Interview mit Denis Scheck


Denis Scheck wünscht sich mehr Literatur im TV. Foto: Das Erste

Denis Scheck (Jahrgang 1964) ist der vielleicht gefürchtetste Literaturkritiker Deutschlands. In seiner Fernsehsendung druckfrisch prüft er monatlich, was lesenswert ist und was direkt ins Altpapier wandern kann. Seit seinem Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft und Zeitgeschichte arbeitet er zudem als Literaturagent und Übersetzer. Zum Start der Buchmesse 2013 verrät er im Interview nicht nur seine persönlichen Highlights in Leipzig. Er schätzt auch die Wahrscheinlichkeit einer Literatursendung auf RTL2 ein, blickt auf den digitalen Wandel im Literaturbetrieb und erklärt, warum Bücher noch immer genauso wichtig sein können wie Popsongs.

Herr Scheck, hinter Ihnen dürften aufregende Tage liegen. Wie haben Sie sich gefühlt als Literaturpapst in einer Zeit, in der ein richtiger Papst erst noch gewählt werden musste?

Scheck: Ach, wissen Sie: Literaturpapst, das ist eine frivole Anmutung, das bin ich nicht. Literaturkritik ist ein chorisches Unternehmen, in dem man sich aus den verschiedenen Ansichten möglichst internationaler Kritiker vielleicht ein bisschen Orientierung über die 90.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt zusammen suchen kann. Ich würde mich niemals als Papst titulieren. Ich bin bestenfalls ein stellvertretender Bischof oder so etwas.

Dennoch gibt es sicher wenige, die das literarische Geschehen hierzulande so gut überblicken wie Sie. Welche Trends erkennen Sie beim Blick auf die Leipziger Buchmesse und das Buchjahr 2013?

Scheck: Trends auszumachen ist viel eher eine Sache, die der Literaturwissenschaft gebührt als der Literaturkritik. Zumal sich solche Trends erst im Abstand von 30, 40 Jahren erkennen lassen. Dann bekommt das Gesicht eines Zeitalters ehrliche Kontur. So etwas in der Zeit selbst auszurufen, ist immer problematisch. Da kommt man dann zu Worthülsen wie „Popliteratur“ oder „Fräuleinwunder“. Das würde ich ungern machen. Ich benutze statt „Trend“ viel lieber den Begriff „Syzygie“, ein Wort, das unanständig viele Ys und Zs enthält und deshalb unter dem Buchstaben S immer ganz am Ende in Enzyklopädien steht. Eine Syzygie in der Astronomie ist eine Reihung von Himmelskörpern, Planeten, aber auch Gestirnen, die mit einer gewissen Beständigkeit und einer gewissen Zufälligkeit eintritt. Eine solche Syzygie in diesem Frühjahr ist zum Beispiel, dass es drei ausgezeichnete Zukunftsromane gibt, zwei davon aus deutscher Feder.

Welche meinen Sie?

Scheck: Der große Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger, hat mit Nichts von euch auf Erden einen Roman geschrieben, der aus dem 25. Jahrhundert erzählt. Er beschreibt eine Zeit nach den solaren Kriegen, eine Invasion der Erde von Marsmenschen und erzählt von einer Zeit, in der Bücher für Bücher geschrieben werden. Hannes Stein hat mit Der Komet einen sehr lustigen Roman geschrieben, der eine Parallelwelt entwirft, in der es weder einen Ersten noch einen Zweiten Weltkrieg gegeben hat, sondern in der sämtliche europäische Monarchien weiterhin regieren. Der Mond wurde von den Deutschen unter der Führung von Wernher von Braun besiedelt und in ein einziges Las Vegas verwandelt, mit einem Sechstel der bekannten Schwerkraft auf der Erde.

Und der Dritte im Bunde?

Scheck: Ist der Katalane Pablo Tusset. Er schreibt in Oxford 7 über einen Studentenaufstand, der in unserem Sonnensystem tobt. Hat mir sehr imponiert.

Auch wenn sich erst in der Rückschau erkennen lassen wird, welche Strömungen das Jahr 2013 geprägt haben: Welche Trends versuchen die Verlage derzeit zu setzen?

Scheck: Da hat sich nicht allzu viel verändert. Da ist zum einen die Ausbeutung von auf anderen Feldern erworbener Prominenz, also Schauspielerbücher, Sportlerbücher, Politikerbücher et cetera. Es gibt sicherlich eine Tendenz zu den Frivolitäten der Autobiografie. Es gibt es eine Tendenz – Charlotte Roche macht es möglich – zur Unterbietung irgendwelcher Schamgrenzen. Es gibt eine Tendenz zum frivolen Kochbuch. Ich bin der Meinung, dass in keinem Buch-Genre so viel Missbrauch getrieben wird wie mit dem Kochbuch, in dem die ewig gleichen Rezepte von einigen prominenten Fernsehnasen ewig gleich wiederholt und unters Volk gestreut werden.

Der Konstanz bei den Inhalten scheint eine rasante Veränderung in der Gestalt des Mediums entgegen zu stehen. Die Digitalisierung hat auch im Buchmarkt mit E-Books, Tablets oder Autoren, die ihre Werke ohne Verlag, direkt über Amazon verkaufen, einen Wandel ausgelöst. Was erwarten Sie davon?

Scheck: Der Druck, den die elektronischen Publikationsmöglichkeiten auf das Gutenberg-Medium Buch ausüben, wird dazu führen, dass sich Bücher viel eher ihres Gewands, ihrer Gestalt vergewissern müssen. Deshalb sehe ich zum Beispiel mit Vergnügen „Die andere Bibliothek“ mit ihrer inoffiziellen Olympiade der deutschen Buchhersteller. Das zeigt: Die Bücher werden immer schöner. Ich freue mich sehr auf die von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz angekündigte Buchreihe, insbesondere auf den Band von Korbinian Aigner.

Auf der Frankfurter Buchmesse wurde der digitale Wandel im Buchmarkt mit dem Schlagwort „Urknall“ zusammengefasst. Für wen wird sich durch diesen „Urknall“ denn am meisten verändern? Für die Autoren, für die Verlage, für die Buchhändler oder für das Publikum?

Scheck: Ich finde, wir dürfen uns da kein X für ein U vormachen lassen. Wir interessieren uns als Literaturkritiker und als ernstzunehmende Schriftsteller in erster Linie für Literatur – und weniger für das jeweilige Speichermedium. Das elektronische Buch hat zunächst einmal zur Folge, dass das Taschenbuch unter Druck gerät. Ich glaube, das Taschenbuch muss sich neu positionieren, neu rechtfertigen. Da die meisten Taschenbücher dermaßen hässlich sind, wäre es in meinen Augen nicht so schrecklich schade, wenn sie durch E-Books ersetzt würden. Mich interessiert viel eher, ob die neuen Möglichkeiten auch Auswirkungen auf die Textgestalt selber haben werden, Stichwort enhanced content. Das könnte unter Umständen im Sachbuch passieren. Aber ich sehe das überhaupt nicht in der Belletristik. Man ist gut beraten, es da mit Gottfried Benn und seinem Ratschlag an den Dichter und seinem Umgang mit dem Material zu halten, nämlich: cool bleiben.

Heinz Buschkowsky, Gaby Köster oder Philipp Lahm haben es mit ihren Büchern in den vergangenen Jahren in die Jahres-Bestsellerlisten geschafft. Es ist offensichtlich sehr einfach in Deutschland, als Prominenter ein erfolgreiches Buch zu veröffentlichen. Aber es scheint umgekehrt sehr schwierig, nur mit dem Veröffentlichen von Büchern eine gewisse Prominenz zu erreichen. Stimmen Sie da zu?

Scheck: Ja. Aber andererseits ist das der einzige literarische Ruhm, der wirklich bleibt und der mich interessiert. Der auf anderen Feldern erworbene Ruhm, diese Art Prominenz oder Rühmchen – das ist aus literarischer Sicht alles Schall und Rauch. Mich interessieren eigentlich ausschließlich Autoren, die ihre Bekanntheit als Autoren erlangt haben, und nicht abgehalfterte Showstars, zweitklassige Sportler oder viertklassige Politiker. Deren Hervorbringungen sind mir gleichgültig. Ich glaube, dass nach Jahrzehnten der Oktroyierung solcher Schriften so langsam auch der deutsche Buchmarkt zu dieser Erkenntnis kommt.

Wenn man aber bloß mit dem Dasein als Schriftsteller kaum große Prominenz erreichen kann, sagt das nicht etwas aus über die Wertschätzung von Autoren oder über die Rollen von Schriftstellern im öffentlichen Leben?

Scheck: Nein, das klingt mir viel zu pessimistisch. Denken Sie nur einmal an die Bekanntheit, die ein Daniel Kehlmann oder eine Judith Hermann in den letzten Jahren erreicht haben! Denken Sie an die erstaunliche Karriere von Judith Schalansky oder Sibylle Lewitscharoff! Ich selber möchte gerne selber etwas dafür tun, dass Reinhard Jirgl und Antje Rávic Strubel noch prominenter werden. Wir haben in den letzten 15 Jahren erlebt, dass mit J. K. Rowling und ihren Büchern um Harry Potter bewiesen wurde, dass das alte Gutenberg-Medium Buch noch die Durchschlagskraft von Hollywood-Blockbustern und Popsongs und Computerspielen besitzt. Insofern müssen wir die Literatur oder das Medium Buch überhaupt nicht aus einer Position der Defensive beschreiben, sondern können uns getrost auf die Stärke unserer Waffen verlassen: Witz, Intelligenz, Unterhaltsamkeit. Dieses Waffenarsenal ist übrigens völlig alternativlos, weil es ja gar keine anderen Angebote von den Transzendenzagenturen unserer Gegenwart gibt, die auch nur irgendeinen Hauch einer Chance haben, in dieser Frage mit der Literatur zu konkurrieren.

Müsste Literatur dann nicht auch im Fernsehen eine größere Rolle spielen? Der Buchmarkt in Deutschland ist fünfmal so groß wie der Musikmarkt. Aber bei Wetten Dass…? werden Popsongs gesungen, nicht Bücher präsentiert.

Scheck: Meiner Meinung nach sollte das Fernsehprogramm natürlich unmittelbar nach der Tagesschau um 20.15 Uhr ausschließlich aus Literatursendungen bestehen. Leider, leider hört da aber niemand auf mich. Ich versuche ja schon, da Pionierarbeit zu leisten. Aber bis die anderen Sendungen ihre Inhalte endlich umstellen, möchte ich meine eben noch weiter machen.

Ihre Sendung druckfrisch ist neben dem Blauen Sofa im ZDF mittlerweile die einzige bundesweit ausgestrahlte Literatursendung im Fernsehen. Das kann man bedauern. Man könnte eine solch machtvolle Rolle als Beinahe-Monopolist aber natürlich auch genießen.

Scheck: Nein, um Gottes Willen. Zum einen ist Konkurrenz gut für das Geschäft. Sie schärft die Sinne. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass auch im Privatfernsehen Literatursendungen etwas mehr gedeihen. Zum anderen sollten wir nicht zu pessimistisch sein. Es gibt im Bayerischen Rundfunk mit Lese:Zeichen eine wunderbare Literatursendung, es gibt Literatur im Foyer im SWR und einige weitere. Vergessen wir auch nicht die Radiohelden, ich bin schließlich im Hauptberuf Literaturredakteur im Deutschlandfunk und habe viele Kollegen im Hörfunk, die unverdrossen große Sendeflächen betreuen und dort über Literatur berichten. Aber im Fernsehen brauchen wir zweifelsohne mehr, da haben Sie recht. Lasst 1000 Literatursendungen blühen!

Wenn Literatur im Fernsehen unterrepräsentiert ist, liegt das vielleicht auch daran, dass die Autoren Vorbehalte gegen das Medium haben? Gilt Fernsehen bei Schriftstellern als pfui?

Scheck: Seit der Erfindung des Fernsehens gibt es ja solche abwertenden Aussagen wie die von Hans Magnus Enzensberger, der einmal vom „Nullmedium Fernsehen“ sprach oder von Botho Strauß, der das Fernsehen als „Kloake“ bezeichnet hat. Beide haben recht. Es gibt eine Art von Fernsehen, die ein Nullmedium ist, und es gibt eine Art von Fernsehen, die eine Kloake ist. Da muss ich nur an RTL2 denken. Aber das Fernsehen ist ein Spiegel der Welt, so wie die Literatur auch. Deshalb beharre ich ja so sehr darauf, dass die Literatur im Fernsehen vorkommt. Das Problem dabei: Eine Sendung über Sport ist nicht Sport. Wer die Sportschau anschaut, betreibt keinen Sport. Genauso ist eine Sendung über Literatur nicht selbst Literatur. Das sollte man nicht verwechseln. Ich setze da auf die Medienerfahrung der Zuschauer. Die sind nämlich sehr intelligent und haben längst begriffen, dass man von einer Kochsendung nicht satt wird und dass eine Literatursendung dazu da ist, einen auf gute Bücher aufmerksam zu machen und vor schlechten zu warnen – nicht aber, die Lektüre dieser Bücher selbst zu ersetzen.

Apropos schlechte Bücher: Man sagt Ihnen ja gerne eine Vorliebe für Verrisse nach, auch wenn Sie sich gegen dieses Image wehren. Gab es in Ihrer Laufbahn mal einen Autor, der sich für eine vernichtende Kritik bedankt und im Nachhinein gesagt hat: Das hat mich wirklich weitergebracht?

Scheck: Auch das gab es. Aber das sind im Grunde Interna, die zwischen Kritikern und Autoren bleiben sollten. Ich halte nichts davon, Gespräche aus der Umkleidekabine des Literaturbetriebs öffentlich zu machen. Wissen Sie, ich bin wirklich der Überzeugung, dass jeder Autor alles Recht der Welt hat, mit Mordlust in den Augen einen Literaturkritiker anzuschauen, der ihn verrissen hat. Das ist völlig in Ordnung. Aber ich wende mich mit meiner Literaturkritik nicht an den Autor, sondern an die Leser. Und ob der Autor davon profitiert oder ob so eine Kritik ihm schadet, dass sind Kollateralschäden oder –nutzen, die ich nicht im Blick habe. Ich möchte um Gottes Willen niemanden attackieren mit meinen Kritiken.

Noch einmal der Blick nach Leipzig: Worauf freuen Sie sich auf der Buchmesse besonders?

Scheck: Auf die Begegnung mit dem amerikanischen Romancier Dave Eggers, der aus seinem Roman Ein Hologramm für den König lesen wird. Ich habe ihn schon in San Francisco getroffen, und er ist einer der ganz wenigen Autoren, die auch einen Verlag gegründet haben. Mit seinem revolutionären Verlagsmodell hat er viele Autoren wieder bekannt gemacht. Ich halte ihn nicht nur literarisch für einen innovativen Menschen, sondern auch verlegerisch. Ich freue mich auch auf Reinhard Jirgl und seinen Roman Nichts von euch auf Erden. Und ich freue mich auf Eckhard Henscheid, der mit seinen Denkwürdigkeiten dem Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte ein würdiges Denkmal gesetzt hat.

Sie selbst werden auf dem ARD-TV-Forum zahlreiche Autoren treffen und gleichzeitig Werbung für Ihre Sendung druckfrisch machen. Was dürfen die Besucher erwarten?

Scheck: Sicher wird es ein Erlebnis sein, auf der ARD-Bühne Martin Walser über Messmers Momente sprechen zu hören. Und ich werde mich wie immer bemühen, in einer knappen halben Stunde im literaturkritischen Schnelldurchlauf auf einige empfehlenswerte Neuerscheinungen aufmerksam zu machen – und vor einigen missratenen zu warnen!

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