Durchgelesen: Danny Wallace – „Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto“


Autor Danny Wallace

Vom Leben als Zitat erzählt der zweite Roman von Danny Wallace.

Vom Leben als Zitat erzählt der zweite Roman von Danny Wallace.

Titel Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto
Originaltitel Who is Tom Ditto?
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Tom ist erschüttert. Seine Freundin Hayley ist weg. Knall auf Fall, über Nacht aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden. Was die Sache noch mysteriöser macht, ist der Brief, den sie ihm hinterlassen mit der seltsamen Botschaft: „Ich habe dich nicht verlassen. Aber ich bin weg. Mach bitte weiter wie immer.“

Diese geheimnisvolle Szene steht am Beginn des zweiten Romans von Danny Wallace. Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto wäre schon allein als Liebeskummergeschichte höchst lesenswert: Tom, der als Nachrichtensprecher im Frühstücksradio arbeitet und extra wegen Hayley von Bristol nach London gezogen war, verliert völlig den Boden unter den Füßen.

Das Verschwinden von Hayley macht dem Mittdreißiger nicht nur klar, dass sie vielleicht wirklich die Liebe seines Lebens war, sondern auch, wie sehr er sich auf eine Zukunft mit ihr verlassen hatte. „Wo war Hayley hin? Ich glaube, das war für mich die entscheidende Frage. Aber natürlich fragte ich mich auch: Warum war sie weg? Wie lange würde sie wegbleiben? Warum wusste ich nicht, wo sie hin war? Warum hatte ich nichts davon gewusst, dass sie weggehen wollte? Warum sagte sie, dass sie mich nicht verlassen hatte, obwohl es doch offensichtlich war?“, wird diese Erschütterung gleich auf den ersten Seiten auf den Punkt gebracht. „Fast zwei Jahre waren wir zusammen. Wir hatten Verpflichtungen. Wir hatten Daueraufträge.“

Das Wundervolle an Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto ist, dass Danny Wallace sich keineswegs auf diesen Handlungsstrang beschränkt. Er bietet noch zwei weitere faszinierende, sich spektakulär entfaltende Ideen. Tom geht nämlich auf Spurensuche, und das Wenige, das er findet, bringt ihm Hayley nicht näher, sondern führt ihn zu der Frage: Kannte er Hayley überhaupt? Er entdeckt, dass sie Mitglied in einer schrägen Selbstfindungsgruppe namens „CC“ war, mit einem obskuren Hobby: Die Mitglieder suchen sich Unbekannte auf der Straße aus und imitieren sie dann in allem, was sie machen. Sie gehen dahin, wo sie hingehen. Sie kaufen dasselbe ein, tragen dieselben Klamotten, essen in denselben Restaurants. Sie erleben ihren Alltag mit – und ihre Abenteuer.

Unterbrochen wird die Handlung regelmäßig von Passagen aus einem Interview mit dem imaginären Professor Ezra Cockroft, aufgezeichnet im Jahr 1984. Cockroft war der Begründer der CC-Bewegung und in dem Interview entwickelt er aus der einfachen Idee, wildfremde Menschen nachzumachen, eine komplette Theorie mit hoch interessanten Gedanken rund um das Wesen von Identität, Autorschaft und Biografie.

Der Ich-Erzähler Tom weiß nichts von diesem Interview, doch für den Leser offenbaren sich nach und nach spannende Parallelen. Noch auf eine andere Weise treibt Wallace ein geschicktes Spiel mit seinen Figuren und seinem Publikum: Manchmal spricht er den Leser direkt an, manchmal erwähnt er sein eigenes Schreiben („Igitt. Sie hatte das Wort ‚Burner’ verwendet. (…) Ich wusste nicht, ob ich mit jemandem arbeiten konnte, der das Wort ‚Burner’ verwendet. Andererseits habe ich gerade eben ‚igitt’ geschrieben.“) – und zwar so beiläufig, dass man beinahe versucht ist, es nicht für ein Stilmittel zu halten.

Das Beste an diesem Roman ist aber die Idee der CC-Bewegung, die Tom zunächst abstoßend und krank findet. Um das Rätsel von Hayleys Verschwinden lösen zu können, ist sie aber sein einziger Anhaltspunkt, so dass er sich notgedrungen genauer damit beschäftigen muss. Pia, ein anderes Mitglied der CC-Gruppe, leitet ihn dabei an. „Da draußen wartet eine ganze Welt auf dich. Milliarden Menschen, die Milliarden Dinge tun. Glaubst du wirklich, dass nichts von diesen Milliarden Dingen besser ist als das, was du gerade tust?“, fragt sie und findet damit eine noch bessere Erklärung des CC-Konzepts als es dessen Erfinder Ezra Cockroft („Man lässt sich von dem Spaß, den andere Leute haben, huckepack nehmen.“) in seinem Interview gelingt.

So bringt sie Tom tatsächlich auf den Geschmack. Er ist überrascht, wie viele Facetten und Abenteuer es gibt, „wie sich die Menschen vor meinen Augen entwickelten, wie Film in der Dunkelkammer“. Er fängt an, selbst wildfremden Menschen zu folgen, zunächst mit Pia, dann auch alleine. Spannend ist dabei nicht nur, was sie entdecken, sondern auch das, was unentdeckt bleibt, die beiden Enden eines Lebens, das Davor und Danach, die Geschichte und Zukunft ihrer Opfer/Versuchspersonen.

Durch dieses Konzept hinterfragt Danny Wallace geschickt die Überhöhung der Individualität, er greift aktuelle Phänomene wie die Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken und sogar neuste Forschungsergebnisse wie die verschiedenen Studien zur Funktion von Spiegelneuronen auf. Er stellt die These in den Raum, dass Leben gar nicht anders funktionieren kann denn als Zitat und Imitation.

Zu dieser Ernsthaftigkeit und Tiefe passt, dass der Roman – in dem natürlich eine riesige Dosis Humor steckt – deutlich düsterer daherkommt als die bisherigen Werke von Danny Wallace (Der Ja-Sager, Auf den ersten Blick). Besonders beeindruckend ist die Passage, in der Tom erklärt, wie sich seine Depression anfühlt – noch nie hat es jemand geschafft, mir das Wesen dieser Krankheit so anschaulich und eindringlich zu vermitteln. „Man stelle sich etwas Klammes vor. Neblig. Verschwommen. Man stelle sich das Moos an einem ansonsten gesunden Baum vor, eine Öllache auf Wasser. Ein Geschwür, ein Hindernis, man stelle sich vor, was einem als Erstes einfällt. Es hat nichts mit dem halb leeren Glas zu tun – man sollte es nicht mit Pessimismus verwechseln. Es geht um die totale, alles verzehrende Überzeugung von der eigenen Wertlosigkeit, eine hilflose Hoffnungslosigkeit, die sich auf alles auswirkt, von dem Moment an, in dem man das bemerkt, was manche den schwarzen Hund nennen… er lauert im Augenwinkel. Man muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass er da ist, man hört ihn hecheln, man hört ihn sich setzen, und genau diesem Augenblick verlässt alles Wohlbefinden und Selbstwertgefühl den Körper – wie ein Geist. Und wie in einem Traum, in dem man keinen Halt findet, kann man nur hilflos zusehen, wie man ihn verliert, und muss der Leere und Verzweiflung und Erschöpfung ihren Platz an der Tafel zugestehen. Vorsicht vor der steigenden Flut, Vorsicht vor dem aufkommenden Nebel, Vorsicht vor dem Hund, der an seiner Kette zerrt.“

Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto ist clever, aber nicht clever-clever, von großer Herzenswärme getragen, aber nicht rührselig. Und dieses Buch ist vor allem, wie es Wallace’ Schriftstellerkollege John Niven genannt hat, „verflucht intelligent“.

Bestes Zitat: „Man sieht heutzutage immer häufiger, dass es leichter ist, durch jemand anderen zu leben, als sich selbst zu vervollkommnen.“

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