Hingehört: The Streets – „The Hardest Way To Make An Easy Living“ 3


Jetset statt Dönerbude heißt es jetzt bei The Streets.

Künstler The Streets
Album The Hardest Way To Make An Easy Living
Label Warner
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***

Mike Skinner hat ein Problem. Er ist nicht nur einer der einflussreichsten Männer der britischen Musikszene geworden, nicht nur der King der Chav-Kultur, nicht nur einer von vielen Stars, die sich mit ihren Romanzen und Randalen auf den Seiten der Tabloids finden, nicht nur ein Name, mit dem fast jeder im Königreich etwas anfangen kann. Er hat als The Streets auch drei Millionen Platten verkauft. Jetzt noch über Dönerbuden und Pleitesein zu rappen, geht nicht.

The Hardest Way To Make An Easy Living heißt deshalb das neue Album von The Streets, es thematisiert den Aufstieg und die damit verbundenen Probleme. Skinner posiert im Booklet einmal in einem türkisfarbenen Sakko, umringt von Fans in Schuluniform. Einmal im rosa T-Shirt als Zampano im Studio. Einmal im orangefarbenen Sakko, einmal im Bademantel am Whirlpool. Auf dem Cover steht er (das Poloshirt schon wieder rosa) vor einem Rolls Royce. Die Streets? Das ist wohl eher der Sunset Boulevard.

Und es stellt sich die Frage: Kann es etwas selbstgerechteres, dummeres und langweiligeres geben, als einen Star, der von den Schwierigkeiten des Lebens unter den Reichen und Schönen erzählt?

Die Antwort lautet: durchaus. Denn dies ist noch immer Mike Skinner, der Mann, der als Englands Antwort auf Bret Easton Ellis bezeichnet wurde, der vielleicht beste und gnadenloseste Beobachter und Berichterstatter seiner Generation. Und der kann nicht nur witzig und clever vom Alltag als britischer Nobody erzählen, sondern auch ebenso unterhaltsam und abgründig über B-Prominente und die Verlogenheit des Showbusiness.

Textlich bieten auch das amüsante When You Wasn’t Famous, der starke Opener Prangin Out oder der wunderbar spinnerte Titelsong alles, was man von den Streets erwartet. Auch Can’t Con An Honest John oder All Goes Out The Window, die thematisch auch auf die ersten beiden Alben gepast hätten, überzeugen.

Was The Hardest Way To Make An Easy Living aber zu einem durchwachsenen Album (und einer kleinen Enttäuschung) macht, ist die Musik. Statt auf tolle Beats und gekonnte Phrasierungen setzt Skinner hier immer mehr auf Melodien (die oft an Kinderlieder erinnern) und Gesang. Das Ergebnis klingt oft billig (wie beim plump-nervigen War Of The Sexes oder dem grotesk schlechten Hotel Expressionism) und selten prägnant.

Glaubt man Mike Skinner, ist das aber Absicht. „Die Leute glauben ja immer, dass ich die Sachen einfach nur so raushaue. Tatsache ist aber, dass ich viel Zeit darauf verwende, die Oberfläche nicht so geleckt klingen zu lassen“, erklärt er. Diese Herangehensweise mag zunächst verwirren, macht bei näherer Betrachtung aber sogar Sinn. Zu gute Musik würde nicht nur von den Texten ablenken. Zu gute Musik, polierte Sounds und Monster-Beats würden auch das ganze Album lächerlich erscheinen lassen. Mike Skinner weiß wohl, dass die „Ich hab’s allen gezeigt“-Attitüde, die seine US-Kollegen gerne an den Tag legen, ziemlich unerträglich ist.

So rettet er sich hier selbst durch ironische Brechung, ohne aber gleich alles zu einem Witz werden zu lassen. Und er hat dabei doch noch einen Song hingelegt, der das Format von Dry Your Eyes hat. Seinem verstorbenen Vater ist Never Went To Church gewidmet. Über einem an Let It Be angelehnten Klavier lässt sich da ein Chor aus, dazu nur ein paar Handclaps. Ganz wenig Schmalz, ganz viel Gefühl. Man erkennt darin den neuen Mike Skinner, und er erkennt sich auch selbst: „Früher hätte ich einen wütenden Track für ihn aufgenommen, aber Wut ist nicht mehr die treibende Kraft in meinem Leben.“

Sie wollen bestimmt auch bald vom Jetset singen: ein äußerst amüsantes und liebevolles Video-Remake von Fit But You Know It:

The Streets bei MySpace.


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