Hingehört: Tom Odell – „Wrong Crowd“


Künstler Tom Odell

Wrong Crowd Tom Odell Kritik Rezension

Tom Odell verarbeitet auf „Wrong Crowd“ den plötzlichen Ruhm.

Album Wrong Crowd
Label Sony
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Vielleicht muss die EU-Kommission da eingreifen. Warnhinweise auf CDs und Vinyl. Eine Durchsage zu Risiken und Nebenwirkungen am Beginn jedes MP3-Downloads und YouTube-Videos. Schockbilder in den Werbepausen von Castingshows. Die Botschaft sollte stets lauten: Werdet bloß nicht Popstar! Es ist scheiße!

Das zumindest scheint der Eindruck von Tom Odell zu sein. Der 25-jährige Engländer hat mit dem Debütalbum Long Way Down (2013) in seiner Heimat die Spitze der Charts und Platinstatus erreicht. Er spielte im Vorprogramm von Billy Joel und den Rolling Stones und erhielt den Ivo Novello Award als bester Songwriter. Er scheint jeden einzelnen dieser Erfolge als schlimmen Schicksalsschlag empfunden zu haben. Denn der gerade erschienene Nachfolger Wrong Crowd ist nichts anderes als ein einziges Gejammer.

Ein paar ausgewählte erste Zeilen der insgesamt 15 Songs: „Why sparrow, why, won’t you tell me why I’m sad.“ „I keep waking at night in the freezing cold.“ „Yesterday was awful.“ „I find theses days the things you say are so frustrating.“ Tom Odell ist hier immer Opfer und Außenseiter, verschmäht und missverstanden. Und das nervt gewaltig.

Um mit dem plötzlichen Ruhm klarzukommen, zog sich Tom Odell erst nach New York und dann nach Los Angeles zurück, schaute dort viele Filme und begann schließlich, an neuen Liedern zu arbeiten. „Die Songs, die ich schrieb, fingen an, von Isolation, vom Erwachsenwerden und vom Versuch zu handeln, sich einzufügen. Ich begann, zurück und nach innen zu blicken. Ich nahm mich selbst als Ausgangspunkt, ließ meiner Phantasie aber innerhalb der Geschichte freien Lauf“, erklärt er. Weiter bis zum Gedanken „Mein Gott, was hab ich’s schwer“ scheint die Phantasie allerdings nie gekommen zu sein.

Magnetised ist einer von etlichen Momenten, in denen der Trommel-Krawall davon ablenken soll, dass es ein todlangweiliger Song mit sehr peinlichem Text ist. „Sein Schlagzeugspiel brachte etwas Dunkles und Aufregendes in die Songs“, sagt Tom Odell über die Mitwirkung seines Kumpels Andy Burrows, der auch bei zwei Stücken mitkomponiert hat. Constellations, eines davon, versinkt knietief im Kitsch. Das andere – Here I Am – zeugt vom Versuch, funky zu sein, was wenig glaubwürdig ist, wenn als Thema schon wieder der Liebeskummer als offene Wunde gewählt wird. An einem ähnlichen Problem scheitert Daddy, der rockigste Song der Platte: Es gibt wilde Drums und verzerrten Bass, aber auch hier regiert das Selbstmitleid.

Anderes ist noch schlimmer. Es gibt zwar Songwriter, die aus einer alltäglichen Begegnung mit einem Spatz ein gutes Lied machen können, aber Tom Odell gehört nicht dazu, wie die Banalität und Ereignislosigkeit von Sparrow zeigen. Still Getting Used To Being On My Own gaukelt Blues vor. Silhouette klingt, als hätte Dieter Bohlen versucht, einen Comeback-Hit für Nino de Angelo zu schreiben. Entertainment ist nicht weit weg von mittelmäßig, aber auf der falschen Seite der Skala. Der Sound von Jealousy will genauso riesig sein wie die Komplexe des Sängers, aber das schafft er dann doch nicht. „Mit dem großartigen Jim Abbiss als Produzent wollte ich erreichen, dass meine Lieder groß und dramatisch klingen; fette Streicher und Melodien, die die Songs noch mehr unterstreichen und nichts zurückhalten“, sagt Tom Odell, und dieser Wille zur Opulenz ist vielleicht einer der Gründe für das Scheitern von Wrong Crowd: Das Album krankt nicht nur an einem Mangel an Ideen. Das Problem ist auch, dass hier jede Idee umgesetzt wurde, auch die unverkennbar schlechten.

Das Fehlen eines Shit-Detectors macht sich auch bei den Film-Ambitionen von Tom Odell bemerkbar. Er fasst diese Platte als Konzeptalbum auf, basierend darauf hat er Drehbücher verfasst, die er mit Regisseur George Belfield verfilmen möchte. „Die Songs erzählen von einem Mann, der die Geisel seiner eigenen Kindheit ist und sich danach zurücksehnt. Er sehnt sich nach Natürlichkeit. Es ist der Wunsch nach Unschuld in einer perversen Welt, in der er jetzt lebt. Es ist zwar eine finktive Geschichte, die Emotionen habe ich allerdings selbst gefühlt, auch wenn die Geschichten natürlich ausgearbeitet und übertrieben sind. Ich wollte eine Welt mit einem stark erhöhten Grad an Realitätssinn erschaffen, wie in einem Fellini-Film“, führt Tom Odell aus, und man muss schmunzeln angesichts von so viel Selbstüberschätzung. Wrong Crowd schafft es nicht mal, halbwegs brauchbare Songs zu liefern (es geht unter anderem um Pheromone, Schmetterlinge und Kerzenlicht), geschweige denn genug Substanz für einen solch ambitionierten Überbau zu bieten.

Viel zu oft verlassen sich die Stücke auf Wrong Crowd auf die markante, etwas ungesund klingende Stimme von Tom Odell. Aber nicht alle Songs sind mies. Wrong Crowd ist für eine Vorab-Single zumindest mutig, beginnt zurückhaltend und entwickelt dann etwas Drive. Somehow könnte mit etwas mehr Aufrichtigkeit, einer besseren Melodie und weniger schmalzigem Arrangement eine putzige Paul Mc-Cartney-Ballade sein. Das reduzierte Mystery ist recht hübsch, auch Concrete wird zumindest okay, obwohl das Ende übertrieben pompös gerät. Die Zeile „I thought I knew what love was / until I met you“ ist gut, aber mehr hat I Thought I Knew What Love Was dann leider nicht zu bieten. Und She Don’t Belong To Me, ein weiterer der vier Bonustracks auf der Deluxe Edition, bringt auf einer ansonsten extrem öden Platte endlich etwas Leben in der Bude.

Dass Tom Odell wie schon auf Long Way Down auch diesmal nur knapp die Hälfte der Songs ganz alleine geschrieben hat, darf man ebenfalls als Warnsignal betrachten. Es sieht aus, als hätte der 25-Jährige schon nach zwei Platten nichts mehr zu sagen. Außer: Werdet bloß nicht Popstar! Es ist scheiße!

Tom Odell spielt Here I Am live. Leider kein Scorpions-Cover.

Website von Tom Odell.

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