The Who – „The Vegas Job“


Künstler The Who

The Who The Vegas Job Review Kritik

Den „The Vegas Job“ erledigten The Who erstmals seit ewigen Zeiten als Quintett.

DVD The Vegas Job
Label Slamdunk Media
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung

„But my dreams / they aren’t as empty / as my conscience seems to be.“ Ein Saal voller aufgeputschter IT- und Finanzleute aus dem Silicon Valley singt diese Zeilen lauthals mit, als The Who als neuntes Lied in ihrem Set des hier aufgezeichneten Konzerts Behind Blue Eyes spielen. Darin steckt mehr als nur ein bisschen Ironie.

Denn der Abend des 29. Oktober 1999, der auf The Vegas Job dokumentiert wurde, ist die erste Show seit fast 15 Jahren, bei der man die Rock-Legenden wieder als Quintett erleben kann, mit Tour-Keyboarder John Bundrick, mit dem sie erstmals 1979 auf der Bühne standen, und Zak Starkey, der am Schlagzeug den Platz des verstorbenen Keith Moon einnimmt (was er bis heute tut, wenn er nicht gerade für Oasis trommelt oder sich am Leben als Sohn von Ringo Starr erfreut). Vor allem aber soll der Auftritt das Highlight von „Pixelon’s iBash“ sein. So heißt die Party zum Start der im Jahr zuvor gegründeten Software-Firma Pixelon, für die man nicht nur The Who und etliche andere Musikstars engagierte, sondern für geschätzte Gesamtkosten von 16 Millionen Dollar gleich das gesamte MGM Grand Hotel und Casino gemietet hat. Die Einnahmen des Konzerts sollen an wohltätige Einrichtungen gehen, das Event als Videostream im Web für mehr als eine Million Zuschauer übertragen werden.

Lustigerweise funktioniert der Stream nicht, pikanterweise sollte genau diese Streaming-Technologie aber das Kerngeschäft von Pixelon sein. Der Firmenboss wird kurz darauf als Scharlatan entlarvt, schon ein Jahr nach der pompösen Launch-Party ist die Firma pleite. Mit diesem Reinfall war Pixelon eine der Firmen, die kurz darauf die Dotcom-Blase zum Platzen brachte. Die Sache mit den leeren Träumen und dem nicht vorhandenen Bewusstsein hätte also nicht zutreffender sein können.

Der Musik schadet dieser Kontext natürlich in keiner Weise. I Can’t Explain eröffnet das Konzert grandios brachial, das folgende Substitute zeigt, dass Roger Daltrey zu dieser Zeit stimmlich nicht so gut in Form war wie optisch, das Blues-Knödeln bekommt er jedenfalls deutlich besser hin als die hohen Töne. Anyway, Anyhow, Anywhere überrascht mit einem Gitarrensolo, das abenteuerlich ist, offensichtlich auch für Pete Townshend selbst im Moment seines Entstehens. Baba O’Riley bekommt ein Mundharmonikasolo von Roger Daltrey verpasst und zeigt dann: Der „We’re all wasted“-Moment hat immer noch sagenhafte Kraft.

Ohnehin ist kaum zu fassen, wie viel Musikgeschichte allein in den ersten 20 Minuten dieses Konzerts steckt. Man merkt den Fans in Las Vegas an, wie euphorisiert sie sind, dabei sein zu können, und auch The Who selbst sind hier inspiriert und kraftvoll. Für Magic Bus scheint einzig der Ausdruck „orgiastisch“ angebracht zu sein, und das gilt für das Finale der meisten Lieder an diesem Abend. Gerade die Tatsache, dass hier eine vergleichsweise neue Besetzung für ein singuläres Event statt im Rahmen einer kompletten Tournee spielt, lässt in keinem Moment der knapp 90-minüten Show den Eindruck von Routine aufkommen. Vor The Kids Are Alright als der ersten Zugabe sagt Pete Townshend nicht nur, dass es sich wie das erste gemeinsame Musizieren seit 15 Millionen Jahren anfühle, sondern sendet auch den treffenden Abschiedsgruß ins Publikum: „Thank you for coming and watch us experiment on you.“

Neben den 14 Liedern, die The Vegas Job enthält, sorgt natürlich auch das Miteinander auf der Bühne für Spannung. Kennt man die prekäre Beziehung zwischen den Bandmitgliedern, ist dieser Abend erst recht erstaunlich. Roger Daltrey trägt seine Lederweste so stolz wie in den Seventies, Bassist John Entwistle (der drei Jahre später seinem Krebsleiden erlag) kommt mit einem ebenso aus der Zeit gefallenen Goldjäckchen auf die Bühne, Pete Townshends Hemd scheint aus dem Kleiderschrank von Charlie Harper zu stammen. Nach Who Are You erkennt er, dass er Blutspritzer auf diesem Hemd hat, Daltrey bietet daraufhin an, es für ihn zu waschen – natürlich ist das ein sarkastischer Gag zwischen diesen Egos, die auch hier wieder herrlich passiv-aggressiv um die Vorherrschaft bei The Who kämpfen. Daltreys bevorzugte Waffe dabei ist das Mikrofonkabel als Lasso, Townshend hat seine legendäre Windmühle an der Gitarre im Arsenal, die eben auch mal für Verletzungen an den eigenen Fingern als Kollateralschaden sorgen kann.

Es gibt keine Herzlichkeit auf der Bühne, wenig Kommunikation mit dem Publikum und fast keine Gespräche zwischen den Bandmitgliedern, aber immerhin stehen die drei Gründungsmitglieder erstaunlich nahe beieinander, haben gelegentlich Blickkontakt, tanzen bei 5:15 kurz nebeneinander und gönnen sich am Ende des Konzerts ein paar halbherzige Umarmungen. Daltrey hatte die Zuschauer nach rund 10 Minuten mit dem Hinweis „A bloody long time since we played that one“ begrüßt – gemeint war Pinball Wizard, aber offensichtlich steckte darin doch auch ein bisschen Freude darüber, die glorreichen Zeiten mit den Jungs von früher noch einmal aufleben zu lassen, auch wenn die Gräben zwischen den Musikern mittlerweile tief sind. Als Bonusmaterial gibt es auf der DVD sehenswerte Interviews mit Daltrey und Entwistle – natürlich getrennt voneinander.

Der Trailer zur DVD von The Vegas Job.

Website von The Who.

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