punk spielte als Radiopop, mit einer rein weiblichen Band und einem Gesicht wie sieben Jahre Regenwetter. Da waren ein paar Nebenher-Tracks wie die 2008er B-Seite Model Behaviour, auf denen sie schon früher ihre Lust auf Lärm auslebte. Und da war das aggressive Under-Estimate The Girl, das sie im vergangenen Jahr als Vorgeschmack auf ihre neue Platte als Free Download angeboten hatte – was einen Aufschrei auslöste. Die YouTube-Kommentare reichten von „This is a joke, right?“ bis „Kate, I love you even more after this.“ Und das sind nur die harmloseren Extreme.

“Everyone was going crazy and I thought it was great. It created the perfect storm for a comeback. People were talking about me because I’d done something new and crazy and different”, sagt Kate Nash heute über die Kontroverse, die das Lied losgetreten hat. “In the end the response to Under-Estimate The Girl just showed how conservative the music industry is.” In der Tat: Niemand würde im Rückblick auf die Idee kommen, den Beatles ihre Weiterentwicklung vorzuwerfen. Aber Kate Nash, die einst dafür verehrt wurde, eine unabhängige Künstlerin mit eigenem Stil und eigenen Ideen zu sein, muss sich plötzlich dafür rechtfertigen, dass sie ihr eigenes Ding machen will.

Man merkt Girl Talk diese Position der Defensive an. Die Texte behandeln den Konflikt zwischen Autonomie und Assimilation, zwischen Person und Image, es geht um das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen oder von denen verraten zu werden, die man eng an seiner Seite wähnte.

„I still feel the same“ heißt bezeichnenderweise die zentrale Zeile im ersten Lied Part Heart (das eher wie ein letztes Lied klingt). Beinahe apathisch beginnt Kate Nash dieses Album, nur von Bass und Schlagzeug begleitet, kurz vor der Halbzeit des Songs setzt dann die E-Gitarre ein, und mit ihr kommt die Wut („’cause I am so bitter“ lässt grüßen). Gebetsmühlenartig wiederholt sie dieses „I still feel the same“, und man ahnt, dass sie ebenso stolz darauf wie genervt davon ist, das immer wieder betonen zu müssen.

Auch im folgenden Fri-end? geht es darum, was wirklich verbindet, um das Erkennen von Loyalität und Oberflächlichkeit. Ein wenig klingt das erst nach Girlband oder den Long Blondes, am Ende verwandelt sich Kate Nash in ein Riot Grrrl, bevor sie dann noch ein bisschen versöhnlichen Engelsgesang liefert.

Death Proof könnte mit seiner DIY-Punkstrophe, dem tollen Poprefrain und dem Surfgitarrensolo von den Buzzcocks stammen oder von den Cribs. (Übrigens: Der vielleicht dümmste Vorwurf an „die neue Kate Nash“ ist es, sie hätte sich bloß durch den Einfluss ihres Ex-Boyfriends Ryan Jarman von den Cribs in eine Rockerin verwandelt. Als ob sie nicht auch ganz eigenständig Spaß an Indiekrawall entwickeln könnte, bloß weil sie Brüste hat.) Im kampfeslustigen Cherry Pickin’ sorgt reichlich „oohoohoohoo“ im Hintergrund dafür, dass der Track noch ein bisschen mehr nach Sturm und Drang à la Ash klingt. All Talk ist nicht minder schlecht gelaunt und noisey als Nirvana.

Sister wird ähnlich heavy, rotzig, packend und rücksichtslos. Die Breeders oder Hole kann man da heraushören, und entsprechend klingt Kate Nash nicht mehr wie ein süßes Girlie, sondern wie eine Furie, eine Hexe. “I really believe in women being able to be whatever they want to be. We don’t have to be one dimensional. I can be sensitive. I can be angry. I can do a song that is screaming and then add a backing vocal that is really sweet. I’ve never been one thing”, stellt Kate Nash passend dazu klar.

Das bedeutet: Girl Talk enthält natürlich auch noch Spuren der früheren Kate Nash. OMYGOD ist am nächsten dran, dank seines Refrains mit viel Drive. Conventional Girl wird ein weiterer Beweis dafür, dass die 25-Jährige nach wie vor tolle Melodien singen kann (und möchte), auch wenn sie Spaß daran hat, schräg und ein bisschen sperrig zu sein – den Track könnte man sich dank dieser Kombination mühelos auch von Graham Coxon vorstellen.

Das zackige 3am hätte perfekt auf ihr Debüt Made Of Bricks gepasst, wenn man die Gitarre durch ein (diesmal auf dem gesamten Album verbanntes) Klavier ersetzte. “When I was in my late teens I felt insecure about being girlie and feminine because people would judge me as a silly little girl. Now I’m confident enough in myself to be able to celebrate those aspects of my personality”, erklärt Kate Nash diese Konstante. Are You The Sweetheart (einer von vielen Tracks, der unterstreicht, dass der von Kate Nash höchstselbst gespielte Bass das wichtigste Instrument auf dieser Platte ist) dürfte beispielsweise den frühen Bangles gefallen.

Zweimal wird die Entschlossenheit, sich radikal neu zu erfinden, besonders deutlich: Rap For Rejection wäre ein ungewöhnlicher Song ganz unabhängig davon, was man für eine Erwartungshaltung an Kate Nash (oder irgendeinen anderen Künstler) hat: zu einem schrägen Takt und einer Scratching-E-Gitarre gibt es verzerrten Sprechgesang. Und im Rausschmeißer Lullaby For An Insomniac singt Kate Nash zweieinhalb Minuten lang acappella, um dann ein ganzes Orchester aufzufahren, das quasi klassisch musiziert – einfach, weil sie sich das erlauben kann.

Neben so viel Chuzpe prägt aber noch etwas anderes Girl Talk: die emotionale Unmittelbarkeit dieser Platte. Kate Nash sieht das Album als “almost thoughtless” – also in keiner Weise kalkuliert, sondern ganz aus dem Bauch heraus. “I wrote songs really quickly. They are ballsy. You can hear the anger. I’ve learned a lot about people. I used to be really naive and trust people too much. Not any more”, sagt sie. Als Ergebnis klingen das verlorene Oh oder das an die Eels erinnernde Labyrinth, als hätte jemand ein Tonstudio direkt an die Seele von Kate Nash angeschlossen. Auch You’re So Cool, I’m So Freaky, im Stile von SoKo nur mit akustischer Gitarre, Gesang und einem improvisierten Chor umgesetzt, ist nicht bloß rührend, sondern geradezu erschütternd.

Alle, die Kate Nash vor allem für putzige Mitsingliedchen wie Do-Wah-Doo oder Merry Happy geliebt haben, werden von Girl Talk zweifellos enttäuscht sein. Alle, die sie als Künstlerin mit eigener Meinung und als Vorkämpferin für weibliches Selbstbewusstsein geschätzt haben, bekommen dafür eine spannende, mutige, gute Platte geliefert. Beide Seiten werden anhand von Girl Talk in jedem Fall erkennen, dass Kate Nash keine Lust mehr auf Kompromisse hat: “I can look sweet and cute and talk about fashion and make up. But I’m still fucking smart. So don’t mess with me.”

Ein tolles Gruselvideo hat Kate Nash zu Fri-end? gemacht:

Homepage von Kate Nash.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.