Durchgelesen: Sven Regener – „Neue Vahr Süd“ 2


„Neue Vahr Süd“ ist so etwas wie ein Prequel – und sehr gelungen.

Autor Sven Regener
Titel Neue Vahr Süd
Verlag Eichborn Berlin
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Die Amis haben’s da besser. Sie sind nicht so kleinlich und klauen sich notfalls eben ein paar Stücke von den alten Römern. Wenn es also zu einem Film, sagen wir „Star Wars“, eine Fortsetzung gibt, dann nennen sie das „Sequel“. Wenn es zu dem Film dann noch einen neuen Teil gibt, der zwar später erscheint, aber dessen Handlung vor dem ersten Teil spielt, dann ist das eben kurzerhand ein „Prequel“.

So einfach kann man im Land der Dichter, Denker und Duden natürlich nicht mit der Sprache umspringen. Dabei bräuchte man jetzt so ein Wort. Denn Sven Regeners neuer Roman ist ein „Prequel“. Keine Fortsetzung, sondern eine Vor-Setzung.

„Neue Vahr Süd“ erzählt die Geschichte von Regeners Bestseller-Titelhelden Herr Lehmann, bevor dieser nach Berlin ging und sich in der dortigen Kneipenszene durchs Leben improvisierte. Erlebte der fast 30-Jährige damals seine „Bar Wars“, darf man ihn nun in seiner Jugend begleiten. In seinen „Vahr Wars“.

Denn es geht hier sehr oft um die Vahr, den Stadtteil von Bremen, in dem Lehmann geboren und geformt wird. Und es geht auch um den Krieg. Denn als die Handlung einsetzt, erlebt Lehmann – gerade 20, ausgebildeter Speditionskaufmann, noch bei den Eltern wohnend – seinen letzten Tag, bevor er zur Bundeswehr muss. „Näher kommt man als Einwohner eines demokratischen Landes an Sklaverei nicht ran“, schildert Regener das, was seinem Helden bevorsteht.

Der Autor weiß, wovon er spricht, denn er war selbst Wehrpflichtiger. Und er kennt auch die anderen Mikrokosmen, die sein Werk ausmachen, aus erster Hand: die Neue Vahr Süd in seiner Geburtsstadt Bremen, chaotische Wohngemeinschaften und die politische Linke der 1980er Jahre, in der Regener ebenfalls selbst organisiert war.

Das Buch profitiert ungeheuer davon, wie echt der Autor diese kleinen Welten erstehen lässt, wie gut er ihre eigenen Rituale und ihre genau codierte Sprache kennt. Gerade im Fall der Bundeswehr funktioniert diese Insider-Perspektive gleich doppelt hervorragend: Wer die Situation selbst erlebt hat, in der Blüte seiner Jugend, als König der Welt, plötzlich herumkommandiert zu werden, sich unterordnen und aufgeben zu müssen, der wird vieles wieder erkennen können und sich daran erfreuen, wie vortrefflich die psychologischen Mechanismen und schockierenden Schikanen geschildert sind. Wer kein Wehrpflichtiger war, der wird einen kaum weniger erhellenden Einblick in die Welt der Soldaten gewinnen – und ebenso amüsiert sein ob der absurden Dialoge in absurden Situationen.

Allerdings ist „Neue Vahr Süd“ natürlich keine Landser-Literatur. Es gibt nicht nur den Pionier Lehmann, sondern auch Frank Lehmann, sein Privatleben und all die Sorgen mit latent neurotischen Kumpels, großen Brüdern und kleinen Frauen. Wie schon in „Herr Lehmann“ wird auch diesmal keine dieser Personen geschildert. Regeners Figuren beschreiben sich selbst – durch das, was sie sagen. Gerade deshalb sind sie so lebendig, gerade deshalb sind Ensemble und Atmosphäre wieder so schlüssig und rührend wie in „Herr Lehmann“.

Am kauzigsten ist dabei noch immer Lehmann selbst, in seiner jüngeren, verwirrteren Ausgabe naturgemäß noch mehr. Wie seine Gedankengänge unbedingt sprachliche Klarheit und ein konkretes Ziel erreichen wollen und gerade deshalb endlos mäandern, sich von Kleinigkeiten ablenken lassen und das Definitive stets verfehlen, ist grandios unterhaltsam.

„Am Ende gibt’s noch mal auf die Zwölf“, verspricht der Autor nicht zu viel. Natürlich ist das Ende aber nicht das Ende. Wie Regener jüngst verriet, hat er nämlich eine Lehmann-Trilogie im Auge. Man darf sich freuen.

Beste Stelle (auch weil sie den typischen Stil so gut widergibt): „Sibille, dachte er dabei, Sibille wäre ein Ausweg, obwohl es seiner Ansicht nach eigentlich falsch war, so von einer Frau zu reden oder auch nur zu denken, die man liebt, Ausweg ist kein Name für eine Frau, mit der man sein ganzes restliches Leben teilen will, dachte er, schon Sibille ist nicht gerade ein Klassename, dachte er, aber Ausweg, so sollte man sie erst recht nicht nennen, das kann und darf nicht der Grund dafür sein, dass man jemanden liebt, dachte er, dass man sich von ihm oder ihr etwas verspricht, so geht das nicht, dachte er und drückte aus purem Übermut im Vorbeigehen auf den Knopf einer Fußgängerampel, die auch sofort umsprang.“


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