Hingehört: Wiley – „100% Publishing“


Wer alles selbst macht, darf auch aufs Cover. Und sein Album "100% Publishing" nennen.

Wer alles selbst macht, darf auch aufs Cover. Und sein Album „100% Publishing“ nennen.

Künstler Wiley
Album 100% Publishing
Label Big Dada
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

„Ich habe die Angeberei zu einer Kunst erhoben“, behauptet Robbie Williams in seinem 2001 erschienenen Tourtagebuch Somebody Someday. Damit liegt er nicht ganz richtig. Denn auch wenn unser aller Lieblings-Robbie fraglos ein Großmeister der gekonnt demonstrierten Arroganz ist, muss man doch fragen: Wer hat’s erfunden? Richtig: die Rapper.

Aufplustern, protzen, prahlen: Das ist die treibende Kraft des HipHop. Das ist allerdings auch sein Problem. Viele Rapper haben nicht viel mehr zu bieten als diese Mentalität – und im besten Falle noch eine flotte Zunge. Wiley ist keiner von ihnen. Ohne jedes Understatement lässt er sich zwar im Presse-Info zu seinem heute erscheinenden Album 100% Publishing als „der Lord Byron des Rap“ bezeichnen. Mit dem Albumtitel macht er auch für den dümmsten Hörer deutlich, dass er höchstselbst alles an dieser Platte geschrieben, produziert, eingesungen und aufgenommen hat. In den Texten stellt Wiley am liebsten seine Einzigartigkeit heraus, und auch er erliegt der Versuchung vieler HipHop-Stars, sein Kind ins Rampenlicht zu zerren (auf Music Not Money ist kurz seine vierjährige Tochter Leah zu hören).

Aber Wiley hat auch die Klasse, um so viel Eigenlob und Selbstbeweihräucherung zu rechtfertigen. Auf seinem siebten Album (und dem ersten bei seinem einstigen Label Big Dada seit Playtime Is Over im Jahr 2007) zeigt er die Dreistigkeit und Vielseitigkeit in seinen Rhymes, die nur die besten Rapper hinbekommen. Und dazu beweist er etwas, das kaum jemand in der Welt des Sprechgesangs wirklich besitzt: Musikalität.

Wahrscheinlich das beste Beispiel dafür ist Boom Boom Da Na, ein irrer Mix aus der bekannten Zirkus-Melodie, die der Songtitel in Buchstaben zu fassen versucht, und der Wucht und Verspieltheit von Grime. „I should have followed my own intuition“, heißt die zentrale Zeile im darauf folgenden Your Intuition. Dieser Maxime folgt Wiley durchweg auf 100% Publishing und beweist dabei fast in jeder Sekunde sein Ausnahmetalent.

Der Opener Information Age gewinnt seine Power nicht aus einem atemlosen Tempo oder einem Mega-Bass, sondern aus Reduktion. Der Titelsong ist nervös und dürfte mit seinen Elektro-Anleihen The Streets neidisch machen. Die Vorab-Single Numbers In Action hat einen famosen Bounce. Auf dem durchgeknallten I Just Woke Up und dem luftigen Yonge Street gibt es quasi nur Beat und Gesang, das Resultat klingt ebenso futuristisch wie einleuchtend.

Das beinahe introvertierte Wise Man And His Words basiert auf einer hoch komplexen Piano-Figur, Talk About Life ist dann fast lupenreiner RnB. Auch das supercoole Pink Lady spielt mit diesem Genre und ein paar Westcoast-Klischees. Und wenn er Up There ist, dann meint Wiley natürlich: „up there with the best“, und er liefert einen Track dazu, der ebenso beseelt wie hitverdächtig ist. Am Ende kündigt er im genialen Rausschmeißer To Be Continued an: „My work ain’t over“ – und das klingt definitiv nicht wie eine Drohung, sondern wie ein Versprechen.

Das alles ist enorm frisch, abwechslungsreich und abenteuerlustig für jemanden, der seit gut 15 Jahren in einem Geschäft ist, in dem andere schon beim zweiten Album ihren Punch verloren haben, und den die BBC mittlerweile “grime’s elder statesman” nennt. Als Freund des Eigenlobs hat Wiley sicher nichts dagegen, wenn wir zum Ende noch einmal aus der Lobhudelei seiner Plattenfirma zitieren, denn diesen Satz kann man im Angesicht von 100% Publishing nur unterstreichen: „This is all him, even if not all of him.“

Wie macht man eigentlich einen Hit? Im feinen Video zu Numbers In Action erklärt es Wiley in einem Parkhaus:

Wiley bei MySpace.

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