Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“


Künstler Proper

Proper I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better Review Kritik

„I Spent The Winter Writing Songs About Getting“ ist das erste Album von Proper unter neuem Namen.

Album I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better
Label Big Scary Monsters
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Der Versuch, „Emo“ zu definieren, füllt mittlerweile wahrscheinlich ganze Lexika. Proper aus New York haben eine recht einfache Antwort auf die Frage, was dieses „Emo“ eigentlich sein soll. Ihr erstes Album unter diesem Bandnamen (früher hießen sie Great Wight) kann man problemlos als Prototyp nutzen, falls jemand mal wissen will, was Emo ist. Zugleich ist es sehr originell, nicht nur innerhalb der Koordinaten dieses Genres.

Das liegt auch am besonderen Hintergrund des Trios um Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington. Er stammt aus Missouri im Bible Belt und lebt nach einer Zwischenstation in Kansas jetzt in New York City. Und er ist schwarz, genau wie Schlagzeuger Elijah Watson und Bassistin Natasha Johnson. Das könnte Zufall sein, schließlich bilden People of Color mehr als die Hälfte aller Einwohner in NYC. Bei Proper war es aber eine sehr bewusste Entscheidung „Die Lieder, die ich schreibe, kommen aus einem explizit schwarzen Blickwinkel. Manche der weißen Bandkollegen, mit denen ich früher gespielt habe, haben diesen Hintergrund nie ganz verstanden“, hat Garlington im Interview mit DIOP berichtet.

Diese Erfahrung hat auch für den (neuen) Bandnamen gesorgt. „You talk real proper“, muss sich der Sänger immer wieder sagen lassen. Was als Kompliment gemeint sein könnte, drückt doch auch aus: Ich hätte gar nicht gedacht, dass sich Schwarze so gut ausdrücken können. „Wenn wir Wörter wie Intelligenz oder Artikulation weiterhin nur Weißen zuschreiben, dann fördern wir ein System, dass weiterhin schwarze Menschen und andere People Of Color unterdrückt“, hat Garlington erkannt.

Noch mehr als ohnehin schon in diesem Genre geht es bei Proper also um das Finden einer eigenen Identität und das Einstehen dafür inmitten einer Welt, die mit dieser Identität nicht einverstanden ist. The Suburbs Are Ruining My Life hieß 2017 das erste Album der Band, auch jetzt sind die Wunden aus diesen frühen Jahren längst nicht verheilt. Lime Green Jheri Curl ist eine Erinnerung an eine hochgradig unglückliche Kindheit. No Loitering blickt zurück auf die Schulzeit, die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und die Tatsache, wie Musik (in diesem Fall: Tool, My Chemical Romance) dabei helfen oder hinderlich sein kann. Die Single A$AP Rocky Type Beat erweist sich als Außenseiter-Hymne, die inhaltlich und musikalisch viel komplexer ist als der herausgegrölte Refrain von „All I do is wrong.“

Toby macht deutlich, wie seltsam es ist, Mitte 20 zu sein und sich kein bisschen erwachsen zu fühlen. Fucking Disgusting erzählt von Unwohlsein und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, am Ende gibt es zweimal den Refrain von Abbas Dancing Queen. Auf feuchte Träume, schwierige Kindheit und wenig hilfreiche Drinks in den darauf folgenden Jahren blickt Dekalb Ave. „Hate my family / fucking hate my name“, heißen die ersten Zeilen in White Sheep, auch danach bleibt es eine bitterböse Abrechnung mit Eltern, Geschwistern und dem Rest der Verwandtschaft, bevor es am Ende doch die Möglichkeit einer Versöhnung gibt (und die Erkenntnis: auch man selbst spielt eine gewichtige Rolle in dieser Beziehung und hat vielleicht auch nicht alles richtig gemacht).

„Es geht darum besser zu werden, es besser zu machen und Frieden mit der Person zu schließen, die man ist. Es geht auch darum, die Schönheit im Vulgären zu finden“, meint Erik Garlington und fügt an: „Mit Songs wie Trill Recognize Trill und Dekalb Ave wollte ich Themen wie Liebe und sexuelle Identität durch die Augen meines 11-, 15- und 20-jährigen Ichs erforschen. Ich wusste nicht, was zum Teufel ich tat, aber ich wusste, dass ich intensive Gefühle für diese Menschen, Orte und Momente hatte. Mit Fucking Disgusting wollte ich ein wirklich inklusives, pansexuelles Liebeslied schreiben. Einen Song, den die Leute sich anhören können und sofort das Gefühl haben, dass ihre Stimme endlich gehört wird.“

Diese Idee der Musik als Katharsis findet sich auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better immer wieder. Curtains Down! Throw In The Towel, das die Platte nach einer Reprise eröffnet, ist so etwas wie eine Danksagung an das Glück, die Musik gefunden zu haben und in einer Band spielen zu können. Die Stimme macht sofort deutlich, dass sie ein Statement mitgebracht hat. „Spent my whole life on the dole / ‘cause that’s where I want to be“, heißt eine der Zeilen, die von Glaube und Selbstvertrauen gegen alle Widrigkeiten künden, als Musiker, aber auch grundsätzlich im Leben. Am Ende singt ein kleiner, aber feiner Chor mit.

In IDFWA (das steht programmatisch für „I don’t fuck with anybody“) hat Garlington längst erkannt, dass sein notorischer Hang zur Selbstreflexion (der bei Proper manchmal auch zum Selbstmitleid werden kann) anstrengend und ungesund ist, aber hier ist er stolz darauf. Bragging Rights wird vom verzerrten Bass von Natasha Johnson dominiert, die hier auch mitsingt, das Ergebnis wird verschwörerisch, nicht nur wegen des abwechselnd gesungenen Refrains „Don’t tell anybody.“ Trill Regognize Trill setzt nur auf Gesang und Gitarre und entpuppt sich am Ende als Liebeserklärung. New Year Resolutions beginnt spektakulär, dann wird ein Fake-Radiointerview eingeblendet, das nach der Frage „What’s new for Proper in the new year?“ diverse gute Vorsätze benennt, die etwa „No more nihilism“ heißen und so feuchtfröhlich artikuliert werden, dass man sie nicht eine Sekunde lang glaubt.

I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better (auch das wäre natürlich eine recht poetische Definition von Emo) handelt von Erik Garlingtons Wissen, dass er es schaffen kann, dass die Dinge nicht so schlecht stehen und dass er als Person wertvoll ist – egal, wie oft es sich anders anfühlt und wie hart er für diese Erkenntnis und die Akzeptanz anderer kämpfen muss. Gerade, weil das in diesem Song eher lakonisch daherkommt statt als große Bekenntnis-Hymne (selbst am Ende, als er gemeinsam mit dem Rest von Proper einen Mini-Chor bildet), wird das so glaubhaft.

Das Video zu Fucking Disgusting wird eine (sehr) kleine Stadtführung durch Brooklyn.

Website von Proper.

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