Frankie Cosmos – „Vessel“


Künstler Frankie Cosmos

Frankie Cosmos Vessel Kritik Rezension

Unter anderem die Live-Erfahrung von Frankie Cosmos hat Spuren auf „Vessel“ hinterlassen.

Album Vessel
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Kennt man Frankie Cosmos noch nicht, dann muss der erste Eindruck von Vessel die unfassbare Spontaneität und Reduziertheit sein, die aus diesen Songs spricht. In der Tat wurde das gestern veröffentlichte dritte Album des Quartetts aus New York größtenteils live aufgenommen. Im Durchschnitt sind die 18 Lieder nicht einmal 2 Minuten lang, vieles erinnert an Bekenntnisse aus dem Kinderzimmer im elterlichen Reihenhaus oder aus dem Bett der ersten eigenen WG, sodass man etwa Emmy The Great oder SoKo gut als Referenzen heranziehen kann.

Wer den Weg von Bandleaderin Greta Kline (die Tochter von Oscar-Preisträger Kevin Kline), David Maine (Bass), Lauren Martin (Keyboard) und Luke Pyenson (Schlagzeug) schon seit dem Debüt Zentropy (2014) verfolgt, wird hingegen eine ziemlich erstaunliche Entwicklung feststellen. Die Gesamtspielzeit hat sich seit dem ersten Album verdoppelt, auch die Arrangements sind für den, ähm, Kosmos von Frankie Cosmos beinahe opulent. Being Alive ist ein treffendes Beispiel dafür. Das Lied hatten die New Yorker vor einer ganzen Weile schon bei Bandcamp veröffentlicht, auf Vessel gibt es nun eine weiterentwickelte Version zu hören, die zeigt: Sie beherrschen Punk-Rasanz und Folk-Gesäusel, sogar innerhalb eines Lieds.

Auch The End wirkt beinahe, als wäre es bloß ein Demo, dennoch stecken schon alle Stärken von Frankie Cosmos drin. Die Aussage „I love you so / I let you know / as often as I can“ wird in As Often As I Can zweimal wiederholt, dann ist es auch schon gut und das Lied ist vorbei. Duet zeigt, dass ein Song bei dieser Band auch innerhalb einer sehr kurzen Spielzeit sehr erstaunliche Wendungen nehmen kann, wie hier das instrumentale und sehr abstrakte Break beweist. Für Hereby gilt ebenfalls: Das ist nicht (zu) kurz, sondern kompakt.

Es ist diese Konzentration aufs Wesentliche, die sich als elementare Stärke von Vessel erweist, und aus der das Album seine Unmittelbarkeit und Schönheit bezieht. Die Mädchenstimme und E-Gitarre von Greta Kline machen den Auftakt Caramelize schon bezaubernd, bevor die Band einsetzt – das ist so bittersüß, ehrlich und etwas schräg, als hätte man es mit einem weiblichen Graham Coxon zu tun. Accommodate könnte man sich (inklusive der Zeile „My body is a burden“) von Those Dancing Days vorstellen. Bus Bus Train Train vereint Niedlichkeit, Unschuld und Alltagsgeschichten, verpackt in einen Garagensound – dieses Prinzip kennt man von Jonathan Richman.

Dass Vessel – für Greta Kline ist es ihre insgesamt 52. Veröffentlichung, neben ihrer Inkarnation als Frankie Cosmos war sie beispielsweise auch als Ingrid Superstar und als Bassistin bei Porches bereits aktiv – alles andere als ein unbedarftes Werk ist, wird bei genauerer Betrachtung unverkennbar deutlich. In der Single Apathy kann auch die klare, hingehauchte Stimme nicht die Härte verbergen, die in diesem Song steckt. I’m Fried glänzt mit dem Zusammenspiel der beiden Stimmen von Greta Kline und Lauren Martin, Ballad Of R & J vereint Schrammeln und Schönheit. „I’m not like anyone else my age”, singt die 24-Jährige in This Stuff, und man möchte wetten, dass diese Abweichung in beide Richtungen reicht: Ihre Texte zeigen, wie erwachsen und weise sie sein kann, aber auch, dass sie zu Unbekümmertheit in der Lage ist, ebenso wie zu kindischem Verhalten, das sie letztlich nur halb bereut.

Vessel ist auch von der umfangreichen Live-Erfahrung der Band geprägt. So sind als Gäste diesmal Alex Bailey (ehemals Warehouse, er wurde mittlerweile als festes Bandmitglied am Bass bei Frankie Cosmos aufgenommen), Vishal Narang (Airhead DC) und Singer/Songwriterin Anna McClellan dabei, mit allen waren sie zuvor gemeinsam auf Tour. Produziert wurde das Album von Hunter Davidsohn, der schon bei Zentropy und dem Nachfolger Next Thing (2016) beteiligt war.

Nicht zuletzt beweist die Platte, wie gut (von mir aus auch: reif) Greta Kline als Songwriterin ist. „I never look back / it only hurts my head“, singt sie in Cafeteria – natürlich stimmt das nicht. Vielmehr führt ihr scharfes Auge für bemerkenswerte Situationen, besondere Beziehungen und wiederholt auch für die oft verlogenen Mechanismen von Gruppendynamik dazu, dass ihre Songs ebenso persönlich wie universell sind. Die Single Jesse zeigt das mit der Überzeugung, sie könnte fliegen, wenn sie es nur eifrig genug versuchen würde (und nicht so verdammt müde wäre). Im über weite Strecken instrumentalen Same Thing macht sie deutlich, dass sie nicht bloß eine Dichterin oder Tagebuchschreiberin ist, die notgedrungen ein paar Akkorde zu ihren Texten packt, sondern ebenso eine sehr versierte Musikerin. Im Titelsong als Abschluss des Albums kommen all diese Qualitäten noch einmal zusammen: Vessel würde bei anderen Acts nach wie vor als ein schlichtes Arrangement durchgehen. Hier wirkt es nicht nur eindringlich und ehrlich, sondern wirklich wie ein Opus Magnum.

Im Video zu Jesse erwacht der Pudel vom Plattencover zu (ein bisschen) Leben.

Frankie Cosmos bei Facebook.

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