Corona-Musik 13 mit Dropkick Murphys, New Pagans, Nick Cave, Ivy Flindt und Val Sinestra


New Pagans Harbour Review Kritik

New Pagans kehren zum Record Release an den Ort ihrer ersten Show zurück. Foto: Fleet Union / Aaron Cunningham

Erinnerung, Gegenwart und Zukunft vereinen die New Pagans am 19. März. Dann wird ihr Debütalbum The Seed, The Vessel, The Roots And All erscheinen und ein neues Kapitel in der Geschichte der Band aus Belfast einläuten (die Zukunft). Weil die Pandemie das nicht anders erlaubt, werden sie die Veröffentlichung ab 21 Uhr mit einem Livestream-Event feiern (die Gegenwart), für das man sich hier kostenlos anmelden kann. Übertragen wird dabei aus dem Never Centre in Derry City im hohen Norden Irlands, und diese Location verweist auf die Vergangenheit: Es ist der Ort, an dem New Pagans ihr erstes Konzert gespielt hatten. Was es dort zu erwarten gibt, zeigt unter anderem die Single Harbour (****), die zu einem ebenso kraftvollen wie eleganten Sound, der mit einigen Überraschungen angereichert wird, von Erfahrungen berichtet, die Sängerin Lyndsey McDougall während ihrer Schwangerschaft gemacht hat. „Das Video wurde nach wochenlangem Schnee und peitschendem Regen an einem ziemlich verrückten und ausnahmsweise trockenen Tag am St. Cooey’s Well gedreht“, erzählt Claire Miskimmin, die Bassistin der Band, die auch Regie für das Video geführt und sich dabei an David Lynch orientiert hat. „Lyndsey war schon ein paar Mal dort gewesen und hatte es als eine atemberaubende und ziemlich unheimliche Location im Kopf. Der Brunnen stammt aus dem 7. Jahrhundert und der Altar aus den 1970er Jahren enthält die Grundsteine des alten Klosters. Das bot sich als Prämisse an, eine Welt und ihre Bewohner zu beschwören, die jenseits der unseren liegt, verborgen vor unserem Blick. Die Verschmelzung zweier Realitäten“, sagt Miskimmin. Wer Bleached mag, The Joy Formidable oder Sleater-Kinney, der sollte bei dieser Verschmelzung dabei sein.

Wenn man Nick Cave fragt, was er während des Lockdowns gemacht hat, wird man eine ziemlich eindeutige Antwort bekommen: Er hat die Zeit genutzt, um „zu lesen, regelrecht zwanghaft zu schreiben und einfach nur auf meinem Balkon zu sitzen und über die Dinge nachzudenken“, sagt er. Die Ergebnisse seiner Gedankengänge hat er gemeinsam mit Warren Ellis in einem ziemlich spontanen Prozess in Songs gegossen, die nun in Form des Albums Carnage erschienen sind. Der Balcony Man (***1/2) verweist auf diesen Entstehungsprozess, steckt voller Unsicherheit, blickt auf die eigene Winzigkeit inmitten der Welt und die kleinen Freuden („This morning is amazing / and so are you / in the morning sun“) – und als imaginärer Gesprächs- und Tanzpartner ist sogar Fred Astaire dabei.

Eine Releaseparty hätten auch Val Sinestra gerne für ihr zweites Album Zerlegung gespielt, das Ende November erschienen ist. Natürlich wäre das Quartett aus Berlin auch gerne auf Tour gegangen, um beispielsweise die Fans zu beglücken, die sie unter anderem als Support für Flogging Molly, Frank Carter & The Rattlesnakes und The Bronx gewonnen hatten. Covid-19 hat bekanntlich dafür gesorgt, dass beides nicht möglich ist. „Wir treffen keinen Zeitgeist, wir machen das, was uns gefällt!“, lautet allerdings das Motto der Band – und deshalb haben Val Sinestra aus der Not eine Tugend gemacht: Das gesamte Album (eine Single darauf heißt übrigens Seuche) wurde im November live eingespielt und in Form der Schokoladen Live Session veröffentlicht. Der zweite Teil wird von Alltag (****) eröffnet, mit schön giftigem Sound, einer Aggressivität, die gerade deshalb glaubhaft ist, weil sie nicht übers Ziel hinaus schießt, und einem Gastauftritt von Vizediktator. Die Session mit zwei weiteren Tracks ist seit 25. Februar bei YouTube verfügbar.

Ivy Flindt sind mit ihrem Debüt In Every Move (2018) nicht mitten ins Pandemiegeschehen gerauscht und konnten die 15 Songs der Platte somit reichlich oft live spielen. Das ist einer der Gründe, warum die Hamburger Band nun Ende des Monats In Every Move – Live At Rockpalast (***) herausbringen wird. „Die Songs (…) haben sich verändert, sind gereift, wir sind als Band zusammengewachsen durch viele Reisen und Konzerte unter guten und schlechten Bedingungen. Die Art, wie wir die Songs jetzt live spielen, zeigt eine weitere Facette von ihnen im Vergleich zu den Studioversionen und genau das finde ich daran spannend“, sagt Micha Holland. Seine Bandkollegin Cate Martin ergänzt: „Unser Debüt In Every Move und was danach kam, hat unser Leben geformt und das hatte wiederum Einfluss, wie wir die Songs spielen und fühlen. Ich denke das Live-Album als Komplementierung zum Debüt und würde es auch ohne Corona genauso machen.“ Die Live-Versionen wurden im August 2020 aufgezeichnet, natürlich ohne Publikum, und inmitten des Landschaftsparks Duisburg zwischen den Schornsteinen des historischen Hüttenwerks. Ivy Flindt haben dabei auch vier Coverversionen gespielt, darunter Birds von Neil Young und Father, Son von Peter Gabriel. Parallel zum Livealbum erscheint ein 40-seitiges Fotomagazin, das man im Shop der Band kaufen kann und und – wann auch immer – auch wieder am Merch bei künftigen Konzerten. Immerhin eines davon steht schon fest: Am 9. April spielen Ivy Flindt in der Elbphilharmonie – notfalls erneut ohne Publikum als Livestream.

Man hat schon im vergangenen Jahr gemerkt, wie schwer es den Dropkick Murphys fällt, den St. Patrick’s Day im Lockdown zu feiern. Sie hatten sich dafür das Format Streaming Up From Boston ausgedacht, das angesichts der Fortdauer der Pandemie auch dieses Jahr wieder stattfinden wird, und zwar mit einer visuell und soundtechnisch komplett neuen Show. Wer hierzulande teilnehmen will, kann sich am 18. März um 12 Uhr mittags unserer Zeit kostenlos einloggen (und gerne eine Spende für die Crew der Band hinterlassen). Besonderes Schmankerl: Erstmals werden einige Songs aus dem neuen Album Turn Up That Dial live zu hören sein, das am 30. April erscheinen wird. Darunter sicher auch die Vorab-Single I Wish You Were Here (***1/2), die nicht nur mit ihrem Titel wunderbar in die Corona-Zeit passt, sondern auch mit ihrer wehmütigen Stimmung. Den Clip auf dem Friedhof sollte man indes nicht für makaber halten: Es geht nicht ums Vermissen der Freunde im Lockdown, sondern um die Trauer um Verstorbene.

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