Hingehört: Kylie Minogue – „The Abbey Road Sessions“ 2


So gut wie auf "The Abbey Road Sessions" klang Kylie Minogue noch nie.

So gut wie auf „The Abbey Road Sessions“ klang Kylie Minogue noch nie.

Künstler Kylie Minogue
Album The Abbey Road Sessions
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

„Fantasie ist etwas, das sich manche Leute gar nicht vorstellen können“, hat der polnisch/russisch/tschechisch/deutsche Satiriker Gabriel Laub einmal sehr schlau gesagt. Doch selbst die Menschen mit der denkbar größten Fantasie stoßen wohl manchmal an ihre Grenzen. Als 1987 mit The Loco-Motion die Musikkarriere von Kylie Minogue begann, hätte sich wohl kein Mensch ausmalen können, dass dieser australische Teenie- und Seifenoper-Star ein knappes Vierteljahrhundert später eine Stilikone sein würde, eine allseits verehrte Pop-Prinzessin. Sogar: Eine ernsthafte Musikerin, die gut singt, begleitet von einem Orchester, und ein Album voller Klassesongs in den ehrwürdigen Abbey-Road-Studios aufnimmt.

Genau das ist jetzt geschehen. Auf dem heute erscheinenden The Abbey Road Sessions versammelt Kylie Minogue 16 Lieder aus ihrer Karriere, allesamt eingespielt mit der Band, die sie bei ihren Konzerten schon seit Jahren begleitet, und radikal neu interpretiert. Viele der neuen Versionen sind eine Offenbarung, und ohne jeden Zweifel ist The Abbey Road Sessions das beste Album in der Karriere von Kylie Minogue.

Schon All The Lovers zum Beginn ist geradezu himmlisch. Das Lied war schon auf dem letzten Kylie-Album Aphrodite ein Höhepunkt, klingt jetzt aber mit Akustikgitarre und reichlich Streichern nicht mehr nach Club, sondern nach Royal Albert Hall. On A Night Like This bekommt ein Motown-Gewand, klingt plötzlich spannend und sexy. Dass man einen infantilen Song wie Better The Devil You Know nur mit Klavier und Gesang interpretieren kann, womöglich sogar im Sitzen, wirkt wie eine annähernd absurde Idee. Dennoch schafft es Kylie Minogue, dem Lied aus dem Jahr 1990 all seine Oberflächlichkeit und Banalität zu nehmen und stattdessen eine sehr elegante Bar-Atmosphäre hinzuzufügen. Die 44-Jährige, der man vor wenigen Jahren noch so wenig künstlerischen Respekt entgegenbrachte, dass sich hierzulande der Spitzname „Geilie Kylie“ etablieren konnte und die auch danach nur selten ihr Anrecht auf einen Nachnamen geltend machen konnte, ist plötzlich zur Lady geworden. Mit solcher Musik wie hier sollten wir sie künftig besser „Madame Minogue“ nennen.

Auch Hand On Your Heart hat nichts mehr von Plastik, sondern bekommt einen warmen, organischen, verträumten Sound. Im neuerdings folkigen Believe In You darf (wie auf vielen anderen Liedern der Abbey Road Sessions) der Backgroundchor glänzen. Finger Feelings lebt von einem reizvollen Widerstreit zwischen dem Beat, der entweder in die Karibik oder in die Disco will, und dem Orchester, das eher ein Bond-Theme im Sinne hat. Das schon im Original geheimnisvolle Confide In Me wird hier noch ein wenig mysteriöser, die E-Gitarre scheint sogar heimlich The End von den Doors dazu zu spielen.

Slow findet die perfekte Mitte zwischen Moloko und Portishead. Die neue Version von The Loco-Motion klingt mehr nach dem Jahr 1962 als das damals entstandene Original von Little Eva. Das großartige Can’t Get You Out Of My Head bekommt kraftvolle Coldplay-Streicher und monströse Rhythmen verpasst, Flower (das auch als Single ausgekoppelt wird) lässt an die hübschesten Momente der Corrs denken. In Love At First Sight wird mit kleinen Retuschen eine große Wirkung erzielt.

Nur zweimal misslingt das Update: In I Should Be So Lucky kann auch das opulente Arrangement nicht wettmachen, was dem Song an Substanz fehlt, sodass Kylie Minogues Gesang beinahe störend wirkt. Und Never Too Late klingt als Abschluss der Abbey Road Sessions sehr stilvoll, aber auch etwas arg rührselig.

Und dann ist da ja noch das Lied, das Kylie Minogue überhaupt erst den Schritt hin zur respektierten, gefeierten, bewunderten Sängerin, sogar zur Grammy-Gewinnerin (2004 für Come Into My World) ermöglicht hat: Where The Wild Roses Grow, das düstere Duett mit Nick Cave, war für sie 1995 so etwas wie ein Ritterschlag. Der Landsmann ist auch diesmal wieder dabei, und die neue Version klingt noch ein bisschen verhängnisvoller – vor allem die Trommel, die offenbar den Takt vorgibt für den Weg zum Schafott.

Inzwischen hat es Kylie Minogue längst nicht mehr nötig, sich ihre Authentizität von Duettpartnern beschaffen zu lassen. Die Popwelt weiß inzwischen, was sie an ihr hat, und sie weiß auch, dass in diesen 1,53 Metern ein beachtliches Talent und vor allem ein erstaunliches Maß und Wandelbar- und Vielschichtigkeit stecken. Mit The Abbey Road Sessions zeigt die Australierin nicht zuletzt auch, dass sie etwas geschafft hat, was Madonna in ihrem Jugend-, Fitness- und Avantgardewahn wohl nie mehr gelingen wird: Sie ist in Würde gealtert, sie hat einen souveränen Umgang mit ihrer Vergangenheit gewonnen, hat schmerzhaft erfahren, dass das Schicksal im Zweifel stärker ist als die Karriereplanung und kann vielleicht auch deshalb (wieder) über sich selbst lachen. Mit The Abbey Road Sessions beginnt womöglich das Alterswerk von Kylie Minogue. Und das klingt, auch wenn man sich diesen Satz vor 25 Jahren nie hätte vorstellen können, fantastisch.

Kylie Minogue singt, doch nicht im Sitzen, On A Night Like This in der Abbey-Road-Version:

Homepage von Kylie Minogue.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Gedanken zu “Hingehört: Kylie Minogue – „The Abbey Road Sessions“