Keine Extrawürste

Februar 28, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Kaum eine Branche verdient momentan so gut wie die Energieversorger. Prall gefüllte Kassen und für die nächsten Jahre weiter erwartete Rekordzahlen beflügeln bei den Strom- und Gasriesen die Fantasie: Wie kann man sich verstärken? Wo kann man investieren? Wer kommt für eine Übernahme in Frage?

Doch kaum ist ein konkretes Ziel ins Auge gefasst, geht an anderer Stelle die Angst um. Die Regierungen wollen die vermeintlichen Opfer im Kaufrausch der Großen schützen. Aktuell üben sich Spanien und Frankreich in derlei Protektionismus. Flugs werden Gesetze geändert und Beteiligungen verschoben. Soll das etwa der große europäische Binnenmarkt sein?

Spanien zaubert per Dekret ein paar neue gesetzliche Hürden aus dem Hut, damit Endesa nicht in die Hand der Deutschen von Eon gerät. In Frankreich stellt man dem Energieriesen Suez kurzerhand den Staatskonzern Gaz de France zur Seite, um ihn vor einer Übernahme aus Italien zu bewahren. Auch Deutschland hat in dieser Hinsicht keine ganz weiße Weste: Als das Bundeskartellamt im Sommer 2002 die angestrebte Fusion von Eon und Ruhrgas untersagt hatte, schritt Wirtschaftsminister Werner Müller ein und gab doch grünes Licht für den Zusammenschluss. Die Begründung damals wie heute, in Berlin ebenso wie in Paris und Madrid: Man sichert Arbeitsplätze, man stärkt einen nationalen Konzern im internationalen Wettbewerb.

Das ist in Zeiten, in denen die Konkurrenz längst auch aus Indien und China kommt, viel zu kurz gedacht. Deshalb ist die EU-Kommission hinsichtlich des Energiemarktes gleich zweifach gefordert: Zum einen sollte sie schleunigst versuchen, im globalen Wettbewerb eine einheitliche europäische Linie zu definieren. Endesa und Suez müssen verstehen, dass die Konkurrenz nicht in Rom oder Düsseldorf sitzt, sondern vor allem außerhalb Europas.

Zum anderen gilt es, die erst vor kurzem durchgedrückte EU-Dienstleistungsrichtlinie nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Natürlich ist dieser Markt keine Branche wie jede andere. Für Frankreichs Premierminister Dominique de Villepin ist die Energieversorgung sogar “eine strategische Frage”. Auch hier zu Lande hat das Bangen um russische Gaslieferungen während des Ukraine-Konflikts zuletzt deutlich gezeigt, wie wichtig dieser Bereich ist. Dennoch darf die EU hier keine marktwirtschaftlichen Extrawürste erlauben: Wenn sie für den polnischen Klempner den freien Marktzugang fordert, dann muss sie ihn auch den Energieriesen zugestehen.

Durchgelesen: John Updike – “Landleben”

Februar 27, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

"Landleben" kreist um die Lasten (und Laster) des Alters.

Autor John Updike
Titel Landleben
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Am 18. März wird John Updike 74 Jahre alt. Auf den ersten Blick könnte man seinen neuen Roman “Landleben” für eine verkappte Autobiographie halten. Schließlich ist der Protagonist auch schon längst in dem Alter, in dem selbst Franz Müntefering den Rentenbezug erlaubt. Schließlich schildert er die Lasten (und Laster) des Alters, die Freuden und Frustmomente des Ruhestands. Und schließlich blickt er vor allem zurück.

Doch nichts da. “Landleben” begleitet zwar den Computerpionier Owen Mackenzie durch sein gesamtes Leben. Aber in ihm das Alter Ego des Pulitzerpreisträgers (“Hasenherz”, “Die Hexen von Eastwick”) zu sehen, griffe viel zu kurz.

Stattdessen geht es in dieser Geschichte fast immer um: Sex. Dieses Geheimnis, zugleich anziehend und abstoßend, begegnet dem kleinen Owen in Form eines Graffitis – und lässt ihn nie mehr los. So wird hier fleißig durch die Seiten kopuliert: im Auto und im Freien, als frisch Vermählter und als Ehebrecher, auf Dienstreisen und Schreibtischen.

Dabei bleibt die zentrale Figur erstaunlich leidenschaftslos, und schnell wird klar: Es sind nicht Trieb oder Langeweile, die hier zum Motor mutieren. Der Informatiker Owen Mackenzie nähert sich dem Thema eher wissenschaftlich, er sucht eigentlich bloß die Lösung zur Formel “Mann+Frau”. Irgendwann kommt ihm in den Sinn, “dass manche Frauen Sex machten, weil sie genau das gut konnten, so wie er gut Programme für gehaltsabrechnungen und Rentenpläne schreiben konnte. Sie waren dazu programmiert, es war nichts Geheimnisvolles daran. Warum hatte er je geglaubt, dass es ein Geheimnis gebe?” Entsprechend nüchtern sind auch die Sexszenen von “Landleben”, selten erotisch oder gar explizit.

Es ging dem Altmeister auch gar nicht so sehr um Leidenschaft oder gar einen netten kleinen Skandal. Das macht das zweite dominierende Thema deutlich: die Kleinstadt. “In den Jahren, in denen Owen in Middle Falls gelebt hatte, war die Stadt für ihn durch die Lage der Häuser von Frauen, an denen er interessiert war, kartographiert. In dem einen Haus wohnte eine Frau, mit der er geschlafen hatte, in einem anderen wohnte eine Frau, von der er sich in seinen Phantasien vorstellte, dass er mit ihr schlief, und die Häuser dazwischen waren weiße, unbewohnte, leere Stellen, so wie sie Gegenden im Inneren Afrikas, in Arabia Deserta und in der Südsee auf Karten verzeichnet waren. Wenn Owen durch Middle Falls fuhr oder ging, hatte er das glückliche Gefühl, sich orientieren zu können, das Gefühl, dass seine Position irgendwie kartographisch verzeichnet war, dass es etwas gab, wo er hingehörte. Immer seltener gab es in Amerika Orte, wo man hingehörte, immer öfter war es ein Irgendwo, eines nach dem anderen, an nummerierten Highways aufgereiht. Auch die, die am Highway wohnen, wissen nicht immer seine Nummer.”

Beginnend in den 1930er Jahren und bis in die Zweit nach 9/11 reichend, erlebt Owen in diesem Mikrokosmos seine erotischen Eskapaden, heimlich gelockt oder skeptisch beäugt von den Nachbarn.

Updike gelingt es wunderbar, die ewigen Gesetze dieses Miteinanders aufzuspüren. Und so ist “Landleben” etwas, das es in einem Land ohne Kultur und ohne Geschichte eigentlich gar nicht geben kann: eine amerikanische Kulturgeschichte.

Beste Stelle: “Es gibt, so hat Owen es sich zurechtgelegt, zwei beweiskräftige Argumente für die Wahrheiten der christlichen Religion: erstens unser Wunsch, ewig zu leben, wie ermüdend die tatsächliche Erfahrung ewigen Bewusstseins auch sein mag, und zweitens unser Gefühl, dass etwas nicht stimmt – dass es in der Welt einen Fehler, ein Versäumnis gegeben hat und die Dinge nicht ganz so sind, wie sie sein sollten. Wir haben das Gefühl, für eine bessere Welt gemacht zu sein, und es ist unser Fehler, dass dies nicht das Paradies ist.”

Doppeltes Dilemma

Februar 25, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Plötzlich Platzeck. Peter Strucks Vorschlag, den Ministerpräsidenten von Brandenburg 2009 als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten in den Wahlkampf zu schicken, überrascht.

Zunächst einmal die Personalie an sich: Wieso ausgerechnet der blasse Platzeck? Der Mann, der mit riesiger Mehrheit und großen Erwartungen ins Amt des SPD-Chefs eingeführt worden war, und der seitdem ebenso redlich wie vergeblich versucht, der Partei ein neues Profil zu verschaffen?

Vor allem aber muss man sich fragen, warum Struck schon dreieinhalb Jahre vor dem Urnengang über einen Spitzenkandidaten spekuliert. Entweder ist seine Äußerung zu diesem frühen Zeitpunkt dumm und fahrlässig, wenn er einfach die Gleichung “Parteichef = Kanzlerkandidat” im Sinn hat. Oder sie ist sogar bösartig, wenn er Platzeck gewollt ins Gespräch gebracht hat. Will er dem neuen Parteichef, der nach gerade einmal 100 Tagen im Amt genug damit zu tun hat, seine Rolle zu finden, noch mehr aufbürden? Hofft er gar, das Platzeck unter dieser Last zusammenbricht? Hat Struck den Brandenburger angesichts schlechter Umfragewerte als Sündenbock ausgemacht?

Wenn dem so ist, übersieht Struck ein doppeltes Dilemma: Platzeck und die SPD stecken in der selben Zwickmühle. Denn auch wenn der Parteivorsitzende nicht als Traumkandidat erscheint, stellt sich die Frage: Wer sonst? Das einzige Schwergewicht, das Sympathie mit Kompetenz verbindet, ist im Augenblick Kurt Beck. Doch der will lieber in Mainz bleiben. Franz Müntefering ist 2009 mit 69 entschieden zu alt, um als Hoffnungsträger zu gelten. Wolfgang Tiefensee gilt wohl auch dann noch zu sehr als Greenhorn, um als Regierungschef in Frage zu kommen. Und Peter Struck? Der hat mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und weiß zudem wohl selbst, dass er zu spröde ist und sich – wie so viele andere – in den Augen der Wähler in Zeiten der Neuen Mitte und der rot-grünen Regierung verbraucht hat.

Es müssen nicht nur neue Gesichter her, sondern auch neue Inhalte. Doch wie soll das funktionieren? Wie soll Platzeck an Profil gewinnen? Distanziert er sich von Vorschlägen aus den eigenen Reihen, wird er – zumal so kurz vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt – als Quertreiber hingestellt. Opponiert er gegen Pläne der Union, wird er womöglich von den Ministern aus den eigenen Reihen gerügt, weil er die Regierungsarbeit hintertreibt. Setzt er auf programmatische Arbeit, wirft man ihm Tatenlosigkeit vor.

Platzeck (und der SPD) bleibt eine Hoffnung: Bis 2009 ist noch viel Zeit. Vielleicht taucht bis dahin noch ein Senkrechtstarter auf. Auf jeden Fall können die Sozialdemokraten darauf spekulieren, dass sich die Union wieder einmal selbst schwächen wird. Denn das Gerangel zwischen Merkel und Stoiber vor den vergangenen beiden Bundestagswahlen hat gezeigt: Keinen geeigneten Kanzlerkandidat zu haben, ist manchmal besser als zu viele.

Hingehört: Chris Jagger’s Atcha – “Act Of Faith”

Februar 24, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Der kleine Bruder muckt auf, aber nur ein bisschen: Chris Jagger's Atcha.

Künstler Chris Jagger’s Atcha
Album Act Of Faith
Label SPV
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***

Er ist der Ralf Schumacher der Musikszene. Der kleinere Bruder, mit ähnlichen Interessen und Einflüssen aufgewachsen, mit ordentlichem Talent gesegnet und mit respektablen Erfolgen belohnt. Aber eben nicht mit den historischen Rekorden, dem unfassbaren Selbstvertrauen – auch nicht mit den cleversten Technikern an seiner Seite.

Man kann dann sagen, dass es vielleicht keine so gute Idee war, dasselbe Feld beackern zu wollen, auf dem der übermächtige große Bruder die Maßstäbe gesetzt hat. Man kann es aber auch sympathisch finden. Auf jeden Fall sollte man Chris Jagger nicht bloß als Anhängsel sehen.

Denn der jüngere Jagger hat nicht nur seine eigenen musikalischen Meriten (seine ersten Soloplatten haben Kultstatus, mit seiner aktuellen Combo Chris Jagger’s Atcha legt er nun immerhin schon sein drittes Album vor), sondern auch einen ganz individuellen Stil.

Reichlich Swamp Blues gibt es auf Act Of Faith, Ausflüge in Richtung Cajun und auch ganz trocken-ironische Rocksongs, wie sie der große Bruder so gerne singt. On The Road ist so einer, oder der Opener It’s Amazing (What People Throw Away), auf dem David Gilmore von Pink Floyd die Gitarre spielt.

Einmal ist sogar Mick Jagger mit von der Partie: The DJ Blues ist das erste Duett der Brüder, voller Groove und unterschwelliger Spannung – und am Ende hat Sir Mick den kleinen Bruder natürlich um Längen abgehängt. Aber Chris Jagger kann wohl damit leben: An der Ideallinie liegt ihm nicht viel.

Wenn man auf die Klos im Hintergrund schaut, dann spielen Chris Jagger’s Atcha hier wohl Dixieland:

Chris Jagger’s Atcha bei MySpace.

Durchgelesen: David Gilbert – “Die Normalen”

Februar 15, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

 

"Die Normalen"? Von wegen. Es wimmelt von schrägen Typen.

Autor David Gilbert
Titel Die Normalen
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Keine Lust. Kein Antrieb. Keine Motivation. Billy A. Schine ist 28, hat Harvard hinter sich gebracht, und weiß nun nichts mit sich anzufangen. Schlimmer noch: Die Jahrtausendwende steht bevor. Und ein Geldeintreiber sitzt ihm im Nacken. Deshalb entschließt er sich, an einem Medikamententest teilzunehmen. Das soll ihm etwas Geld und zwei Wochen Ruhe bringen.

Der Weg in die Klinik ist aber nur eine halbe Flucht. Dahinter steckt auch der Wunsch, etwas zu erleben, vielleicht sogar beizutragen – irgendetwas.

Der widersprüchliche Wunsch, der Welt zu entgehen und ihr gleichzeitig ausgeliefert zu sein, den der “New Yorker” als Kern dieses Debütromans erkannt hat, ist auch den anderen Probanten eigen. Gilbert hat ein reichlich bizarres Ensemble zusammengestellt. Der junge Do, der plötzlich die Bibel entdeckt. Der Schauspieler Lannigan, der makabre Späße mehr liebt als seine Körperbehaarung. Und Gretchen, die wie alle anderen hier unbedingt etwas hinterlassen will, und seien es bloß anrüchige Episoden und gebrochene Herzen.

Einige Figuren scheint der Autor auch bloß einzuführen, damit er ihnen ein paar nette Sprüche, schräge Theorien oder protzige Bildungsbürgerlichkeit in den Mund legen kann. Das ist zwar für die Geschichte überflüssig, aber immerhin ganz unterhaltsam und zudem auch schon die einzige Schwäche an diesem Buch. Und auch die ist verzeihlich, denn in keiner anderen Szenerie würden solch schräge Typen so realistisch wirken wie in diesem Mikrokosmos: schließlich weiß hier niemand, welche Nebenwirkungen das neue Medikament auslösen kann, oder ob gar alle bloß Placebos verabreicht bekommen.

Die wirklich gespenstischen Szenen spielen sich aber außerhalb des Hargrove Anderson Medical Center ab. In Billys Elternhaus, beispielsweise. Und vor allem im Fernsehen, wo sich Amerika auf allen Kanälen als “Triumph des Optimismus über die Wahrheit” präsentiert, wie Gilbert es nennt.

Überhaupt: diese Schreibe! Die Sprache kommt hier so gewaltig und kraftvoll daher, dass man manchmal Angst hat, sie würde einen gleich in den Schwitzkasten nehmen. Dazu zündet Gilbert ein ganzes Feuerwerk von Metaphern, von denen sich (auch dank der gekonnten Übersetzung von Chris Hirte) keine einzige als Fehlzündung erweist. Man merkt dem Autor dann an, dass er sonst für Zeitschriften schreibt. Und man versteht, warum die US-Presse David Gilbert nach diesem starken Roman schon mit Don Delillo, Douglas Coupland oder Bret Easton Ellis vergleicht.

Beste Stelle: “06:57. Ein paar Minuten vor dem Wecken aufzuwachen ist immer eine nette Überraschung. Der innere Rhythmus im Einklang mit Sonne und Mond und dem ewig expandieren Universum anstelle von – piep!piep!piep! – heller Wut und scheißender Angst. Vor dem Wecker aufwachen, das ist wie einen Ganoven übers Ohr hauen, den Countdown einer Bombe im letzten Moment stoppen. Jawohl, Billy kommt sich involviert vor, ein bisschen wie ein Komplize. Armer Do, armer Lannigan. Die sind am Arsch, denkt er. In drei Minuten gehen die in die Luft.”

Hingehört: Tigers Of Doom – “Tigers Of Doom”

Februar 6, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Der Lärm von den Tigers Of Doom kann nur aus der Garage kommen.

Künstler Tigers Of Doom
Album Tigers Of Doom
Label Sounds of Subterrania
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung **1/2

Eine Garage ist ein sehr nützlicher Ort. Man kann alte Autos reinstellen. Man kann Basketballkörbe dranhängen. Oder man kann Krach drin machen.

Die Berliner Go Go Gero und Asphalt Tiger haben sich für letzteres entschieden. Glücklicherweise. Denn als Tigers of Doom liefern sie auf ihrem gleichnamigen Debüt allerfeinsten Lärm, wie er nur zwischen Pappkartons, Ölkanistern und Schraubstöcken entstehen kann.

Das ist bei Stücken wie So Cruel ein Fest für alle, denen die White Stripes inzwischen entschieden zu viel mit Tasteninstrumenten hantieren. Oder bei Krachern wie Without Love ein Vergnügen für all jene, denen die Hives am besten gefielen, als sie noch im Barely Legal-Alter waren. Bei den Hits (It’s Cold Outside und Do The Dave) merkt man sogar, dass diese Lieder mit etwas Politur perfekt ins Repertoire von Mando Diao passen würden. Aber Politur ist natürlich bloß was für alte Autos.

Weil es keine Videos von den Tigers Of Doom gibt, Bandname und Albumcover aber schwer nach Karate aussehen, gibt es hier ein bisschen Kampfsport-Comedy:

Tigers Of Doom bei MySpace.

Hingehört: Patty Hurst Shifter – “Too Crowded On The Losing End”

Februar 3, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Patty Hurst Shifter haben Indie-Americana im Gepäck, ganz ohne Affektiertheit.

Künstler Patty Hurst Shifter
Album Too Crowded On The Losing End
Label Blue Rose
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung **1/2

Wer sich schon immer eine Band wie die Counting Crows gewünscht hat, aber ohne die Exaltiertheit von Adam Duritz, der wird ob der Existenz von Patty Hurst Shifter wahre Freudensprünge vollführen.

Denn das Quartett um die nicht miteinander verwandten J. Chris Smith (Gesang und Texte) und Marc E. Smith (Gitarre und Musik) liefert auf seinem zweiten Album Too Crowded On The Losing End völlig unaffektierten Indie-Americana-Sound, mit Spaß am Rock und dem Wissen um Folk. Wer noch Bezugspunkte braucht: Ryan Adams lobt die “wirklich unglaublichen Songs”, den Mix erledigte Trina Shoemaker (Sheryl Crow, Kristin Hersh).

Da geht es zu Beginn recht zackig zu, später meint man beinahe Tracy Chapman zu hören (Shake). Die Highlights sind das passionierte Saddersong und das in knapp zehn Minuten majestätisch mäandernde Acetylene. Unaufgeregt, aber trotzdem aufregend.

Seltsam: den Higher Ground suchen Patty Hurst Shifter in diesem Clip ausgerechnet im Keller:

Patty Hurst Shifter bei MySpace.

Durchgelesen: Milan Kundera – “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”

Februar 2, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

Liebe in Zeiten der Konterrevolution - Kundera macht daraus ein Meisterwerk.

Autor Milan Kundera
Titel Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1984
Bewertung *****

Der Kalte Krieg, der Prager Frühling: alles bloß Staffage. Das Reflektieren über Leichtigkeit und Schwere, das wiederholte Heraustreten des Autors aus dem Plot auf die Meta-Ebene: kolossale Koketterie. Das echte Thema dieses Romans, das einzige: die Liebe.

Die Liebe als Suche nach der verlorenen Hälfte von uns selbst, wie Kundera es an einer Stelle in Anlehnung an Sophokles nennt. Es geht um das Gefühl, um den Zauber, um das Unfassbare. Aber noch mehr geht es in dieser Vierecksbeziehung zwischen Tomas, Teresa, Sabrina und Franz um die Tätigkeit – um das Umsetzen und Ausleben der Liebe und um den Glauben an sie. Also eigentlich: das Lieben. Das Lieben in all seiner Pracht, all seinem Schmerz und seiner ewigen Unfähigkeit zur Entscheidung.

Gleich zu Beginn hadert Tomas “mit sich, bis er sich schließlich sagte, es sei eigentlich ganz normal, dass er nicht wisse, was er wolle. Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann”. Als der Chirurg sich später entschließt, eine aussichtsreiche Karriere in der Schweiz zu opfern, um der Kellnerin Teresa zurück in die Tschechoslowakei zu folgen, ist er kein bisschen schlauer. Er hat auch das Lieben noch nicht gelernt. Aber er kennt die Liebe.

Beste Stelle: “Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.”