Draufgeschaut: Populärmusik aus Vittula


Film Populärmusik aus Vittula

Matti (Max Enderfors, links) und Niila (Andreas af Enehielm) träumen von einer Musikkarriere.

Matti (Max Enderfors, links) und Niila (Andreas af Enehielm) träumen von einer Musikkarriere.

Produktionsland Finnland, Schweden
Jahr 2004
Spielzeit 100 Minuten
Regie Reza Bagher
Hauptdarsteller Max Enderfors, Andreas af Enehielm, Niklas Ulfvarson, Tommy Vallikari
Bewertung

Worum geht’s?

Selbst für schwedische Verhältnisse geht es in Pajala zu Beginn der 1960er Jahre überaus beschaulich zu. Die Gegend nördlich des Polarkreises an der Grenze zu Finnland ist weit weg von irgendeiner Hochburg der Swinging Sixties, trotzdem entdecken Matti und sein Jugendfreund Niila hier den Rock’N’Roll – und damit einen Ausweg aus der Provinz. Doch dem Traum vom Leben als Musiker steht nicht nur der Mangel an Instrumenten im Weg, sondern auch der Widerwille der Eltern. Erst, als Jahre später ein neuer Musiklehrer an ihrer Schule anfängt, können Matti und Niila wirklich eine Band gründen – die Probleme nehmen damit aber noch längst kein Ende.

Das sagt shitesite:

Es ist ein durchaus bedeutender Aspekt für die Verfilmung des Romans von Mikael Niemi, dass Regisseur Reza Bagher aus dem Iran stammt. Schon die Vorlage von Niemi hatte die Sitten und Gebräuche, die Rivalitäten, Dialekte und lokalen Legenden in Pajala reichlich befremdlich erscheinen lassen. Für jemanden, der – anders als Niemi – nicht aus der Gegend kommt, muss das Ganze noch seltsamer wirken. Das sieht man Populärmusik aus Vittula an: Bagher nimmt sich viel Zeit, um die Landschaften, Saufgelage und Familienverhältnisse mal kauzig, mal psychedelisch zu inszenieren, und er lässt dabei schon einmal Figuren fliegen, Wälder in Flammen aufgehen oder gitarrespielfördernde Missbildungen entstehen.

Der Rock’N’Roll wird in Populärmusik aus Vittula zur mystischen Kraft, seine Ursprünglichkeit findet ihre Entsprechung im Tosen der Flüsse, der Weite des Landes und der überbordenden Lebendigkeit der Tierwelt. Das Erweckungserlebnis von Matti und Niila, als sie zum ersten Mal Rock And Roll Music von Chuck Berry hören (die Schallplatte hat ein Cousin aus Amerika mitgebracht, der zur Beerdigung der Großmutter nach Pajala gekommen ist), wird als euphorisierender Schock geschildert, dessen Wirkung nie mehr nachlässt. Auch die ersten Gehversuche des Duos, heimlich und ohne echte Instrumente beim Posen in der Scheune, oder der großartige Auftritt vor der Schulklasse fangen die unwiderstehliche Kraft und subversive Faszination dieser Musik wunderbar ein.

Viel mehr ist Populärmusik aus Vittula aber eine Geschichte über Freundschaft, die bei Matti und Niila gelegentlich ins Homoerotische kippt und sich am Ende der Zerreißprobe unterschiedlicher Lebensentwürfe stellen muss. Und eine Erzählung über die Provinz und das globale Schicksal all ihrer Kinder: Sie werden hineingeboren in eine Welt aus Missbrauch, Intoleranz und jahrhundertealten Rivalitäten, mit denen sie nichts zu tun haben wollen, zu deren Statthaltern sie aber auserkoren sind.

Bestes Zitat:

„Wir klangen schrecklich. Aber es kam von Herzen.“

Der Trailer zum Film:

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