Oasis – „Knebworth 1996“


Künstler*in Oasis

„Knebworth 1996“ zeigt Oasis in ihrer Blüte.

Album Knebworth 1996
Label Big Brother Recordings
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Michael Jordan, der 1991 die Chicago Bulls zur Meisterschaft führt. Wayne Gretzki, der mit den Edmonton Oilers 1985 zum zweiten Mal in Folge den Stanley Cup gewinnt. Pélé, der mit der brasilianischen Nationalmannschaft bei der WM 1958 erstmals in Europa zu sehen ist und die Fußballwelt in Erstaunen versetzt.

Es ist immer eine Freude, jungen Menschen, die später zu den Größen in ihrem Metier zählen sollten, in dem Moment zuzuschauen, in dem ihr Talent in voller Blüte steht. „In their prime“ sagen die Engländer dazu, und für Oasis dürfte sich dieser Zeitpunkt ziemlich genau festlegen lassen: Am 10. und 11. August 1996 spielte die Band zwei Konzerte im Knebworth Park in Hertfordshire. Mit mehr als einer Viertelmillion Fans waren es damals die größten Konzerte, die Großbritannien je gesehen hatte, und es sollten weltweit die größten Shows des Jahrzehnts bleiben.

Oasis, bis auf Alan White als neuen Drummer noch in Originalbesetzung, hatten Acts wie die Manic Street Preachers, The Charlatans, The Chemical Brothers, Kula Shaker oder The Prodigy als Vorprogramm gebucht. Die Band selbst flog als Hauptattraktion mit dem Hubschrauber auf das Gelände und staunte aus der Luft selbst über die Menschenmassen. Die Auftritte in Knebworth sollten eine weitere Bestätigung ihres bis dahin unaufhörlichen Höhenflugs sein. Ein Vierteljahrhundert später wird dieses legendäre Ereignis mit der Filmdokumentation Oasis Knebworth 1996 gefeiert, bei der Grammy-Preisträger Jake Scott die Regie geführt hat. Die Musik dazu wird heute digital, als Doppel-CD, Dreifach-LP, Dreifach-DVD sowie Blu-ray veröffentlicht.

Ich sollte eigentlich für alle Zeiten darauf bestehen, dass die Shows 2000 in Wembley das ultimative Konzerthighlight in der Karriere von Oasis waren. Schließlich war ich damals live dabei, die Band war durch die neuen Mitglieder deutlich versierter, die Visuals tausendmal spektakulärer. Zudem gab es mit der Rückkehr von Noel Gallagher, der zuvor bei den Konzerten auf dem Kontinent gestreikt hatte, und dem Wissen um den bevorstehenden Abriss der historischen Arena auch ein ganz besonderes Momentum. Auch diese Shows sind längst als Konserve erhältlich, ebenso wie die Auftritte in Southend 1995 und in der Maine Road zuhause in Manchester.

Knebworth 1996 hat gegenüber diesen Shows aber – neben der schieren Dimension – einen entscheidenden Vorteil: die bessere Setlist. Oasis spielen alle wichtigen Songs der ersten beiden Alben, dazu drei B-Seiten, die Beatles-Coverversion I Am The Walrus als traditionellen Konzertabschluss und auch zwei Lieder vom damals noch nicht veröffentlichten dritten Album. Es gibt keinen Schwachpunkt, keine Längen, keine Selbstzufriedenheit und auch etliche später selten noch live gespielte Highlights ihres Schaffens wie Whatever, das in Knebworth angereichert wird mit der Mundharmonika von Mark Feltham, der schon beim Unplugged-Konzert von Oasis seine prominenten Auftritte hatte, oder das gloriose Slide Away.

„We’ll find a way of chasing the sun“, lautet eine Zeile in diesem Song vom Debütalbum. Natürlich ist das in diesem Fall auf eine Liebesbeziehung gemünzt, aber zugleich ist es einer von vielen Fällen, in denen ein zentraler Effekt der Musik von Oasis erkennbar wird, der auch auf Knebworth 1996 überdeutlich ist: So sehr die Gallagher-Brüder sich als über den Dingen schwebend inszenierten, so sehr ging es in ihrer Musik um Gemeinschaft. Diese Band brauchte die Begeisterung ihrer Fans ebenso wie diese Fans sich nach einer solchen Band gesehnt hatten. „We need each other / we believe in one another“, heißt das in Acquiesce, es passt auch zur Frage „Is it my imagination / or have I finally found something worth living for?“ in Cigarettes & Alcohol, zum Versprechen „Maybe you’re the same as me / we’ll see things they’ll never see / you and I are gonna live forever“ in Live Forever und natürlich zum Angebot „You can put your life inside the hands of a rock’n’roll band / who’ll throw it all away“ in Don’t Look Back In Anger.

Die 20 Songs dieses Livealbums sind der perfekte Beweis dieses Zusammenwirkens. Es geht hier um Zusammengehörigkeit und Loyalität, um das Gefühl, etwas Großes zu erleben, zu dem man selbst beiträgt – also eine Erfahrung, die zugleich ein Privileg ist und doch noch besser wird, wenn man sie mit so unglaublich vielen Menschen teilen kann. Statistisch betrachtet war einer von 20 Menschen, die damals im UK zwischen 15 und 30 Jahre alt waren, bei diesem Event dabei, und sie alle dürften einen Gedanken gehabt haben, der dann der Titel für das nächste Oasis-Album werden sollte: Be Here Now.

Columbia eröffnet die Show, die ersten Töne von Knebworth 1996 sind Feedback, Noels Gitarre und ein paar Worte von Liam an die Fans, aus denen pure Vorfreude spricht, bevor sich der Beat herausschält. „There we were / now here we are“, lauten die ersten Zeilen, und natürlich hat auch das auf dieser Bühne eine ganz neue Bedeutung. Das Genießen des eigenen Triumphs trotz aller Widrigkeiten, das Auskosten der Bestätigung von „Wir haben euch immer gesagt, dass wir die Größten sein werden, und wir haben Recht behalten“ und auch der Wille, den Moment feiern zu wollen, sprechen daraus. Später sind die ersten Worte, die man von Noel hört, sein „Yeah, yeah, yeah“-Part, und auch diese drei Wörter könnten kaum besser zum Anlass passen.

Einige Songs werden tatsächlich besser als die auch nicht ganz zu verachtenden Studioversionen. Roll With It zeigt, dass Rotz, Stolz und Wucht von Oasis hier noch ungebrochen sind, Morning Glory wird von ganz viel Überzeugung getragen. Das majestätische The Masterplan wirkt in diesem Setting noch erhebender, Hello demonstriert Rasanz, Vorwärtsdrang und das Erschaffen eines eigenen Universums, in dem man den Rest der Welt natürlich auffordern darf, einem die Scheiße von den Schuhen zu wischen, und in dem es auch erlaubt ist, gut die Hälfte eines Songs einfach von Gary Glitter zu übernehmen.

Champagne Supernova ist vor dem Walrus-Finale der Schlusspunkt. Noel kündigt dieses Lied an, als würde er Let It Be ankündigen oder Stairway To Heaven, und genau so wird es von den Fans auch gefeiert. Auch hier kann man wieder so eine Zeile finden, die für diesen Abend und diese Generation so viel Sinn machte: „Where were you while we were getting high?“

Als die ersten (einigermaßen langweilig wirkenden) Trailer zur Filmdokumentation zu sehen waren, habe ich mich auch als Oasis-Ultra ernsthaft gefragt, wer sich so etwas anschauen wird. Sollte ich ins Kino gehen, um zu sehen, wie (mittlerweile) alte Männer von ihren legendären Jugendabenteuern erzählen? Vom Trip im VW Bus mit Bier, Joints, Flüchen und Pannen? Dazu Nostalgie und Selbstbeweihräucherung der auf und hinter der Bühne Beteiligten? Und ein paar Lieder, die ich schon tausendfach gehört habe? Was soll daran aufregend sein? Auch ganz ohne Bilder liefert Knebworth 1996 problemlos die Antwort: Es ist diese Band und ihre Musik.

Live Forever, live in Knebworth.

Website von Oasis.

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