Hingehört: Die Ärzte – „Bäst Of“ 6


Die Ärzte: Musik für den 13-Jährigen in uns allen.

Künstler Die Ärzte
Album Bäst Of
Label Hot Action Records
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Gerade haben Die Ärzte aus Berlin angekündigt, im Herbst eine neue Platte zu veröffentlichen. Daran ist eigentlich nichts Besonderes. Es wird ungefähr das 18. Album seit 1984 sein, es wird eine Single davor geben und eine Tour danach. Das Einzigartige daran ist nur: Wie jedes Werk davor wird auch dieses Ärzte-Album wieder die Plattenschränke (oder meinetwegen iPods) der Dreizehnjährigen dieses Landes erobern. Und das ist für alte Säcke schon reichlich speziell.
Die Ärzte sind cool, sie bleiben cool und sie waren immer cool.

Wahrscheinlich fragt sich mittlerweile so manch anderes Duo aus einem notorischen Anti-Alkoholiker mit Milchbubi-Gesicht und einem Tattoo-Monster mit Playmate-Freundin, wie sie das bloß anstellen. Und dieser Rückblick auf die Ärzte-Jahre nach dem Comeback, der sich 30 Wochen nach Veröffentlichung übrigens noch immer in den deutschen Top 100 tummelt, gibt vielleicht sogar eine Antwort auf dieses Mysterium.

Da ist zunächst die Art und Weise des Comebacks. Von niemandem erwartet, von wenigen erhofft, war DieBesteBandDerWelt auf einmal wieder da, und zwar ausgerechnet mit einem Lied gegen Neonazis. Politik! Ein Statement! Wie peinlich das hätte werden können, wird einem rückblickend erst klar, wenn man sich noch einmal anhört, was andere zu diesem Thema verzapft haben, die der Meinung waren, ihre Meinung sei gefragt. Wo Die Toten Hosen daneben waren, Udo Lindenberg krude und BAP peinlich, brachten die Ärzte die ganze Thematik sofort und schlüssig auf den Punkt: oh oh oh, Arschloch.

Viel aktueller und treffender hätte Schrei nach Liebe nicht sein können. Zumal die alte Klasse sofort wieder da ist. In einer Zeile wie „Zwischen Störkraft und den Onkelz spielt ’ne Kuschelrock-LP“ steckt nicht nur eine famose Beobachtungsgabe. Stets ist hier auch ein Augenzwinkern dabei, der Bierernst ebenso ausschließt wie Feuereifer (aus deren Kombination meistens Peinlichkeit entsteht). Und mehr noch: Die Zeile zeigt so etwas wie Respekt, selbst vor dem Gegner. Auch in einem Neonazi steckt schließlich ein Mensch, und die Ärzte würdigen das.

Schließlich ist diese eine Band, daran kann es keinen Zweifel geben, für Verlierer und Außenseiter. Wer das nicht glaubt, kann ja mal beim offiziellen Ärzte-Fanclub nachfragen. Der nennt sich selbst „Spackenfront“.

Kein anderer Ärzte-Song führt das so gut vor Augen wie Rebell. Für einen Teenager könnte es kein besseres Sprachrohr geben als dieses Lied, das Farin Urlaub „von all meinen ‚adoleszenten‘ Lieder am besten“ gefällt. Der Schlüssel ist auch hier: reinverstehen, respektieren, artikulieren. Und es wird klar: Die Ärzte sind große Humanisten.

Deshalb ist diese Sammlung so sympathisch, beeindruckend wird sie aber noch aus anderen Gründen. In der Musik von Mach die Augen zu steckt eine irre Spannung, ein Leidensdruck, der sich schließlich in Selbstauslieferung entlädt: Es ist mir absolut egal / tu was Du willst. Darin steckt ein weiteres wichtiges Element: Im Sich-selbst-nicht-allzu-ernst-nehmen sind Die Ärzte die Größten. Sie zeigen Schwäche, sie lassen die Hosen runter, und sie vermitteln damit die Botschaft: Wir sind genauso wie ihr. Diese Message steckt auch im herzzerreißenden Wie es geht, das gerade so romantisch wird, weil es so ehrlich ist (und darüber hinaus ein scheißverdammter Hit).

Quark, Unrockbar und Hurra sind unerreicht albern und eingängig. Kopfüber in die Hölle ist musikalisch packend und mitten aus dem Leben. Der unbezwingbare Schunder-Song klingt tatsächlich, als ob er einem „immer mitten in die Fresse rein“ schlägt – und dabei auch noch grinst. Um all die ironischen Brechungen des Macho-Vorwurfs im grandiosen Männer sind Schweine zu berechnen, müsste man schon Einstein sein. In Rods 1/2 Lovesong und Nichts in der Welt sind der Text (und der Gesang) etwas schräg, aber echt sind die Gefühle und die Verzweiflung. Die Live-Version von Elke ist härter als Manowar und lustiger als alles, was im Fernsehen als Comedy angeboten wird.

Keine andere Band im Universum hätte ein Lied wie Manchmal haben Frauen aufnehmen können – geschweige denn, es selbstverständlich klingen lassen und auch noch einen Hit daraus machen. Und Komm zurück von den Sessions in der Rock’N’Roll-Realschule ließ plötzlich sogar die reichlich ausgelutschte Unplugged-Idee wieder spannend wirken.

Ganz wenig geht daneben: Friedenspanzer ist ein ganzer Song, der um eine einzige Idee herum gebaut ist, und diese Idee war leider nicht gut. Dinge, von denen ist textlich etwas platt, aber zumindest schmackhaft instrumentiert. Yoko Ono, Rock’N’Roll Übermensch, Die Banane und Goldenes Handwerk sind nicht per se schlecht, aber zumindest seltsame Auswüchse der Narrenfreiheit, die sich BelaFarinRod spätestens mit Le Frisur erobert hatten.

Jaja, „ein Konzeptalbum über Körperbehaarung“ (Bela B.). Und was für eines. 3-Tage-Bart vereint die textliche Schärfe von Wiglaf Droste mit der melodiösen Eingängigkeit von Weezer. Mein Baby war beim Frisör ist schlicht famos (und hat ein Ö im Titel!).

Weil Die Ärzte nicht nur nett sind, sondern auch um den Wert von sauer verdientem Taschengeld wissen, liefert Bäst Of zudem sagenhaften value for money. Die Singles-Sammlung ist randvoll, dazu gibt es auf einer zweiten CD auch noch eine Kollektion von B-Seiten, die in der Tat „die ganze abstruse künstlerische Bandbreite der Gurkentruppe demonstriert“ (Managerin Axel Schulz). Das reicht von witzigem Punkrock (der allerdings tausendmal eleganter klingt als alles, was die Toten Hosen in diesem Genre anzubieten haben) wie Wahre Liebe über einige schlüpfrige Stücke bis hin zur bekannten morbiden Seite des Trios.

Manches ist völlig irre und genial (Saufen, Backpfeifengesicht, Rettet die Wale), einiges ist auch bloß irre. Dazu gibt es weitere erhellende Einblicke ins Ärzte-Universum: Die Wunderbare Welt des Farin U. ist nur scheinbar harmlos, nimmt aber in Wirklichkeit den Star-Kult und den Rummel um die eigene Person aufs Korn. Das Cover des Erbauungs-Schlagers Danke für jeden guten Morgen macht sich nicht über Orientierungssuchende lächerlich, erkennt aber genau die Gefahren, die lauern, wenn sich das Individuum in der Gemeinschaft verlieren will. Aus dem Tagebuch eines Amokläufers entlarvt wunderbar all die notorischen Nörgler, deren Sätze meist mit „früher“ oder aber „heutzutage“ beginnen.

Zum Abschluss gibt es eine fast viertelstündige Zusammenfassung, die von Techno bis Ethno, von Metal bis Rockabilly elfmal die Botschaft vermittelt: „Das war harter Stoff.“ Fürwahr.

Wenn wir Lara Croft schon erwähnen, dann soll hier auch das Video mit ihr zu sehen sein: Männer sind Schweine.

Eine Ärzte-Fanpage bei MySpace.


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