Interview mit Roger Daltrey


Roger Daltrey muss im Mittelpunkt stehen - auf der Bühne erst Recht.

Roger Daltrey muss im Mittelpunkt stehen – auf der Bühne erst Recht.

Wenn man einen Prototyp des Frontmanns für eine Rockband sucht, dann kommen dafür nicht viele Leute in Frage. Robert Plant und Steven Tyler vielleicht. Und natürlich Roger Daltrey. Der gelernte Blechschweißer gründete 1961 die Detours, die sich später in The Who umbenannten. Spätestens, seit er in der Verfilmung von Tommy die Hauptrolle gespielt hat, ist er nicht nur die Stimme, sondern auch das Gesicht der Band. Im Gespräch vor dem Konzert in Madrid äußert sich der 63-Jährige locker und gut gelaunt zum eigenen Status, zur nächsten Generation und zu seinem konfliktträchtigen Verhältnis zum Bandkollegen Pete Townshend.

Frage: Die ersten Shows sind gespielt: Wie gefällt Ihnen der bisherige Verlauf der Tour?

Daltrey: Man ist nie komplett zufrieden. Man will eigentlich immer zurück auf die Bühne und das Konzert noch einmal spielen. Wenn ich jemals wirklich jeden Abend hundertprozentig zufrieden mit der Performance wäre, würde ich aufhören. Es ist wie bei einem Maler, der sein Bild auch nie für vollendet hält. Aber irgendwann muss er schließlich aufhören, daran zu arbeiten.

Frage: Sie singen einige Songs des Who-Repertoires nun schon seit 40 Jahren. Wie gehen Sie damit um?

Daltrey: Ich stelle mir bei jedem Konzert vor, dass ich einen Song zum allerersten Mal singe. Ich versuche immer, eine neue Dimensionen darin zu finden. Die Songs von Pete sind, um es vorsichtig auszudrücken, ziemlich kompliziert und außerdem in sehr hohen Tonlagen. Man braucht viel Energie, um sie zu singen. Und daran hat sich für mich nichts geändert.

Frage: Aber bei allem Einsatz zertrümmern Sie keine Instrumente und Mikrofone mehr wie in den 1960ern. Wie stehen Sie rückblickend dazu?

Daltrey: Mir hat das damals echt Spaß gemacht (lacht). Aber es ist schade, dass die Leute darin nicht das erkannt haben, was es war: eine Kunstform. Es ging nicht nur ums Kaputtmachen. Wir haben damit einen Sound geschaffen. Das Geräusch, das entsteht, wenn eine Gitarre zersplittert, war ein Symbol für das, was sich die Menschen damals gegenseitig angetan haben. Die Gitarre schreit auf, als ob sie geschlachtet wird. Ich habe das geliebt.

Frage: Aus der wilden Zeit können Keith Moon und John Entwistle mittlerweile nicht mehr dabei sein. Hatten Sie deshalb Skrupel, als The Who auf Tour zu gehen?

Daltrey: Nein, niemals. Weil es meine Band ist. Ich habe diese Band schließlich gegründet. Als John gestorben ist, haben wir wirklich hart mit uns gerungen; auch damals schon, als Keith gestorben war. Aber die Musik, die wir gemacht haben, ist in vielerlei Hinsicht wichtiger als die Personen, von denen dieser Sound geschaffen wurde. Ich denke, dass Musik, Kunst und Theater die letzten großen Freiheiten sind, die wir in der heutigen Zeit noch haben. Deshalb war es die richtige Entscheidung. Die Idee, für die John und Keith gestanden haben, lebt weiter.

Frage: Warum sollten Teenager heute noch The Who hören?

Daltrey: Ich werde niemandem vorschreiben, welche Musik er zu hören hat. Aber wenn man eine der großen Gitarrenlegenden sehen will und einen der bedeutendsten Pop-Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, dann führt kein Weg an Pete Townshend vorbei. Es gibt nur ganz wenige Genies, die so viel für die Musik getan haben. Pete steht da sicher in einer Reihe mit Brian Wilson oder Lennon/McCartney. Und er ist ein völlig eigenständiger Gitarrist. Sein Sound kommt aus dem Nichts, es ist einfach Townshend.

Frage: Wie war es, nach mehr als 20 Jahren wieder mit Pete im Studio zu stehen?

Daltrey: Es war schwierig, vor allem, weil wir kaum zusammengearbeitet haben. Pete hat die Musik gemacht und ich habe dann später dazu gesungen. Ich hasse diese Arbeitsweise, ich bin lieber gemeinsam mit der Band im Studio. Ich mag die Interaktion zwischen den Musikern und was aus ihren Gedanken entsteht, aber Pete möchte die totale Kontrolle haben. Das war schwierig für mich, um es vorsichtig zu formulieren. Es hat keinen Spaß gemacht. Es war, als müsste ich in einem Loch singen. Aber ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Es ist ein gutes Album, aber wenn wir die Songs live spielen, klingen sie besser.

Frage: Wie fühlt es sich an, auch die jüngere Generation im Publikum und auf der Bühne zu haben?

Daltrey: Das ist fantastisch. In den USA hatten wir bei unseren Konzerten gerade die Fans der ersten Stunde im Saal – zusammen mit ihren Kindern und Enkeln. Man sieht, dass die Musik ein Echo in die Welt wirft, das immer wieder zurückkommt. Wenn ich My Generation singe, meine ich damit wirklich meine Generation. Aber junge Leute im Publikum sollen über ihre eigenen Altersgenossen singen, wenn sie diesen Song im Kopf haben. Denn nur so entwickeln wir uns weiter.

Frage: Welche jungen Bands gefallen Ihnen?

Daltrey: Ich verfolge das aktuelle Geschehen genau, auch wegen meiner Benefiz-Konzerte, die ich in England veranstalte. Da gibt es natürlich immer den obligatorischen Alte-Säcke-Abend, aber auch neue Acts. Für dieses Jahr hätte ich gerne die Arctic Monkeys gehabt, aber sie haben leider keine Zeit.

Frage: Die Arctic Monkeys integrieren als Rockband auch Funk und Hip-Hop in ihren Sound. Es scheint zwischen den Genres keine Grenzen und zwischen den Fans keine echten Feindschaften mehr zu geben. In Quadrophenia haben sich dagegen Mods noch Schlachten mit Rockern geliefert. Sind Musikfans einfach toleranter geworden? Oder zeigt das vielleicht, dass ihnen Musik heute nicht mehr so viel bedeutet?

Daltrey: Ich denke, das hat mit der Geschichte zu tun. Die Bands in den 1960ern schienen aus dem Nichts zu kommen. Heute kann man jede Musikrichtung auf ihre Ursprünge zurückführen. Du kannst die Blätter sehen, die Äste, den Stamm und die Wurzeln. Deshalb erkennen die Leute jetzt die Zusammenhänge, sie sind toleranter geworden. Vielleicht ist die Musik heute aber wirklich nicht mehr so bedeutend. Wenn man sieht, dass immer weniger Platten verkauft werden, dann macht mir das Sorgen. Denn kaum etwas kann den Menschen so viel geben wie die Musik.

Frage: Nehmen Sie aus dieser Erkenntnis auch die Stärke, nach 40 Jahren noch immer Musik zu machen und auf Tour zu gehen?

Daltrey: Ja. Ich bin so etwas wie der lebende Beweis. Ohne Musik wäre mein Leben wahrscheinlich ein Desaster geworden. Ich würde wohl immer noch am Fließband in irgendeiner Fabrik stehen und Songs von Elvis Presley und Gene Vincent singen. Musik hat mein Leben gerettet.

Nach dem Interview gab Roger Daltrey erst Recht alles: I Can’t Explain, live in Madrid:

Homepage von The Who.

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