Josefine Rieks – „Serverland“


Autor Josefine Rieks

Serverland Josefine Rieks Rezension Kritik

Eine Zukunft ohne Internet entwirft Josefine Rieks in „Serverland“.

Titel Serverland
Verlag Hanser
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Irgendwann rund um das Jahr 2060 spielt Serverland. Dass der Debütroman von Josefine Rieks aber gerade keine Science Fiction ist, stellt vielleicht schon den größten Coup an diesem Buch dar: Die Zukunft sieht hier aus wie die 1980er Jahre. Die Autorin, 1988 in Höxter geboren und unlängst mit dem Alfred-Döblin-Stipendium bedacht, entwickelt ein Szenario, in dem sich die Weltgemeinschaft entschlossen hat, das Internet wieder abzuschaffen. Nach diesem „Shutdown“ sind soziale Netzwerke, E-Mail und Online-Shops nur noch Relikte aus der Vergangenheit, so wie Telefonzellen es für uns heute sind.

Die Hauptfigur des Romans hat ein Faible für diese nicht mehr vorhandenen Technologien. Reiner ist Mitte 20, Single und arbeitet bei der Post. Er sammelt Computer auf dem Sperrmüll, spielt heimlich Ego-Shooter, wenn er sie mit seiner zusammengestückelten Technik zum Laufen bekommen kann, und hat sich ein paar Programmierkenntnisse angeeignet, auch wenn die in seiner Welt kaum gefragt sind. Ein Bekannter von ihm will dieses seltene Know-how allerdings doch nutzen und nimmt ihn eines Tages mit zu einem abgesperrten Gelände außerhalb von Berlin, später mit nach Holland. Dort gibt es Hallen, in denen die stillgelegten Server von Google vor sich hin vegetieren. Eine kleine Gemeinschaft junger Leute träumt davon, diese wieder zum Leben zu erwecken und selbst zu erleben, welche Möglichkeiten die globale Vernetzung bietet. Reiner soll dabei helfen und wird vom Nerd plötzlich zum (sogar von Mädchen) umgarnten Aktivisten.

Sehr geschickt nimmt Josefine Rieks damit die Utopien ins Visier, die mit den Anfangstagen des Internets verbunden waren. Das Netz beherbergt für die Kids, die sich in Serverland versammeln, nicht in erster Linie Daten, sondern das Versprechen von Freiheit. Die Naivität, die darin steckt, zeichnet die Autorin ebenso nach wie die typische Dynamik einer Jugendbewegung. Sie wird (auch) hier von einem puren Idealismus getragen, der permanent droht, fragmentiert und kommerzialisiert zu werden. Parallelen zu Occupy kann man dabei ebenso erkennen wie zu Dystopien wie Die Welle.

Dazu kommt eine technologische Komponente: Inmitten des Aufeinandertreffens von Party und Rebellion, das sich in Serverland abspielt, inmitten von Freaks, Philosophen und Trittbrettfahrern, ist Reiner einer der wenigen, die halbwegs verstehen, wie das Internet wirklich funktioniert, welche Möglichkeiten es hat, wo es aber auch an seine Grenzen stößt. Man kann das als einen Appell für mehr Medien- und IT-Kompetenz im Land verstehen, was zum etwas pädagogischen Charakter des Romans passen würde. Als Material, um im Schulunterricht unseren Umgang mit dem Internet zu reflektieren, ist dieses Buch bestens geeignet. Auch, weil Serverland erzählerisch und stilistisch eher schlicht daherkommt: Der Plot ist knapp und hat ein paar zu viele unplausible Zufälle und unvermittelte Sprünge, die Figuren sind schablonenhaft, die Sprache recht hölzern. So wohltuend es ist, dass eine junge Autorin hier keinen postmodernen Egotrip konstruiert, sondern unbekümmert die Genres mischt und auf eine interessante Geschichte mit einer originellen Ausgangssituation setzt, so deutlich wird doch: Eine begabtere Schriftstellerin hätte aus dieser Idee deutlich mehr herausholen können.

Der beeindruckendste Effekt des Romans, der die Zukunft wie die Vergangenheit gestaltet, ist deshalb der Blick auf die Gegenwart. Zum einen hinterfragt Serverland die Sehnsucht nach Echtem, nach analoger Entschleunigung und digitaler Askese. Möchten wir die wirklich? Was würden wir dafür preisgeben? Was soll an die Stelle dessen treten, was heute vom Internet ausgefüllt wird? Zum anderen spiegeln sich in den Hoffnungen der jungen Leute in Serverland die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Potenziale, über die das Internet eigentlich weiterhin verfügt. Gerade dadurch wird eklatant, wie wenig konstruktiv wir das Netz heute nutzen. Die Protagonisten des Romans betrachten die 2000er und 2010er Jahre als „absolute Spitze der menschlichen Entwicklung“, wie es an einer Stelle heißt. Als sie auf den Servern ein paar Musikvideos finden (eine zentrale Rolle im Roman spielt der Clip zu Rock DJ von Robbie Williams), werden diese bejubelt wie spektakuläre archäologische Fundstücke – nicht nur, weil sie ein Überbleibsel aus dieser vermeintlich goldenen Ära sind, sondern weil sie ein Symbol von Subversion, Provokation und Zitatkultur darstellen, von dem die Kids im fiktiven Post-Internet-Zeitalter träumen.

Dieser Sehnsucht die (Netz-)Realität des Jahres 2018 gegenüberzustellen, ist ebenso ernüchternd wie aufrüttelnd. Für die allermeisten Internet-Nutzer geht es heute nicht um Vernetzung, Teilhabe und Freiheit, wie sie den Vorstellungen der Serverland-Kids entsprechen, sondern um Entertainment, Selbstdarstellung und Konsum. So unwahrscheinlich die Möglichkeit eines Shutdowns erscheint, so sind die von Rieks angedeuteten politischen Beweggründe dafür doch in heutigen Online-Trends wie Filterblasen, Cyberkriminalität oder Online-Mobbing klar erkennbar: Auch und gerade im Netz sind wir Verführte unserer eigenen Schwächen – und wir tun nichts dagegen.

Bestes Zitat: „Es war Ehrfurcht. In diesen Schränken lagen wahrscheinlich Milliarden Dateien gespeichert. Geschrieben von unseren Eltern. Von einer ganzen Generation, die ihre Gedanken allen anderen zugänglich gemacht hatte. Sie hatten sich davon etwas versprochen, etwas Unklares, das sie nicht beschreiben konnten. Davon ging ich zumindest aus.“

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