Wanda, Haus Auensee, Leipzig


Wanda Konzertkritik Leipzig

Marco Wanda vereinnahmt die Fans in Leipzig als „Schatzis“. Foto; Universal Music

Der Kabarettist Volker Pispers hat einmal eine schöne Feststellung gemacht: Die Menschen gehen ins politische Kabarett, also auch zu ihm, wie zu einem Ablasshändler. Sie wissen, dass man eigentlich das Klima retten, die Schwachen stärken und wahrscheinlich die Linkspartei wählen sollte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie gehen dann in sein Programm und lassen sich humorig noch einmal erklären, warum das so ist. Am Ende der Show können sie sich moralisch bestätigt fühlen. Sie sind auf der guten Seite, im Einklang mit einem ganzen Saal voller Menschen, die nicht bloß blauäugig den Planeten an die Wand fahren, sondern genau wissen, was zu tun wäre. Eigentlich. Theoretisch. Im Prinzip. Und dann fahren sie mit dem SUV nach Hause, tricksen bei der Steuererklärung und wählen wahrscheinlich die Merkel – können mit der Kabarett-Eintrittskarte als „Ablassbrief“ aber nachweisen, dass sie es besser wissen. Eigentlich. Theoretisch. Im Prinzip.

Dieses Phänomen lässt sich auch wunderbar beim Konzert von Wanda im Haus Auensee beobachten. Die Band aus Österreich verbreitet ein Image von alternativem Lebensentwurf, Nonkonformismus und maximaler Individualität. Allen voran Frontmann Marco Michael Wanda (bürgerlich: Michael Marco Fitzthum) gibt sich gerne als Libertin, liebeskranker Nachtmensch und an der Härte der Welt leidender Romantiker, der ein bisschen Trost allenfalls noch bei Rotwein, Kippen und Weibern finden kann. Wanda ziehen damit ein Publikum an, das sich nach genau diesem Ausbruch, dieser Freiheit und wohl auch nach diesem Exzess sehnt – aber davor zurückschreckt, das alles wirklich selbst auszuleben.

Das wäre nicht schlimm, denn (auch) als solche Identifikationsflächen wurden Rockbands ja einst erfunden. Das Problem bei Wanda ist: Die Band selbst lebt ihr vermeintliches Credo nicht. Ihre Texte glorifizieren Heimat, eine Zeit ohne all die anstrengenden Technologien unserer Tage, einen sehr altmodischen Machismo und das unverbrüchliche Band zwischen Freunden – also die denkbar konservativsten Werte. Auch im Sound sind sie spätestens seit dem aktuellen Album Niente in keiner Weise von Schlager zu unterscheiden.

Die Fans in Leipzig (im Alter von 15 bis 55, im Look von Bürokaufmann bis LGBT) scheint das nicht zu stören. Sie kommen ganz offensichtlich ins Konzert, um kurz zu spüren, wie das Leben sein könnte, wenn man bloß nicht so ein ängstlicher Spießer wäre. Sie bekommen ein paar ordnungsgemäß an genialische Rebellen gemahnende Posen (zwischen dem Auftritt von Support Ansa Sauermann und ihrer eigenen Show erdreisten sich Wanda tatsächlich, zwei Songs von Oasis und gleich sechs von den Beatles laufen zu lassen; Marco Wanda singt den Opener Bologna mit einem Handtuch über dem Gesicht; Bassist Ray Weber raucht auf der Bühne) und viel kalkulierte Pseudo-Dekadenz.

Luzia ist der zweite Song und macht deutlich (wie einige andere Stücke auch), warum man in unserem Sprachraum für das Schlagzeug bei weniger filigranen Drummern mal den Begriff „Schießbude“ entwickelt hat. Das anschließende Auseinandergehen ist schwer beweist, dass trotz der offenkundigen Bewunderung im ausverkauften Haus Auensee nach wie vor niemand die Musik von Wanda so geil findet wie Marco Wanda selbst. Es folgen Schickt mir die Post, Lieb sein und Weiter, weiter, bevor der Sänger die Fans in Leipzig nach reichlich 20 Minuten begrüßt und willkommen heißt, um sie etwas später im Konzert als „Meine Schatzis“ in sein Herz zu schließen.

Trotz des überkandidelten Café Kreisky und des kitschigen Einfacher Bua ist das ungefähr noch einmal 20 Minuten lang halbwegs zu ertragen, vor allem durch die Begeisterung der Fans, die etwa den Beginn von Meine beiden Schwestern ganz alleine singen dürfen und so für einen der besten Momente des Konzerts im Haus Auensee sorgen. Spätestens bei Stehengelassene Weinflaschen ahnen dann aber auch einige Nicht-Wanda-Hasser im Leipziger Publikum, wie langweilig diese Musik ist. Bei Ich will Schnaps ist nicht nur wegen des Songtitels plötzlich sehr viel Betrieb an der Bar – auch hier brauchen offensichtlich einige Besucher schleunigst Alkohol-Nachschub, um die eigene Laune nicht einbrechen zu lassen. Als dann auch noch Ein letztes Wienerlied folgt, ist das für mehrere Fans eine gute Gelegenheit, sich schon einmal die Jacke von der Garderobe zu holen.

Mit Ich sterbe (verstärkt durch vier maskierte Bläser) und Columbo (das live noch mehr nach Klaus Lage klingt als auf Platte) als letzten Songs des regulären Sets und der folgenden Zugabe bekommen Wanda zwar noch einmal halbwegs die Kurve, und wenn zwischendurch einmal die Stimmung durchhängt, hilft stets ein wahllos skandiertes „Amore“ von Marco Wanda, um die Fans wieder für ein paar Sekunden zu euphorisieren. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass hier knapp 4000 Menschen versammelt sind, die genau das Richtige wollen (Ausbruch, Selbstverwirklichung, Liebe), aber von einer Band verarscht werden, die ihnen die Möglichkeit auf all das nur vorgaukelt.

Wie das Kabarett von Volker Pispers trägt die Musik von Wanda gerade nicht dazu bei, etwas in Richtung Ausbruch, Selbstverwirklichung und Liebe zu verändern. Stattdessen bietet diese Show ein Ventil, um 90 Minuten lang die Sehnsucht danach zu artikulieren und danach wieder in den Alltag zurückzukehren, ein bisschen selig und mit ein bisschen weniger Wut im Bauch. Der Schlachtruf „Amore“ beflügelt nicht den Aufbruch, sondern verfestigt die Zustände. Anders als Volker Pispers, der sich der Ironie der Situation bewusst ist, wenn Leute über die Engstirnigkeit, Kurzsichtigkeit und Doppelmoral der Gesellschaft lachen und dann genau in diese Gesellschaft zurückkehren und bereitwillig Teil von ihr sind, merken Wanda allerdings offensichtlich nichts davon. Deshalb sind die keine Freigeister, sondern Scharlatane.

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