Hingehört: Amy Winehouse – „Live At The BBC“ 1


Viel Talent fürs Singen, kein Talent fürs Leben - daraus bezieht "Amy Winehouse - Live At The BBC" seine Spannung.

Viel Talent fürs Singen, kein Talent fürs Leben – daraus bezieht „Amy Winehouse – Live At The BBC“ seine Spannung.

Künstler Amy Winehouse
Boxset Live At The BBC
Label Island
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Jetzt also die Leichenfledderei. Amy Winehouse ist ein gutes Jahr unter der Erde, und seit ihrem Tod sind ein Album, zwei Singles und eine DVD von ihr erschienen – mehr, als sie in den letzten fünf Jahren ihres Lebens seit Back To Black (2006) zustande gebracht hat. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft kommt nun Amy Winehouse At The BBC, noch eine fragwürdige Sammlung von Archivmaterial, bestehend aus drei DVDs und einer CD.

Könnte man meinen. Aber Live At The BBC ist weit davon entfernt. Das Boxset ist vielmehr eine äußerst respektvolle Würdigung des Talents von Amy Winehouse. Keine Resteverwertung, sondern ein sehr gelungenes, sensibles Porträt einer außergewöhnlichen Künstlerin. Das Set enthält unter anderem ihre ersten Aufnahmen für das BBC-Radio, ihren allerersten Fernsehauftritt und ein paar erhellende Interviewsequenzen. Dazu kommt ein sehr gutes Booklet mit schönen Fotos und Huldigungen von einigen der Wegbegleiter der Sängerin.

All das ist ein schöner Beweis dafür, dass die BBC selbst in schwierigen Zeiten wie diesen ihre Verdienste hat und dass insbesondere ihre Musik-Formate keineswegs bloß aus lüsternen, mutmaßlichen Kinderschändern bestehen, sondern aus viel Mut, Anspruch und noch größerer Liebe für Pop. Nicht zuletzt entkräftet Live At The BBC auch den Vorwurf der Geschäftemacherei: Die Lizenzeinnahmen gehen an die Amy Winehouse Foundation, die sich dafür einsetzt, Jugendliche vor dem Missbrauch von Drogen und Alkohol zu bewahren.

Bereits die CD ist eine Offenbarung für alle, die sich dem Geheimnis und Talent dieser Künstlerin annähern wollen. Die ältesten Tracks wurden 2004 aufgenommen, kurz nach dem Erscheinen von Amys Debütalbum Frank. Auch Know You Now gehört dazu, das am Anfang der CD steht. Mit seinem Big-Band-Sound hat das Lied alle Klangzutaten für die Kategorisierung als „Easy Listening“, aber niemals könnte man einen Song so bezeichnen, in dem so viel Schmerz steckt. In anderen Tracks sind die Jazz-Wurzeln von Amy Winehouse sehr präsent („I’m a jazz singer“, lautet in einem der Interviews ihre eindeutige Selbstbeschreibung), wie in In My Bed oder im untröstlichen I Should Care. Der elegante und virtuose October Song oder Best Friends, Right? enthalten so viel geballte Klasse, dass die sehr komplexen Stücke beinahe leichtfüßig wirken.

Rehab, bei einer Show mit Pete Mitchell im Jahr 2006 mitgeschnitten, verliert im Vergleich zur Studioversion an Punch, gewinnt aber an Spannung. You Know I’m No Good wird hier extrem reduziert und erklärt sehr eindrucksvoll, warum man Amy Winehouse schon nach kurzer Zeit nicht mehr als „die mit der Frisur“ bezeichnet hat, sondern als „die mit der Stimme“. Love Is A Losing Game ist hauchzart, traumhaft, bittersüß. Valerie, im Original – das vergisst man gerne – von The Zutons, klingt auch in der Aufnahme aus Jo Whileys Live Lounge wie gemacht für die Stimme von Amy Winehouse. Und im Lullaby Of Birdland ist es egal, wie inspiriert das Orchester sein ausgetüfteltes Arrangement spielt – nichts kann den Gesang in den Schatten stellen. Ganz am Schluss singt sie To Know Him Is To Love Him, und wenn das Stück aus der Feder von Phil Spector nicht schon ein Klassiker wäre, müsste es spätestens nach dieser Interpretation einer sein.

Erstaunlich ist auf der gesamten CD, wie sehr diese Lieder dem Zeitgeist entrückt sind: Quasi alles könnte genauso gut aus den 1940er Jahren stammen. Das ist natürlich der Vorliebe von Amy Winehouse für die Musik von Mahalia Jackson, Charleen Anderson oder Dinah Washington geschuldet. Man liegt aber wohl nicht ganz falsch, wenn man darin auch eine Flucht aus der Gegenwart sieht, eine Flucht aus der Realität, die sie schließlich auch mit ihrem Drogenkonsum bewerkstelligen wollte.

Das unterstreichen auch die drei DVDs von Live At The BBC. Die erste davon, A Tribute To Amy Winehouse By Jools Holland, versammelt die Auftritte der Sängerin in den Shows des BBC-Moderators und -Musikgurus. Zwischendurch kommentiert Jools Holland die Performances kurz, mit rührenden Sätzen wie diesen: „She was a great singer, an amazing artist and, also, my friend.“ Am Beginn steht Stronger Than Me, der erste TV-Auftritt überhaupt von Amy Winehouse. Die damals gerade 20-Jährige wirkt unsicher und schaut immer wieder aufs Griffbrett ihrer Gitarre, als könnte sie dort Hilfe finden.

So ähnlich waren auch die Eindrücke von Mark Cooper, Executive Music Producer bei der BBC, bei seiner ersten Begegnung mit Amy Winehouse kurz zuvor: “It was as if Amy didn’t quite know how to perform or inhabit her own songs. She (…) hadn’t quite learned how to be Amy Winehouse on stage.” Dieses Unbehagen zieht sich als roter Faden durch die drei DVDs: Wenn sie singt, ist sich Amy Winehouse ihrer Macht und Meisterschaft bewusst, und doch merkt man ihr in jedem Moment an, dass da ein Mensch auf der Bühne steht, der nach Sicherheit und Orientierung sucht, der sein eigenes Talent befremdlich findet, weil ihm die Fähigkeit fehlt, abseits der Bühne ähnlich souverän mit dem Leben, den Menschen und nicht zuletzt dem Schmerz umgehen zu können. Dan Cairns von der Sunday Times greift in den Liner Notes ebenfalls diesen Widerspruch auf: „How could someone so obviously delicate and with self-confidence of such fragility find that voice, those words, that almost alchemical ability to take a phrase, a lyric, an emotion, and put it across with such unforgettable force?”

Man kann auf Live At The BBC gut nachzeichnen, wie dieser Konflikt Amy Winehouse immer mehr ins Verderben stürzte. Tears Dry On Their Own aus dem Oktober 2006 ist das erste Lied auf der Jools-Holland-DVD, an dessen Ende sie kein fettes Grinsen im Gesicht hat, sondern eher erleichtert wirkt, dass sie es hinter sich gebracht hat. In den Interviewsequenzen, die zwischendurch immer mal wieder eingestreut werden, wirkt sie derangiert. In Monkey Man und den beiden folgenden Duetten mit Paul Weller (I Heard It Through The Grapevine und Don’t Go To Strangers) ist ihr irrer Tanz eindeutig nicht von dieser Welt und ihr Gefrickel an ihrem ultrakurzen kleinen Schwarzen erst noch putzig, dann aber besorgniserregend. “She seemed to be disappearing into a toxic world where her gestures no longer quite made sense. (…) She’s there but she’s not quite there, not quite present”, erinnert sich Mark Cooper an die Sessions. Umso beeindruckender ist die Performance am Ende der ersten DVD: Love Is A Losing Game vom Mercury Prize 2007 ist unfassbar intensiv und kraftvoll.

Auch hier wirkt das Spannungsverhältnis zwischen riesigem Talent fürs Singen und ganz wenig Talent fürs Leben, aus dem viele der Performances ihre Faszination beziehen. Die zweite DVD, Live At Porchester Hall, führt das eindrucksvoll vor Augen: Wenn sie singt, ist Amy Winehouse in ihrer eigenen Welt, in einem Gedankengebäude, in dem sie sich wenigstens halbwegs wohlfühlt. Aber sie wirkt fast immer, als würde sie trotzig ein unsichtbares Gegenüber ansingen, von dem sie weiß, dass sie es ohnehin nicht zufriedenstellen kann. Sie sieht auf der Bühne nie aus, als würde sie sich amüsieren und wirkt manchmal sogar so, als wäre sie lieber woanders. Bei Valerie muss sie sogar weinen, ohne eine Erklärung dafür zu liefern.

Wenn sie zwischen den Liedern zu einem Plastikbecher greift, dessen Inhalt nach Jack-Daniels-Cola aussieht, dann ahnt man, dass die Musik für sie womöglich nur das zweitbeste Mittel ist, sie an diesen anderen, seligen, sorgenfreien Ort zu bringen. „Man schreibt solche Songs in Momenten, in denen es einem wirklich dreckig geht. Und dann steht man auf der Bühne und singt sie alle hintereinander weg. Das ist echt deprimierend“, umschreibt Amy Winehouse vielsagend in einer ihrer vielen Ansagen, die als Paradebeispiele für misslungene Kommunikation mit dem Publikum gelten können, wie sich ein Konzert für sie anfühlt.

Es ist gleichermaßen bewegend wie bestürzend, wenn man sieht, wie mühelos, anscheinend intuitiv Amy Winehouse hier immer wieder den Kern, das Herz eines Songs findet (egal, ob es um ihre eigenen Lieder geht oder um Fremdmaterial) – und zugleich daran erinnert wird, wie mühsam und letztlich vergeblich sie nach einer Mitte, einem kleinen bisschen Glück in ihrem Leben abseits der Bühne gesucht hat.

Nichtsdestotrotz beeindruckt der musikalische Ehrgeiz, der sich hier vor allem in den fantasievollen Arrangements offenbart. Der beste Beweis dafür ist die dritte DVD, Amy Winehouse – The Day She Came To Dingle. Die Dokumentation blickt auf ein Konzert zurück, das Amy Winehouse im Dezember 2006 vor nur 80 Zuschauern in einer Kirche in Irland gegeben hat, begleitet nur von Gitarre und Bass. Lieder wie Back To Black wirken so wie verwandelt und meist sagenhaft gut. Jools Holland hatte Amy Winehouse auf DVD1 mit Edith Piaf und anderen ganz großen Sängerinnen der Musikgeschichte verglichen – auf The Day She Came To Dingle gibt es Momente, in denen Amy Winehouse dieses Urteil rechtfertigt.

Sehr sehenswert sind auch die Interviews mit der Sängerin auf dieser DVD, die vor allem die Leidenschaft unterstreichen, mit der Amy Winehouse ihr Metier betrieb. Sie erzählt, wie sie die seltsame Route von Kylie Minogue über Madonna und Salt’N’Pepa hin zum Jazz und Motown-Sounds einschlug. Und sie schwärmt derart enthusiastisch von ihren Helden (Nas, einer davon, erinnert sich im Booklet: „One of the most humble experiences in my career was hearing how much of a fan she was of what I did.”), dass es beinahe tragisch wirkt. Denn rückblickend und im Wissen um ihr tragisches Ende wird klar, dass sie diesen Maßstab auch an ihre eigene Kunst anlegte und sich damit einem ungeheuren Druck aussetzte.

Philip King, der Initiator des Auftritts in der winzigen Kirche, ist noch heute beeindruckt von der Show und von der Art und Weise, wie Amy Winehouse die Musik als Medizin für sich nutzte: „She used her gift to still her trembling soul. She used her gift as a way to explain herself to herself.“ Am Ende war sie damit nicht erfolgreich, doch an diesem einen Abend hat das Rezept definitiv funktioniert: „She sang the blues away.“

Amy Winehouse singt Back To Black bei einer Mini-Show in Irland:

Homepage der Amy Winehouse Foundation.

Eine Kurzversion dieses Textes gibt es mit vielen Hintergründen zu Amy Winehouse auch bei news.de.


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