The Screenshots – „2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee“


Künstler The Screenshots

The Screenshots 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee Review Kritik

Spaß und Angst vereinen The Screenshots auf „2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee“.

Album 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee
Label Musikbetrieb ROCK
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Dax Werner, Kurt Prödel und Susi Bumms hätten allen Grund, an Erfolgsgeschichten zu glauben. Bei Twitter kommen sie zusammen auf mehr als 70.000 Follower. Als sie, nachdem sie sich dort kennengelernt hatten, eine Band gründeten, lief es ebenfalls blendend: Bevor irgendjemand wusste, wer hinter The Screenshots steckt, gab es schon viel Lob für die EPs Ein starkes Team und Übergriff, ebenso für das 2018 veröffentlichte Album Europa, das die Stücke der beiden nur digital veröffentlichten EPs zusammenfasste. „Diskurspop auf der Höhe der Zeit“, erkannte Die Zeit, für den „aufregendsten deutschsprachigen Gitarrenrock der Stunde“ lobte der Rolling Stone das Trio. Als Fans der Screenshots haben sich bereits Jan Delay, Jan Böhmermann und Mia bekannt. Der gestern veröffentlichte Nachfolger 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee hat nun gar die Top50 der deutschen Charts erreicht.

Nun singen sie in Träume, das an Bloc Party erinnert und mit einem Gastauftritt von Rapper LGoony angereichert wird: „Glaub an deine Träume / manche werden wahr“, aber dieses Vertrauen ins Versprechen von Aufstieg und Glück durch Ehrgeiz und Ausdauer ist unverkennbar ironisch gemeint. Später auf 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee gibt es mit Wir lieben uns und bauen uns ein Haus einen ähnlichen Moment: Der Song geht vom akustischen Beginn mit Cello direkt in Krawall über, das Bausparvertrag-Idyll klingt auch hier wie ein Horrorszenario.

Das ist eine der größten Stärken von The Screenshots: Sie haben gerne Spaß. Das Privileg, jung zu sein, mündet bei ihnen aber nicht in euphorische Oberflächlichkeit. Vielmehr kann man auf dem zweiten Album der Band so etwas wie Zukunftsangst ausmachen, auf die mit Sorge reagiert wird, auch eine launische Unbestimmtheit ist zu erkennen, vielleicht als einzig denkbare Reaktion auf all die Bedrohungen der Zeit und die Schwierigkeit, Zugehörigkeit herzustellen. Die Welt geht noch nicht unter heißt ein Lied, das ein wenig an Von Wegen Lisbeth denken lässt, mit auf dieser Platte seltenen akustischen Momenten entsteht darin ein wenig Leichtigkeit, die dafür sorgt, dass die wahrscheinlichen Antworten auf die Frage „Wohin steuert der Planet?“, die darin gestellt wird, zumindest etwas erträglicher werden.

Ansonsten dominiert in den elf Stücken lupenreiner Rock, nicht virtuos gespielt, aber mit viel Charakter. Die einzelnen Teile der Lieder werden eher intuitiv als kompositorisch zwingend miteinander verbunden, viele Songs scheinen vor lauter Ungestüm in Flammen zu stehen. „Ich will Zukunft“, heißt die erste Zeile im Opener Manchmal. Das Stück zeigt auch schon eine weitere Eigenheit der Screenshots: Überraschungen. Hier ist es eine bloß gesprochene Passage, im folgenden Liebe Grüße an alle ist es ein „Nananana“-Break, später ein Lied, das von von Susi Bumms gesungen wird (John Mayer ist eine schräge Anspielung auf Your Body Is A Wonderland, dessen Hit aus dem Jahr 2002).

Auch Snacks kann man als Antwortsong betrachten: Mit einem Quasi-NDW-Sound thematisiert es den Kampf der Bedürfnisse (in diesem Fall: Süßkram vs. Sex) und wird so etwas wie die Fortsetzung von Cornetto Buttermilch Zitrone von der Übergriff-EP. Airbnb berichtet vom Leben als Kurzzeit-Vermieter, das nur funktioniert, wenn man sich selbst gelegentlich auf der Couch von Freunden einquartieren kann. Für immer niemals da zählt glamouröse Erlebnisse im Lebenslauf auf, die leider nur herbeifantasiert sind und damit nicht geeignet, die eigene Insta-Inszenierung zu bereichern. Die Erkenntnis in Walter White ist tot lautet: Selbst ein unerschöpfliches Angebot an Entertainment wird irgendwann zu Übersättigung, Ermüdung und der Frage führen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben, wenn ich Netflix leergeguckt habe? j@@@@@@@ schließt das Album ab; dieses „Ja“ klingt zwar befreit, aber nicht erfreut. Es ist eher ein „Ja“ nach einer stundenlangen Folter, mit dem man ein falsches Geständnis ablegt, damit die Qualen endlich aufhören.

Eine sehr deutliche Parallele kann man hier zu den sehr frühen Tocotronic erkennen. Die lärmige DIY-Ästhetik passt dazu, auch die Lust auf Plakatives, die natürlich auch der 280-Zeichen-Schule von Twitter geschuldet ist. Als „intelligenten Stumpfsinn“ hat der Musikexpress diese Herangehensweise der Screenshots recht treffend bezeichnet. Tocotronic hätten vielleicht dazu gesagt: Pure Vernunft darf niemals siegen.

Das Video zu Träume beweist: Der Erfolg der Screenshots ist am Reißbrett konzipiert.

Website von The Screenshots.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.