Sportfreunde Stiller, Werk 2, Leipzig


Gute Laune im Werk 2 - das war zu erwarten.

Gute Laune im Werk 2 – das war zu erwarten.

Warum gehst du zu einem Sportfreunde-Stiller-Konzert? Diese Frage wollte ich vor dem Auftritt im Werk 2 in Leipzig eigentlich zehn zufällig ausgewählten Fans stellen. Denn ein bisschen rätselhaft ist das ja schon: Wer virtuosen Gesang will, filigrane Soli oder poetische Texte, der ist hier falsch. Wer sich als Rocker betrachtet, wird genervt sein von Keyboards und Streichern, wer auf hübsche Liebeslieder steht, dürfte von dem einen oder anderen Riff vor den Kopf gestoßen werden. Und auch die Motivation, sich als Teil einer Szene aufgehoben fühlen zu können, fällt hier weg: Zu den Sportfreunden Stiller kommen die Menschen, die von Soziologen vielleicht als „die Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet werden.

Leider gehöre ich auch in irgendeiner Weise zu dieser Mitte der Gesellschaft und deshalb bleibt zwischen Feierabend und Konzertbeginn nur noch Zeit für zwei Käsebrote. Nicht für eine unrepräsentative Fanbefragung. Diese Idee kann also gerne ein anderer Blogger aufgreifen, die Sportfreunde sind schließlich in den kommenden Tagen noch in Hamburg, Köln, München und Berlin zu sehen.

Die Frage, warum die Fans in Scharen zu einem Sportfreunde-Konzert kommen, beantwortet dann aber die Show im Werk 2 ziemlich eindeutig. Die Schnittmenge aller möglichen Motivationen heißt wohl: „Weil sie sind wie wir.“ Es gibt genug Kinder im Publikum in Leipzig, um zwei Fußballmannschaften zu bilden. Es gibt Pärchen. Es gibt beste Freundinnen und Jungsgruppen. Es gibt Schnösel und Tätowierte – und es gibt eine kaum zu fassende Hingabe und Einigkeit. Die Handykameras, die im Werk 2 in Betrieb sind, filmen oft nicht das Geschehen auf der Bühne, sondern die Begeisterung der Menschen, die man mitgebracht hat. Das ist durchaus symbolisch, und man kann angesichts solcher Szenen sicher sein: Wenn dieses Land nur Burlis als Einwohner hätte, wäre es vielleicht nicht sonderlich schick und weltoffen, aber immerhin sehr sozial, anständig und ungefährlich.

„Die Sportfreunde Stiller und Leipzig, das ist etwas Besonderes – jedenfalls von unserer Seite“, lautet eine der ersten Ansagen von Peter Brugger. In der Tat können die Münchner auf eine ziemlich eindrucksvolle Liste von Konzerten in der Messestadt zurückblicken (nicht nur hinsichtlich der Anzahl, sondern auch hinsichtlich der Qualität). Der Abend im Werk 2 reiht sich mühelos ein.

Die Show beginnt wie das neue Album New York, Rio, Rosenheim mit Eine Hymne auf dich. Es folgen Ein kleiner Schritt, Frühling, 7 Tage, 7 Nächte und dann Wieder keinen Hit, und dieser Fünferpack ist prototypisch für eine sehr lockere Mischung als alten Krachern und brandneuem Material. Als direkt nacheinander Siehst du das genauso und Ein Kompliment erklingen, ist ein Euphorie-Pegel erreicht, bei dem auch der größte Zyniker auf der Suche nach dem Sportfreunde-Mysterium anerkennen müsste: Es gibt, erst recht nach dem Ende von Wir sind Helden, wenige deutsche Lieder, die den Menschen so viel bedeuten. Und es gibt erst recht keine deutsche Band, die banale bis hirnrissige Zeilen plötzlich bedeutungsvoll wirken lassen kann, bloß durch Wille, Optimismus und Sympathie.

Am Ende von Heimatlied klettert Peter auf eine Monitorbox und lässt sich auf dem Gipfel fleißig bejubeln, nicht nur deshalb ist das ein Höhepunkt des Konzerts. Nach einer guten Stunde und einem sehr schönen Fast wie von selbst ist erst einmal Schluss, dann gibt es noch zwei Zugabenblöcke. Lass mich nie mehr los eröffnet den ersten davon, der dann auch noch Ich, Roque und das schräge Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden) mit dem obligatorischen Instrumententausch zu bieten hat, bevor Peter bei Auf der guten Seite zum Crowdsurfer wird.

Die zweite Zugabe startet mit dem sehr spaßigen Unter unten, das schon jetzt sein Potenzial als Festivalkracher offenbart. Wellenreiten und Wie lange wollen wir noch warten (als Reggaeversion) machen dann den Abschluss. Die Mitte der Gesellschaft geht dann mit grinsendem Gesicht (oder mit todmüden Kindern auf den Schultern) hinaus in die Leipziger Nacht. Sie ist noch immer kein bisschen cool. Aber sehr, sehr zufrieden.

Okay, manchmal waren die Handykameras auch auf die Bühne gerichtet:

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