Hingehört: Bloc Party – „Four“ 1


"Four" ist ein Wunder, eine Weiterentwicklung und doch typisch Bloc Party.

„Four“ ist ein Wunder, eine Weiterentwicklung und doch typisch Bloc Party.

Künstler Bloc Party
Album Four
Label Frenchkiss Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Feingefühl war schon immer eine Stärke von Bloc Party. Das Gespür für den richtigen Moment und die perfekte Balance bewiesen sie ganz oft in ihrer zehnjährigen Karriere, ob sie nun mit Paul Epworth einen Produzenten für ihr Debüt verpflichteten, der kurz darauf zum Mann der Stunde werden sollte, mit Kreuzberg (von A Weekend In The City) den zweiten Frühling von Berlin als Magnet für Kreative aus aller Welt einfingen oder zuletzt mit Intimacy ein Album völlig ohne PR und zuerst nur online veröffentlichten.

Diesmal haben sich Kele Okereke, Matt Tong, Gordon Moakes und Russell Lissack aber selbst übertroffen. Four beginnt mit etwas, das in jedem Tonstudio der Welt jeden Tag anfällt, aber normalerweise herausgeschnitten wird: Ein kurzer Wortwechsel der Band, eine Nachfrage. Auch am Ende von Real Talk und Team A sind ein paar Sekunden solcher Arbeitsgespräche zu hören. Es ist ein herrlich subtiler Hinweis auf das, was viele Musikfans kaum noch für möglich gehalten hatten: Ja, Bloc Party stehen wirklich wieder in einem Tonstudio. Sie arbeiten an neuen Songs. Gemeinsam. Als Band.

Die Zweifel, dass es diesen Moment noch einmal geben würde, waren zuletzt immens. Vier Jahre lang hatten Bloc Party kein Album gemacht, zwei Jahre lang kein Konzert mehr gespielt. Stattdessen starteten fast alle Bandmitglieder während dieser Zeit eigene Projekte, musikalisch meist weit entfernt vom Bloc-Party-Sound. Insbesondere Sänger Kele Okereke wirkte auf seinem Solo-Album The Boxer und der anschließenden Tour wie befreit, die alte Band musste zwangsläufig als Ballast erscheinen, als Auslaufmodell.

Die weltpolitischen Turbulenzen des Jahres 2011 brachten ihn dann dazu, wieder Songtexte zu schreiben, und sorgten schließlich dafür, dass er sich nach den alten Kollegen sehnte. „Obwohl ich die Soloplatte gemacht hatte, vermisste ich die Arbeitsweise meiner Band. Die kleinen Improvisationen und Andeutungen, die dann zu immer neuen Ideen führen”, schreibt er in seinem Blog. Den anderen ging es ähnlich, und so zog das Quartett im Winter 2011 gemeinsam mit Produzent Alex Newport (Death Cab For Cutie, The Mars Volta, At The Drive-In) in ein Studio in New York.

Das erste Zusammentreffen war durchaus heikel. „Wir waren alle aufgeregt und nervös wie vor der ersten Probe“, erzählte mir Bassist Gordon Moakes, als ich ihn und Schlagzeuger Matt Tong beim Melt-Festival getroffen habe.  Auch Kele Okereke erinnert sich in seinem Blog daran, dass beim Wiedersehen alles möglich gewesen wäre, auch eine Katastrophe: “Um ehrlich zu sein, hatte keiner von uns eine Ahnung, ob bei diesen Sessions irgendetwas herauskommen würde. Es gab bis zu diesem Tag ein großes Fragezeichen, ob Bloc Party jemals wieder eine Platte machen würden. Wir waren alle ausgelaugt, gelangweilt und hatten uns voneinander entfernt.“

Als die Instrumente einmal eingestöpselt waren, setzte aber schnell Erleichterung ein: „Es hat vielleicht eine Viertelstunde gedauert, bis wir gemerkt haben: Das fühlt sich gut an. Die Chemie stimmt noch“, erzählte mir Moakes im Interview. Wahrscheinlich sei es noch nie so angenehm gewesen, eine Platte mit Bloc Party zu machen wie diesmal, fügt er an. Drummer Matt Tong stimmt zu: „Wir sind eine Band, und das hat man ziemlich schnell wieder gemerkt.“ Das wieder gewonnene Zusammengehörigkeitsgefühl wirkt sich auch auf den Sound von Four aus. Bloc Party spielen immer noch genau auf den Punkt, aber sie klingen nicht mehr verkrampft. Four ist perfektionistisch, aber doch organisch.

Die Halb-Ballade Day Four mit ihren vielen Arpeggios ist ein gutes Beispiel dafür. Das Lied macht Hoffnung (auch sich selbst), und findet die perfekte Form dafür. Auch Team A, das klassischen Bloc-Party-Sound bietet, und Truth bestechen durch ein Selbstbewusstsein, das keine Effekthascherei nötig hat. Der Sound ist so einfach wie die Botschaft: „I am yours now.“

Ganz am Anfang macht So He Begins To Lie die Wiederauferstehung von Bloc Party geradezu dokumentarisch deutlich. Nach dem erwähnten Studio-Dialog erklingen ein Monster-Beat, ein Monster-Riff und dann die Stimme von Kele Okereke, die längst ein Markenzeichen geworden ist. Gegen Ende gibt es ein Crescendo, in dem sich die vier Musiker anscheinend gegenseitig ihre Virtuosität, Kraft und ihren ganz persönlichen Stellenwert für diese Band unter Beweis stellen wollen. Das Ergebnis klingt wie das gesamte Album: Four ist eine echte Bloc-Party-Platte, aus der Position der Bedrängnis heraus, die diese Band wohl niemals verlassen wird, und trotzdem frisch, überraschend, herausfordernd.

Erstmals haben sich Bloc Party im Studio auf ihre Live-Qualitäten verlassen und danach nicht mehr viel an den Aufnahmen herumgedoktert. „Wir haben früher auch oft die Instrumente live eingespielt, aber dann noch eine Menge mit den einzelnen Aufnahmespuren angestellt. Diesmal ging es mehr darum, wirklich die Performance einzufangen“, betont Matt Tong. „Früher haben wir oft die Möglichkeit genutzt, an eine bestimmte Stelle zu springen und beispielsweise nur einen bestimmten Refrain noch einmal neu einzuspielen, bis er genau richtig klang. Diesmal sollte man hören können, dass da Leute in einer Band sind, und was sie gerade spielen, ganz authentisch“, schildert Gordon Moakes die neue Arbeitsweise.

Kele Okereke gibt sogar zu: “Wir haben sonst gerne versucht, die Leidenschaft zu verstecken, mit der wir spielen. Wir wollten sie verschleiern, manipulieren, bis das Ergebnis uns nicht mehr entsprach. (…) Bei dieser Platte wollten wir uns selbst herausfordern, ohne uns auf Pro Tools zu verlassen oder dieses unsichtbare Raster, nach dem heutzutage anscheinend alle Popmusik entworfen wird. Wir wollten uns wirklich bis an die äußersten Grenzen unserer Möglichkeiten wagen, sonst wäre es sinnlos, überhaupt noch weiter zu machen.” Passend dazu bietet Four einige neue Facetten wie die Country-Elemente am Anfang von Coliseum, das dann wild, feurig und atemlos wird, Kettling, das quasi Hardrock ist, oder die Rhythmuswechsel und die angedeutete Surf-Gitarre in So He Begins To Lie.

Dazu kommen das bedrohliche 3×3, mit einer geflüsterten Strophe und einem Refrain so mächtig wie von Muse, die Punk-Gewalt von We’re Not Good People und das zurückgenommene The Healing als der Rausschmeißer im Geiste.

Die Single Octopus setzt auf ein eingängiges Piano-Riff, um das sich die Gitarren wie eine Doppelhelix ranken. Das ist genau die Mischung aus Aggression und der Suche nach Orientierung, die Bloc Party immer ausgemacht hat, und die beinahe der Sprengstoff geworden wäre, der dieser großartigen Band ein Ende bereitet hätte. Das zurückgenommene Real Talk scheint der einzige Song zu sein, der die einstigen Konflikte in der Band zumindest andeutet. Mit Shuffle-Beat, Banjo und dem zärtlichen, herrlichen Gesang klingt es wie ein Angebot zur Versöhnung, wissend um den Schatz der Vergangenheit, der unzertrennlich verbindet. „I’ve lived in every town /But here is where I find home / My mind is open / And my body is yours”, lautet der Refrain.

Die Freude, sich wieder gefunden zu haben, durchströmt auch V.A.L.I.S. Der Song ist extrem tanzbar, verspielt und voller Leichtigkeit – und damit wohl die perfekteste Entsprechung dessen, was Kele Okereke als Essenz von Four ansieht: „Die Platte ist die Musik von vier Leuten in einem Raum, die lieben, was sie tun, und die es tun, so gut sie nur können. Es ist ein Sound, den nur wir Vier so hinbekommen können, und ich bin stolzer darauf als auf irgendeine andere Platte, die ich je gemacht habe.”

Schaut mal her, alle zusammen! Das ist auch die Botschaft des Albumtrailers zu Four:

Homepage von Bloc Party.


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