Durchgelesen: Ignatz Bubis – „Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“


Ein Interview wird in diesem Buch zu einem Stück deutscher Zeitgeschichte.

Autor Ignatz Bubis
Titel Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung ***1/2

Dieses von Edith Kohn geführte „autobiografische Gespräch“ mit dem damals frisch gewählten Vorsitzenden des Zentralrats der Juden ist nichts weniger als ein aufschlussreiches Stück deutscher Zeitgeschichte. Die gewählte Darstellungsform hat gegenüber der reinen Biographie den Nachteil, dass sie (durch die Fragen von Edith Kohn) teils falsche Schwerpunkte setzt, aber den Vorteil, dass sich Ignatz Bubis auch zu Themen äußern muss, die ihm eigentlich unangenehm sind und die er ohne Druck von außen in seiner Lebensgeschichte wohl ausgeblendet hätte.

Und diese Lebensgeschichte ist höchst interessant, von der Kindheit in Breslau und Deblin über seine Zeit im Arbeitslager, seinen Aufstieg zum Unternehmer in den Wirtschaftswunderjahren bis hin zu seinen politischen Aktivitäten und Ansichten der jüngsten Zeit.

Insbesondere seine Gedanken zum Umgang miteinander und der eigenen Geschichte haben nichts an Aktualität verloren. Er strebt Normalität zwischen Juden und nicht-jüdischen Deutschen an und weiß, dass sich dafür beide Seiten engagieren und bewegen müssen.

Ignatz Bubis erscheint als beeindruckende Persönlichkeit, der tief in Traditionen verwurzelt ist, aber dennoch – mehr als man das für möglich gehalten hatte – ein Kind der Bundesrepublik genannt werden muss. Privates erfährt man kaum (allerdings die erstaunliche Geschichte, wie Bubis dafür gesorgt hat, dass Helmut Schön Bundestrainer werden konnte), ohnehin machen die Gespräche den Eindruck, als gebe es gar keinen privaten Ignatz Bubis. Er erscheint als Mensch, der immer ein bisschen fremd in seiner Umgebung war – und sich vielleicht deshalb stets enorm engagiert hat, bei dem, was er tat.

Die beste Stelle straft den Titel des Buches zwar teilweise Lügen, ist aber enorm aufschlussreich für das jüdische Selbstverständnis: „Die Juden in Deutschland oder die jüdischen Deutschen betrachten sich nicht als Religionsgemeinschaft, es gibt bei den Juden auch die Volkszugehörigkeit. Auch der amerikanische und der australische Jude sind Teil des jüdischen Volkes. Ohne die Vision vom eigenen Volk Israel hätte das Judentum nicht 2000 Jahre Diaspora überleben können.“

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