Fredrik T. Olsson – „Das Netz“


Autor Fredrik T. Olsson

Das Netz Fredrik T. Olsson Kritik Rezension

Mit „Das Netz“ setzt Fredrik T. Olsson seinen Erfolgsroman „Der Code“ fort.

Titel Das Netz
Originaltitel Ett vakanda öga
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Es war fast ein Stöhnen, was da auf der Bühne zu vernehmen war. Ich hatte eine Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse besucht, unter der Überschrift „Die nordische Literaturnacht“. Zu Beginn führten die Gastgeber ins Thema ein, darunter Beauftragte von Norwegian Literature Abroad Fiction and Non-Fiction oder vom Finnland-Institut in Deutschland. Dann trat eine Vertreterin der schwedischen Botschaft ans Mikrofon und schwärmte von der lebendigen Literaturszene ihres Heimatlands, bis ihr der Stoßseufzer entfuhr: „Wir haben wirklich nicht nur Krimis!“

Dass man diesem Klischee immer noch aufsitzt, liegt an Leuten wie Fredrik T. Olsson. Geboren 1969, hat er vor zwei Jahren seinen ersten Thriller veröffentlicht. Der Code wurde prompt in mehr als 25 Sprachen übersetzt, auch die Filmrechte sind bereits verkauft. Jetzt lässt der Schwede mit Das Netz den zweiten Teil der Reihe folgen, und wieder ist es ein Buch mit so großen Dimensionen, dass man sich mühelos daran verheben könnte. Es geht um Schöpfung und Tod, Loyalität und Terror, Weltuntergang und Überwachung (Ein wachendes Auge lautet die wörtliche Übersetzung des Originaltitels). Doch Olsson meistert diese Themen beinahe schon routiniert.

Wie schon in Der Code ist die Hauptfigur auch diesmal William Sandberg, Kryptologe im schwedischen Verteidigungsministerium. Er steht kurz vor der Scheidung von seiner Frau Christina, Chefredakteurin bei einer großen Abendzeitung. Beide suchen seit Jahren nach ihrer Tochter Sara, die ins Drogenmilieu abgerutscht ist.

Als es in Stockholm und weiten Teilen Schwedens zu einem stundenlangen Stromausfall kommt, rückt die Familie unmerklich wieder zusammen: William wird von seinen Kollegen verdächtigt, mit Terroristen zusammenzuarbeiten, die hinter der Cyber-Attacke auf das Stromnetz stecken. Christina recherchiert zu den Hintergründen und ahnt bald, dass sie selbst die Wahrheit herausfinden muss, um ihren (Noch-)Ehemann von den Vorwürfen reinzuwaschen und ein ganz anderes Komplott aufzudecken. Und Sara hat, ohne etwas davon zu ahnen, wichtige Dokumente in ihrem Besitz.

Olsson gelingt es sehr geschickt, die private Ebene der Sandbergs mit einem Bedrohungsszenario zu verbinden, das bald apokalyptische Ausmaße annimmt. Wie sich zeigt, ist der Stromausfall nur der Vorbote viel gefährlicherer Attacken: Das gesamte Internet könnte lahmgelegt werden, und damit das Funktionieren unserer Gesellschaft. Der Autor kombiniert dabei Philosophie und Technologie, Familientragödie und Verschwörungstheorie, sentimentale Momente mit sehr modernen Themen, die durchaus geeignet sind, ein paar scheinbare Selbstverständlichkeiten unserer Welt infrage zu stellen.

Beeindruckend ist nicht so sehr die sprachliche Brillanz. Eine Stelle wie diese zeigt schon das höchste Maß an Poesie, das sich Olsson erlaubt: „Er schwitzte. Und das lag nicht daran, dass es zu warm war. Er war gestresst, nervös, spürte, wie es aus seinem Jackett förmlich zu dampfen begann, als wäre sein Hemd ein Geysir aus unterdrückter Angst.“ Seine Stärke ist vielmehr der Mut, sich an grundlegende Themen zu wagen und dabei auch auf aberwitzig anmutende Ideen zu kommen, diese aber klug herbeizuführen. Und vor allem vollführt er ein sehr raffiniertes Spiel mit den Erzählsträngen dieses Thrillers.

Personen werden in Das Netz grundsätzlich ohne Namen eingeführt. Immer, wenn man ihnen als Leser etwas näher gekommen ist oder in eines der Rätsel der vielen Handlungsstränge ein bisschen Licht gebracht hat, erfolgt ein Szenenwechsel, und zwar genau in dem Moment, in dem sich ein Aha-Effekt einstellt, der zugleich die Anschlussfragen und die nächsten Rätsel mit sich bringt, auf deren Auflösung man dann gebannt wartet. Man kann es manipulativ finden, den Leser so unbarmherzig (und mit einer so klar erkennbaren Masche) auf die Folter zu spannen. Aber es funktioniert.

Olsson wählt eine bedrohliche Winteratmosphäre als Hintergrund, er setzt auf mysteriöse Datenträger, gefährliche E-Mails und gleich mehrere spektakuläre Verfolgungsjagden. Viel stärker als diese Action-Elemente wirken in Das Netz aber die emotionalen Momente nach. Seine sehr intelligente Reflexion über Fragilität und Identität, auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene, wirft letztlich nichts weniger auf als die Frage: Was macht Leben aus?

Bestes Zitat: „Das Internet war wie ein Nest, in das jeder sein Ei gelegt hatte. Mittlerweile war die ganze Welt davon abhängig, dass es funktionierte. Die Wirtschaft, die Infrastruktur, die Institutionen. Ohne Internet würde alles zusammenbrechen. Und was entstand dann?“

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