Lysistrata – „The Thread“


Künstler Lysistrata

Lysistrata The Thread Review Kritik

Atmosphäre und Dramaturgie zelebrieren Lysistrata auf „The Thread“.

Album The Thread
Label Vicious Circle
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Lysistrata ist eine Komödie von Aristophanes. Die Titelfigur tut sich darin mit anderen Frauen zusammen, sie treten in einen Sex-Streik, um die Männer aus Athen und Sparta dazu zu bringen, endlich Frieden zu schließen. Am Ende übrigens erfolgreich.

Der Stoff ist so originell, dass daraus später auch ein Ballett, eine Operette, ein Comic und mehrere Filme wurden, auch ein Asteroid ist nach Lysistrata benannt. Und, womit wir beim Thema sind, die 2013 gegründete Band von Théo Guéneau (Gitarre, Gesang), Max Roy (Bass, Gesang) und Ben Amos Cooper (Schlagzeug). Die Musik der drei 20-jährigen Franzosen klingt auf ihrem heute in Deutschland erscheinenden Debütalbum The Thread allerdings weder nach Sex (oder Sexverweigerung) noch 2400 Jahre alt oder gar nach Friedensstiftung. Dafür schafft das Trio aber ein anderes Kunststück: Die im Sommer 2017 aufgenommene Platte ist zugleich verfrickelt und unmittelbar.

Irgendwo zwischen Noise-Rock, Emo, Math-Rock und Post-Hardcore fühlen sich die Franzosen zuhause, ihre ersten Liveshows haben ihnen in der Heimat mehrfach Vergleiche beispielsweise mit At The Drive In, Refused, Explosions In The Sky, Battles, Foals oder Sonic Youth eingebracht. Wie zutreffend das ist, zeigt schon der Titelsong als Auftakt der Platte: The Thread hat ein komplexes Riff und einen vertrackten Rhythmus und handelt von dem Moment, kurz bevor man aus der vertrauten Bahn des Lebens geschleudert wird – und dieses Unglück schon genau vorhersieht.

Solche reizvollen Perspektiven sind eine der Stärken von Lysistrata. So etwas wie Trauerarbeit scheint hinter Answer Machine zu stecken: Hier ist jemand raus zum Zigarettenholen und wird nie mehr zurückkehren. Das Ergebnis sind Wut und vor allem Schmerz, die man sehr gut nachfühlen kann, bevor es im zweiten Teil des Lieds dann zweistimmigen Gesang und viel Drive gibt. Sugar & Anxiety bleibt zunächst mehr als zwei Minuten lang instrumental und hat dann als Thema vielleicht den Alkohol und die bedrohlichen Seiten, die er in manchen Menschen hervorbringt. „She heard him in the shower / peeling off the skin / of whoever he was yesterday evening“, heißen die schlausten Zeilen darin, bevor der Song mit unerbittlicher Härte zu Ende geht.

Im Durchschnitt sind die Stücke auf The Thread mehr als sechs Minuten lang, das etwas schräge (und vergleichsweise kurze) Instrumental Dawn verfälscht diesen Wert noch. Wer einen kompakten Eindruck von Lysistrata haben will, ist bei Asylum richtig: Sehr direkt zeigen die drei Franzosen hier ihre Klasse und ein Feuer, das am Ende zu Fieber wird. Die Warnung in Reconciliation heißt: „Hide, hide / they’re coming with their knifes / they’ll bury you alive“ – das Ergebnis wird tatsächlich nicht nur spannend, sondern sogar gruselig, dann gibt es Krawall und Chaos, schließlich zum Finale eine etwas ruhigere, sehr dichte Atmosphäre.

Als so etwas wie das (vorläufige) Opus Magnum der Band kann man wohl den Album-Abschluss The Boy Who Stood Above The Earth betrachten. In mehr als elf Minuten entsteht dabei fast so etwas wie ein Hörspiel, aufgebaut um Sequenzen aus der Rede „Human Empathy & Interconnectedness“, die Joseph Campbell 1986 gehalten hat. Neben der technischen Finesse und einem erstaunlichen Groove zeigen Lysistrata hier ihr großes Talent für intensive Stimmungen und famose Dramaturgien.

Einen ziemlich sportlichen Kameramann hatte das Video zu The Thread.

Lysistrata bei Bandcamp.

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