Hingehört: Loreen – „Heal“ 2


"Heal" ist trotz langer Wartezeit gesichts- und belanglos.

„Heal“ ist trotz langer Wartezeit gesichts- und belanglos.

Künstler Loreen
Album Heal
Label Warner
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung *1/2

Gestern ist Heal erschienen, das Debütalbum von Loreen. Manche würden in diesem Satz vielleicht noch irgendwo das Wort „endlich“ einfügen. Denn die erste Frage, die sich da aufdrängt, ist natürlich: Was zur Hölle hat daran so lange gedauert?

Es ist erstaunlich genug, dass man sich an den Namen „Loreen“ überhaupt noch erinnern kann – und das liegt an ihrem eindrucksvollen Auftritt beim Eurovision Song Contest in Baku. Das war allerdings schon im Mai (in Schweden war das Siegerlied Euphoria sogar schon seit Februar ein Dauerbrenner) und normalerweise sollte man versuchen, einer solchen Performance und einem so phänomenalen Start (Euphoria kam in 21 Ländern auf Platz 1 der Charts) so schnell wie möglich einen Longplayer folgen lassen, um das Süppchen am Köcheln zu halten. Stattdessen dauerte es fast ein halbes Jahr, bis Heal endlich fertig war. Dafür kann es eigentlich nur vier logische Erklärungen geben:

1. Loreen hat in der Zwischenzeit ein Kind bekommen und hatte somit Wichtigeres zu tun.

Wahrscheinlichkeit: gering. Loreen ist zwar gerade 29 Jahre alt geworden und damit ziemlich genau in dem Alter, in dem Schwedinnen im Durchschnitt ihr erstes Kind bekommen. Sie ließ nach dem Triumph in Baku auch verdächtigerweise nicht die Korken knallen. Das liegt aber daran, dass sie grundsätzlich keinen Alkohol trinkt – und nicht daran, dass sie ein eventuelles Ungeborenes schützen wollte.

2. Loreen hatte ein tolles Album schon im Juni fertig, dann hat aber ein Profi-Dieb im Auftrag von Lena alle guten Lieder geklaut und die Schwedin musste noch einmal von vorne anfangen.

Wahrscheinlichkeit: mittel. Für einen Schweden-Krimi wäre das ein netter Plot, zugegeben. Tatsächlich ist das neue Album von Lena auch so verdammt gut, dass man fast finstere Mächte am Werke wähnen muss. Allerdings würde man unserer niedlichen Lena so viel kriminelle Energie natürlich niemals zutrauen. Zudem hätte sich Loreen die Möglichkeit wohl nicht entgehen lassen, die Geschichte von den geklauten Liedern für ein bisschen spektakuläre PR auszunutzen.

3. Loreen hat sich fest vorgenommen, ein Meisterwerk zu veröffentlichen, und immer wieder an Heal gefeilt, bis sie endlich mit dem Ergebnis zufrieden war.

Wahrscheinlichkeit: ausgeschlossen. „Meine Musik ist ein riesiger Teil von mir, von meiner Persönlichkeit. Die Stücke auf meinem Debütalbum stammen direkt aus meiner Seele. Ich bin so unglaublich stolz auf diese Platte“, sagt Loreen zwar über das Ergebnis. Am Ende ihrer Danksagung im Booklet kündigt sie zudem selbstbewusst an: „to be continued…” Aber von einem Meisterwerk kann bei Heal keine Rede sein – siehe unten.

4. Loreen ist ein äußerst beschränktes Talent und deshalb hat es so unfassbar lange gedauert, bis sie dank der Unterstützung routiniertes Profis und einer halbwegs strengen Qualitätskontrolle durch die Plattenfirma ein einigermaßen brauchbares Album hinbekommen hat.

Wahrscheinlichkeit: extrem hoch. Dafür spricht nicht nur die Tatsache, dass Loreen angeblich sogar schon seit 2010 an diesem Album bastelt und die Plattenfirma Heal zuletzt auch schon ganz offiziell für September angekündigt hatte (und danach womöglich noch einmal nachgebessert werden musste). Auch der Werdegang von Loreen passt zu diesem Verdacht: Bekannt wurde sie in Schweden 2004 bei einem Auftritt in einer Castingshow, in der sie Lieder von Pink, Britney Spears oder Alicia Keys sang. Dann war sie kurz als Moderatorin für einen kleineren Fernsehsender tätig, schließlich produzierte sie selbst Reality-TV-Sendungen, bis sie es ein zweites Mal mit dem Singen versuchte und es zum ESC schaffte. Klingt nach einem klassischen Fall von „Irgendwas mit Medien“ oder sogar dem verzweifelten Versuch, es irgendwie ins Rampenlicht zu schaffen.

Das stärkste Argument für diese These ist aber die Musik auf Heal selbst. Neben Euphoria, das man auch im Album-Kontext noch immer wahlweise als unwiderstehlich oder nervtötend bezeichnen kann (ich gehöre zur zweiten Fraktion) gibt es die angeblich „brandneue“ Single My Heart Is Refusing Me, die in Schweden sogar schon 2011, also lange vor dem ESC-Hype, erschienen war und ungefähr so klingt wie David Guetta an einem schwachen Tag.

Dazu kommt ganz viel gesichts- und belanglose Standardware: Der Opener In My Head ist noch einigermaßen elegant und erstaunlich dezent, arbeitet aber auf einen Moment des Abhebens hin, der dann nicht kommt. Crying Out Your Name macht Anleihen bei Massive Attack, Sidewalk ist eine ziemlich dreiste Nachahmung von Better Off Dead (The Sounds), Breaking Robot klingt genau so, wie dieser Titel es vermuten lässt.

An sieben der zwölf Lieder hat Loreen mitgeschrieben, aber so etwas wie eine Identität lässt Heal niemals erkennen. In If She’s The One werden House und Streicher vereint, was eine nette Idee ist, aber vollkommen unspektakulär bleibt. Auch der Titelsong ist mit seinen verfremdeten Steeldrums zumindest ein bisschen originell, bleibt aber öde. Und See You Again klingt, als hätte jemand versucht, Euphoria mittels einer Zeitmaschine mitten in den Eighties-Mainstream zu ballern.

Die größte Überraschung an Heal ist deshalb: Auch ein knappes halbes Jahr nach Baku klingt das Album, als habe man es mit Hilfe einiger halbwegs solider Hitproduzenten schnell zusammengeschustert, um die Erfolgswelle nicht abebben zu lassen.

Vielleicht hat Heal auch nur so lange gedauert, weil Loreen eine Weile braucht, bis sie die Haare schön hat:

Homepage von Loreen.


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2 Gedanken zu “Hingehört: Loreen – „Heal“

  • Chris

    Ich stimme dem Bericht zu 100%. Das Album bleibt Kilometer hinter meinen Erwartungen zurück. Nach Euphoria habe ich da deutlich mehr erwartet. Der Sound ist schlecht, wirkt wie von Anfängern gemacht und auch Ihre Stimme ist nicht so perfekt, wie bei Euphoria. Ich denke, das bleibt ein One Hit Wonder.