Linus Volkmann, Kupfersaal, Leipzig


Linus Volkmann Lesung Leipzig

Die Texte von Linus Volkmann (das Gesicht vor der Lampe) sind besser als meine Fotos.

Zu … Baby One More Time kommt Linus Volkmann auf die Bühne im Kupfersaal Leipzig, zumindest obenrum auch fast im selben Outfit wie Britney Spears im dazugehörigen Video: grauer Sweater, weißes Hemd (nicht bauchfrei). Nach der obligatorischen Anbiederung bei den Locals (sinngemäß: Ich war schon öfter in eurer Stadt. Letztes Mal habe ich sogar noch Wodka-Red Bull getrunken statt Jägercola. Ich kann mich trotzdem an Ilses Erika und Conne Island erinnern.) erklärt der „ohne Zweifel wichtigste und bekannteste Popjournalist in unseren Breiten“ (Ankündigungstext des Veranstalters) den modus operandi für diese Quasi-Lesung: Er wird Bilder zeigen und Präsentationen, er wird aus seinen Texten für Intro und andere Magazine sowie aus seinem Buch Lest die Biber vortragen, natürlich werden auch Hörbeispiele erklingen. Das alles solle allerdings „kein Frontalunterricht“ werden.

Letzteres klappt nicht so ganz, weil sich die Aktions- und Mitmachlust der Besucher in Leipzig in Grenzen hält, dennoch wird es eine sehr amüsante Veranstaltung. Die zwei Musikgrößen im Veranstaltungstitel („Die Beatles sind Idioten – Radiohead auch“) werden gleich zu Beginn als irrelevant für diesen Abend abgetan, später macht Linus Volkmann eine Pinkelpause, die deutlich länger dauert als das zur Überbrückung gedachte Video (eine Pseudo-Entschuldigung bei Kollegah) und räumt freimütig ein, dass er auch deshalb so oft zwischen verschiedenen Desktop-Anwendungen wechseln muss, weil er sein Showprogramm nicht allzu gründlich vorbereitet hat und natürlich auch zu wenig Geld mit seinem Kram verdient, um sich Microsoft Office leisten zu können.

Das wäre albern, würde es nicht so gut zu seinen Texten passen: Dass auch da Dinge einfach mal passieren dürfen, ist eine der Eigenschaften, die sie auszeichnen. Gedanken dürfen sich entwickeln, wenn sie im ersten Moment nach Spaß, Provokation oder Slogan klingen, und ob dann am Ende dieser Entwicklung wirklich Logik herauskommt oder bloß Schräges, ist zunächst zweitrangig. Genau aus diesem Freigeist heraus kann ein Blick auf Popkultur gelingen, der entlarvend sein kann, was womöglich zu nichts anderem führt als: Bedeutung. Vor allem bei der Betrachtung von allem, was scheiße ist, funktioniert diese Methode blendend. Und so wäre der Auftritt in Leipzig mit „Linus Volkmann liest seine schönsten Verrisse“ auch nicht ganz falsch überschrieben.

Es geht um die bayrischen Schnauzbart-Punks Lustfinger, die schlimmste Promo-Postkarte aller Zeiten und den Zusammenhang zwischen Frida Gold und Stuhlgang. Dazwischen gibt es Anekdoten wie die von der Lesereise mit Torsun von Egotronic, der unterwegs immer nur geschlafen hat statt ordnungsgemäß Drogen zu nehmen, oder eine Autofiktion mit Linus Volkmann in der Rolle des Sexsklaven von Rihanna. Deutlich zu oft lacht der Autor im Kupfersaal selbst am lautesten über seine Witze, aber das nimmt man gerne in Kauf für einen unterhaltsamen Popkultur-Ausflug wie diesen. Und für das schönste Bonmot des Abends: „Popjournalismus ist ausschließlich Werbung für die Welt wie sie ist.“

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